Akademiker auf der Flucht

von Luciano Floridi

Das neue Italien (Ausgabe III/2016)


In meiner Jugend glaubte ich stark an den Mythos der Leistungsgesellschaft. Meine Eltern predigten, wenn du schneller als alle anderen rennst, wirst du gewinnen. Wenn du härter als alle anderen arbeitest, wirst du Erfolg haben. Spätestens in meinen Zwanzigern musste ich jedoch einsehen, dass dies in Italien nicht der Fall ist. Ich realisierte, dass ich ohne die nötigen Kontakte, ohne die Unterstützung durch die richtigen Leute nie etwas erreichen würde. In dieser Hinsicht muss ich meinen damaligen Dozenten und Professoren fast dankbar sein, dass sie mich ungewollt zur Auswanderung drängten. Ohne diese fehlende Förderung wäre es nie dazu gekommen!

Mein Weg führte mich an die Universität Oxford. Hier fand ich das richtige Umfeld, um zu meinen zwei großen Interessensgebieten zu forschen: Philosophie und Information im digitalen Zeitalter. Für mich markiert die Verbreitung des Internets einen nie dagewesenen Wendepunkt. Das Internet bietet uns die einzigartige Möglichkeit, Milliarden von Menschen zu verbinden, die Verständigung zwischen den Völkern zu fördern und Bildung für alle zugänglich zu machen. In den 1990er-Jahren schien es, als ob Italien für diesen Weg offen sei. Es war damals eines der  ersten Länder mit Anschluss zum Internet überhaupt. Heute ist Italien eines der am schlechtesten vernetzten Länder in Europa und der Diskussion darüber wird mit Desinteresse begegnet.

Die Bildung in Italien spiegelt das Desinteresse an dieser digitalen Revolution wider. Denn das italienische Bildungssystem ist in einem kaum vorstellbaren Maße verschlossen. Wenn man die anderen großen Länder Europas anschaut, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Spanien, dann wird einem bewusst, dass die italienische Sprache keinen großen Geltungsbereich hat. Italienisch ist keine internationale Sprache. Es gibt spanisch-, französisch-, englisch-, deutschsprachige Gemeinschaften auf der ganzen Welt, aber keine italienische. Für Italien gibt es kein Land auf der ganzen Welt, das aufbauend auf Sprache und Kultur einen Vergleich und dadurch eine alternative Sichtweise auf das eigene Land bietet. Italien besitzt sozusagen keinen Spiegel. Dadurch ist Italien ein besonders geschlossener, selbstbezogener, autorefenzieller Raum in Europa. Wenn man nach Italien geht, könnte man annehmen, dass der Rest der Welt nicht existiert.

Italien hat eine lange Geschichte von unzähligen Invasionen aus allen möglichen Kulturbereichen, von den Arabern in Sizilien bis zu den nordischen Völkern in der Lombardei. Diese Geschichte, verbunden mit einer schlechten Politik, einer faschistischen Vergangenheit und einem Nord-Süd-Gefälle, das in Europa einzigartig ist, macht Italien zu dem komplizierten und verschlossenen Land, das wir heute kennen. Wenn man zum Beispiel auf die Zahl der aus dem Ausland stammenden Beschäftigten an italienischen Universitäten blickt, kann man fast sagen, dass diese Gruppe geradezu inexistent ist.  Die Verschlossenheit, die die Deutschen bei ihrem eigenen Bildungssystem bemängeln, ist insofern trivial im Vergleich zu Italien. Wenigstens gibt es dort die Schweiz oder Österreich, die einen gewissen Austausch ermöglichen. Italien hingegen ist absolut isoliert. Das erleichtert natürlich wiederum den berühmten italienischen Nepotismus.

Das Problem ist, dass es gerade junger, gut ausgebildeter Leute bedarf, um diesen Herausforderungen entgegenzutreten. Wenn mich aber jemand persönlich fragt, was er tun soll, sage ich nunmehr seit zwanzig Jahren: Wandere aus! Sofort! Es ist traurig, da das Land durch diesen Braindrain umso mehr leiden wird.
Gleichzeitig gibt es auch positive Beispiele, die sich diesem Abwärtstrend widersetzen. Das Nexa Center for Internet & Society in Turin zum Beispiel oder die Universität von Urbino produzieren wertvolle Forschungsergebnisse im Bereich von Internet und Information. Langfristig bin ich daher hoffnungsvoll, dass es jungen Menschen, die beispielsweise an solchen Institutionen studiert haben, gelingen wird, Italien zu öffnen. Es ist einfach zu schwierig, dein Haus dauerhaft vor äußeren Einflüssen zu schützen. Letzten Endes wird die Globalisierung auch Italien erreichen, und sie wird Italien guttun. Genauso wie Europa Italien guttut. Daher ist es so wichtig, dass Studenten im Rahmen des Erasmus-Programms nach Europa ausfliegen und andere Bildungssysteme kennenlernen. Einmal zurückgekehrt werden diese jungen Menschen das veraltete Bildungssystem aufrütteln. Es gibt Grund zur Hoffnung; es braucht aber einfach alles seine Zeit.

Protokolliert von Luca Seufert und Fabian Ebeling



Ähnliche Artikel

Was bleibt? (Wie ich wurde, was ich bin)

Bewahrer der verlorenen Sprachen

von Petro Rychlo

Wie ich in Czernowitz die Literatur der Bukowina und die Gedichte von Paul Celan entdeckte

mehr


Das neue Italien (Thema: Italien )

Auf in die Pampa

von Laureano Barrera

Die meisten Auslandsitaliener leben in Argentinien. Giacomo Di Matteo ist einer von ihnen

mehr


Am Mittelmeer. Menschen auf neuen Wegen (Editorial)

Editorial

von Jenny Friedrich-Freksa

Unsere Chefredakteurin wirft einen Blick in das aktuelle Heft

mehr


High. Ein Heft über Eliten (Thema: Eliten )

Mundtot gemacht

von Giuliana Sgrena

In Italien haben Intellektuelle nichts mehr zu sagen

mehr


Frauen, wie geht's? (Bücher)

Bilaterale Kulturbeziehungen

von Gudrun Czekalla

Die ersten Kontakte zwischen Deutschland und Italien nach 1945 fanden zwischen Industriellen, Handeltreibenden und Kaufleuten statt. Erst 1951 wurden wieder Bot...

mehr


Rausch (Wie ich wurde, was ich bin)

Schreiben mit Zorn

von Nuruddin Farah

Wie Dostojewski mir das Sitzen beibrachte, ich in Somalia zum Staatsfeind wurde und von der Macht der Sprache erfuhr

mehr