Jüdischsein oder Nichtsein

von Assaf Gavron

Ich und alle anderen (Ausgabe IV/2016)


Vor zwei Jahren, im Sommer 2014, zog ich mit meiner Familie von Tel Aviv in Israel in den tiefsten Mittleren Westen Amerikas, nach Omaha in Nebraska. Drei Dinge lassen sich über diese Stadt sagen: Sie ist die Heimat der Steaks, Geburtsort des Multimilliardärs Warren Buffett und sie ist von endlosen Kornfeldern umgeben. Weniger bekannt ist ihre Universität, an der ich Literatur und Kreatives Schreiben unterrichten sollte, oder ihre kleine jüdische Gemeinschaft, die uns sehr herzlich empfing.

Einige Wochen später fiel uns auf, dass uns Leute aus der jüdischen Gemeinschaft ständig fragten, welcher der Synagogen wir uns verbunden fühlten. Die meisten jüdischen Gemeinschaften in den USA beherbergen drei verschiedene Glaubenskongregationen – orthodox, konservativ und reformorientiert. Jede Richtung hat ihre eigene Synagoge, eigene Unterrichtsklassen und Veranstaltungen. Als wir ihnen sagten, dass wir uns keiner Gemeinde zuordnen könnten, weil wir keine religiösen Juden wären und eigentlich nie in eine Synagoge gingen, blickten wir in große Augen. „Religiös?“, fragten sie überrascht. „Wir sind auch nicht religiös.“

Wir lernten, dass die meisten tatsächlich nicht im strengen Sinn religiös waren, wie wir es aus Israel kannten, wo es eine sehr klare Unterscheidung zwischen religiös und säkular gibt. Die Juden hier in den USA fuhren am Samstag Auto, die meisten Männer trugen keine Kippa auf dem Kopf und viele aßen nicht einmal koscher. Dennoch fühlten sich die vielleicht 6.000 Juden Omahas einer der drei Kongregationen zugehörig und füllten jeden Freitag und Samstag die entsprechenden Synagogen und lauschten dem Gottesdienst. Säkulare in Israel machen das nicht. Wer dort in die Synagoge geht, ist religiös.

Als die Nachfragen nicht aufhörten – sie setzten uns nicht etwa unter Druck, es war mehr eine nicht nachlassende Neugier –, brachte mich das zum Nachdenken über verschiedene Perspektiven, aus denen man jüdische Identität betrachten kann. In Israel liegt das Judentum in der Luft. Mit jedem Atemzug inhaliert man dieses Judentum. Es umgibt einen, man braucht nicht darüber nachzudenken und nichts zu tun, um es am Leben zu erhalten. Das erinnert mich an David Foster Wallaces berühmte Frage „Was ist Wasser?“, die er anlässlich einer Rede vor College-Absolventen stellte und mit folgender Geschichte beantwortete: Zwei junge Fische schwimmen vor sich hin und treffen einen älteren Fisch, der ihnen entgegenkommt. Der ältere Fisch grüßt: „Guten Morgen, Jungs! Wie ist das Wasser?“ Die beiden jungen schwimmen eine Weile weiter, bis einer schließlich den anderen fragt: „Was zum Teufel ist Wasser?“

Israel ist ein so omnipräsentes, offensichtliches und alltäglich spürbares jüdisches Gewässer, dass man dort Judentum gar nicht „praktizieren“ muss. Jeden Freitagnachmittag zu Beginn des Sabbats wird es still, das Leben kommt zur Ruhe, die Geschäfte schließen, es fahren nur noch wenige Autos auf den Straßen. Spürbar verändert sich überall die Atmosphäre. Vor den großen jüdischen Feiertagen spiegelt die Werbung auf den Reklametafeln Bräuche und Feste. Die Kinder kommen aus der Schule und können wie selbstverständlich das entsprechende Feiertagslied singen. Man kann gar nicht anders, als nach dem jüdischen Kalender und durch ihn mit dem Brauchtum zu leben. Das ist das Wasser, in dem wir schwimmen, ohne uns dessen überhaupt bewusst zu sein.

In Amerika und dem Rest der Welt sind wir Juden jedoch eine Minderheit. Auch hier gibt es Kalender mit öffentlichen Feiertagen, doch dies sind nationale Feiertage, die mit dem Judentum nichts zu tun haben. Es wäre möglich, sein Leben zu leben und das Jüdischsein einfach zu vergessen. Für mich, der ich viel im Ausland gelebt habe – zusammengerechnet 14 Jahre meines Erwachsenenlebens –, in England, ­Kanada, Deutschland und den USA, war es immer schön, mein Judentum abzustreifen und die lokalen Kulturen zu entdecken. Es war einfach, denn meine israelische Identität half mir, nicht zu vergessen, wer ich war: mein israelischer Akzent, meine israelischen Freunde, mit denen ich Hebräisch sprach, das Essen, dem ich die Treue hielt, und die Zeitungen, die ich las und die mir auf Hebräisch von Israel berichteten. Mehr brauchte ich nicht. Doch für die Juden in den USA ist es anders. Wenn sie mit ihrem Judentum verbunden bleiben wollen, wenn sie es ihren Kindern vermitteln und weitergeben wollen, wenn ihnen ihre jüdische Identität wichtig ist, dann müssen sie daran arbeiten. Sie müssen die Initiative ergreifen. Die Gemeinden in den Synagogen und die jüdischen Gemeinschaften stellen die Möglichkeiten dafür zur Verfügung.

Jeden Freitag zum Gottesdienst in die Synagoge zu gehen und in den Gebetsbüchern zu lesen, ist für sie keine unnötige religiöse Aktivität wie für einen säkularen Juden wie mich. Es ist notwendig für die Verbundenheit mit ihrer jüdischen Identität in einem nicht jüdischen Land.

Heute kann ich diese große Mehrheit der Juden Omahas (und der amerikanischen Juden generell) besser verstehen und respektiere, dass sie ihr Judentum in einer Weise praktizieren, wie ich es niemals tun würde, obwohl auch sie so säkular sind, wie ich es bin. Ich würde mir nur wünschen, dass sie umgekehrt auch verstehen könnten, dass meine Entscheidung, keiner Kongregation beizutreten und ihre Synagoge zu besuchen, keine Entscheidung gegen sie oder gegen meine jüdische Identität ist. Im Gegenteil: Sie ist genauso sehr ein Ausdruck meiner Identität, wie umgekehrt ihre Wahl einer Glaubenskongregation es für sie war.

Aus dem Englischen von Karola Klatt



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