Die Kinder der Revolution

von Malaika Wa Azania

Das neue Italien (Ausgabe III/2016)


Ich war gerade einmal 15, als ich meinen ersten Mord miterlebte. Meine Familie war in eine Sozialsiedlung am Rande von Soweto, dem größten Township Südafrikas, umgezogen. Eines Abends wurde ein junger Mann bei einem Einbruch erwischt. Er war kaum älter als ich. Einige Nachbarn zerrten ihn auf die Straße und schlugen ihn fast zu Tode. Als er sich vor Schmerzen am Boden krümmte, stülpte man ihm einen Autoreifen über den Kopf, goss Benzin über seinen blutigen Körper und verbrannte ihn bei lebendigem Leibe. „Neck­lacing“, Halskrausenmethode, nannte sich diese Form der Selbstjustiz zu Zeiten der Apartheid. Menschen, die beschuldigt wurden, „Askaris”, Spione für die Apartheidsregierung, zu sein, wurden von Freiheitskämpfern mit brennenden Autoreifen um Hals und Arme gelyncht. Das war in den 1980er-Jahren. Doch der Mord, den ich mit anschaute, geschah im Jahr 2006.

„Südafrika ist frei, ihr seid frei, der Kampf zum Umbau der Gesellschaft ist längst gewonnen“, das ist das, was mir und anderen schwarzen Südafrikanerinnen und Südafrikanern seit dem Ende der Apartheid täglich mit auf den Weg gegeben wird. Nicht umsonst nennt man unsere Generation die „Born Free“, die „in Freiheit Geborenen“. Wir sind die vermeintlichen Nutznießer der neuen demokratischen Ordnung, die Erben des politischen Übergangs, wir müssen die Früchte der Revolution nur noch verwalten, so heißt es. Doch es sind Szenen wie der Lynchmord auf offener Straße, Erfahrungen von Gewalt, die Zweifel schüren. Denn in Wahrheit genügt ein Blick auf die sozialen Zustände im Land, um zu begreifen: Etwas ist faul im Staate Südafrika.

Ich wurde 1991 geboren, hinein in eine besonders bewegte Zeit für unser Land. Im Vorjahr war Nelson Mandela, der erste Präsident des späteren demokratischen Südafrika, nach 27 Jahren aus dem Gefängnis freigekommen. Seiner Entlassung folgte die Aufhebung des Parteienverbots, das 1960 von der Apartheidsregierung erlassen worden war. Zudem waren Verhandlungen über ein demokratisches Südafrika zwischen der Apartheidsregierung und progressiven Anti-Apartheid-Organisationen im Gange. Im April 1994, ich war gerade zweieinhalb, fanden die ersten demokratischen Wahlen statt. In den Augen der Welt war ich eine der ersten Südafrikanerinnen, die im Post-Apartheid-Staat groß wurden, eine, die vom Freiheitskampf ihrer Vorgänger profitierte und im demokratischen, gerechteren Südafrika leben würde. Doch die Realität sollte nicht ganz so vielversprechend sein.

Als Tochter einer armen Arbeiterfamilie wuchs ich auf den staubigen Straßen Sowetos in den Außenbezirken von Johannesburg auf. Eingerichtet wurden die Townships anfangs vom Kolonial- und später vom Apartheidsregime. Sie waren als Wohnsiedlungen für die Männer und Frauen gedacht, die in den Bergwerken oder in den weißen Wohnvierteln der Vorstädte als Haushaltshilfen arbeiteten. Mit dem Ende der Apartheid fiel zwar die Politik der Rassentrennung, die Umstände in den Townships änderte das allerdings nicht. Weiterhin blieben Orte wie Soweto ein Sammelbecken für die Armen, weiterhin war die dortige Bevölkerung von wirtschaftlicher und politischer Teilhabe ausgeschlossen und weiterhin griff die Kriminalität um sich.

Schwarze Südafrikanerinnen und Südafrikaner, das hat sich bis heute nicht verändert, leben am Kap der Guten Hoffnung noch immer in einem Zustand der Entmenschlichung. Diese Entmenschlichung begann mit der Kolonialisierung, fand ihren Höhepunkt in der Apartheid – und endete entgegen den verbreiteten Narrativen eben nicht mit der Gründung der demokratischen Republik.

Die Belege dafür sind zahlreich: Über ein Jahrhundert nach der Verabschiedung des Landgesetzes, mit dem die europäischen Kolonialherren die einheimische Bevölkerung Südafrikas de facto enteigneten, ist der Boden noch immer nicht an die rechtmäßigen Besitzer zurückgeführt. Gerade einmal zehn Prozent des Landbesitzes sind seit 1994 umverteilt worden. Gleiches gilt für die Bildungslandschaft: Junge Schwarze, die es heute schaffen, von Township-Schulen auf ethnisch gemischte Schulen in weißen Stadtvierteln zu wechseln, haben nur einen Achtungserfolg errungen. Selbst wenn sie an den neuen Schulen integriert werden, bleibt der institutionalisierte Rassismus davon unberührt.

