Kein Ufer, das rettet

von Erri De Luca

Das neue Italien (Ausgabe III/2016)


Seit zwanzig Jahren ernähren sich die Fische im Mittelmeer nun schon von Schiffbrüchigen. An Ostern 1997 rammte ein Kriegsschiff der italienischen Marine ein albanisches Patrouillenboot, die Kater i Rades, und versenkte es. Über achtzig Passagiere ertranken. Damit begann Italiens schändlicher Beitrag zum katastrophalen Umgang mit den Migrationsströmen. So ist der menschliche Körper inzwischen zum einträglichsten Frachtgut für den Transport über das Mittelmeer geworden, profitabler als Drogen. Die werden am Bestimmungsort übergeben, um bezahlt zu werden, während der menschliche Körper im Voraus zahlt und man ihn ins Meer werfen oder mit der gesamten Fracht verlieren kann, ohne dass der Händler Nachteile befürchten muss. Wir alle sind wissende Zeitzeugen des schlechtesten Schifffahrtsdienstes der Menschheitsgeschichte.

Wir haben Konzentrationslager für unerlaubt Reisende eingerichtet, wir haben sie in Straflager gesperrt und nennen sie „Gäste“, um zu verbergen, dass ihre Behandlung gesetzeswidrig ist. Gegen alle Regeln des Seerechts drängen wir Boote auf das offene Meer zurück. Doch mit diesen und anderen Maßnahmen haben wir die Migrationsströme nicht eindämmen können, so wie die Landesgrenze zwischen den USA und Mexiko sie nicht eindämmen konnte. Heute ist die Mehrheit der Amerikaner nicht mehr angelsächsischer Abstammung, sondern hispanisch. Aber nicht zuletzt wegen dieses Zuflusses neuer Energien sind die Vereinigten Staaten noch immer die größte Wirtschaftsmacht der Welt.

Die Flüchtlingsbewegungen gehören zu den größten Aufgaben, vor denen Italien und Europa heute stehen. Keine Schranken können die Menschenmassen aufhalten. Nicht einmal die Todesstrafe würde sie entmutigen, denn dem Tod sehen sie bereits ins Auge. In der Straße von Sizilien, der Meerenge zwischen Sizilien und Tunesien, ist die Titanic im Laufe der Zeit gut zwanzig Mal untergegangen.

Die Oberfläche der Ägäis ist noch immer das von ­Homer besungene Meer. Doch diesmal sind es nicht die Winde des Äolus, die Odysseus von Ithaka wegtreiben. Diesmal sind es die Küsten, die das Anlegen und Ankommen verweigern. Diesmal kommt das Schicksal, der widrige Wind, vom Land.

Wenn ein Schiff sinkt, füllen sich die Rettungsboote mit Passagieren. Heute füllen sie sich, weil das Festland untergegangen ist. Die Völker der Zelte, älteste Heimstatt unserer Spezies, setzen sich in Bewegung. So ziehen die Begründer neuer Völker in den Kielräumen der Schiffe, den Eisenbahnwaggons dritter Klasse umher. Wir erleben die Reise im Reinzustand, die Wanderung von einer Wunde auf der Oberfläche der Erde zur nächsten.

Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki



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