Aus dieser Realität entwickelten sich in den letzten zwei Jahren auch die südafrikanischen Studentenproteste, die viel über das politische Klima im Land aussagen. Erste Demonstrationen fanden 2014 statt und begannen mit der #RhodesMustFall-Bewegung, in der Studierende von Universitäten mit kolonialgeschichtlichem Hintergrund  gegen die „weiße“ Dominanz im akademischen Raum protestierten. Im Jahr 2016 sind weniger als fünf Prozent aller Dozenten in Südafrika Schwarze.

Während viele Menschen die Bestrebungen der Studierenden auf das Abreißen von Kolonialstatuen reduzierten – so etwa an der Universität Kapstadt, wo sie die Statue des britischen Kolonialisten Cecil John Rhodes beschmierten und dann beseitigen ließen –, gingen die Bemühungen in Wirklichkeit weit darüber hinaus. Die Rhodes-Statue war symbolträchtig, denn sie betraf den Kern dessen, wofür die Studierenden kämpften: nicht nur für das Ende kolonialer Hierarchien an den Universitäten, sondern auch für das Ende der institutionalisierten Ungleichheiten in der südafrikanischen Gesellschaft.

Kurz nachdem die #RhodesMustFall-Bewegung in Fahrt kam, entstand die #FeesMustFall-Bewegung. Obwohl diese in erster Linie an die Regierung appellierte, förderungswürdigen Studierenden aus Arbeiterfamilien eine kostenlose Ausbildung zu ermöglichen, verwies sie auch auf viele der Themen, die die #RhodesMustFall-Bewegung aufgeworfen hatte. Ich war an diesen Protesten beteiligt, die zur vorübergehenden Schließung meiner und aller anderen Universitäten im Land führten – und das nicht nur aus politischen, sondern auch aus persönlichen Gründen.

Als ich 2013 meine Studiengebühren nicht bezahlen konnte, wurde ich von der Rhodes Universität in Grahamstown ausgeschlossen und damit aus einem Teil des gesellschaftlichen Lebens herausgerissen. Ich erfuhr, wie es ist, zu einer alleinerziehenden arbeitslosen Mutter heimzukehren, die finanziell selbst nicht über die Runden kommt, und ihr zu sagen, dass der einzige Weg aus der Armut versperrt ist. Zu arm zu sein, um eine Chance zu erhalten, sich aus der Armut zu befreien: Das ist eine der vielen erschütternden Erfahrungen, die wir „in Freiheit Geborene“ täglich durchleben müssen.

All das zeigt, dass Erfahrungen von Gewalt und Kriminalität keine Relikte aus der Ära der Apartheid sind. Im Gegenteil: Sie bestimmen den südafrikanischen Alltag auch im 21. Jahrhundert. Das Label „Born Free“ ist für die meisten schwarzen Südafrikaner meiner Generation nicht mehr als Etikettenschwindel. Es ist ein liberales Konstrukt, das uns entpolitisieren soll, indem es uns eine Freiheit vorgaukelt, die wir nie genossen haben.

„Good story to tell“ hieß die politische Kampagne, mit der sich der Afrikanischen Nationalkongress (ANC) bei den letzten Parlamentswahlen im Jahr 2014 einmal mehr gegen die Konkurrenz durchsetzte. Täglich wurden die Wählerinnen und Wähler des Landes mit Parteiwerbung bombardiert, die suggerierte, dass es in Südafrika unter der ANC-Regierung in den vergangenen Jahren in jeder Hinsicht vorangegangen sei. Vom sozialen Wohnungsbau bis zur Erweiterung des Stromnetzes – die „guten Geschichten“ schienen nie abzureißen. Sie waren vor allem an die schwarze Jugend des Landes gerichtet, an die Born-Free-Generation, der man vonseiten der Politik auch gerne mit dem Titel „Mandela-Generation“ schmeichelte. Nur eines von vielen Beispielen dafür, wie man versucht, die schwarze Jugend zu entpolitisieren und ihr ein Narrativ der Unbekümmertheit aufzudrücken, das davon ablenken soll, dass Südafrika in vielerlei Hinsicht ein unfreies und koloniales Land geblieben ist.

Das liegt vor allem daran, dass Freiheit mehr bedeutet, als man uns weismachen will. Ohne Frage hat sich Südafrika seit dem Ende der Apartheid verändert: Es wurden Gesetze gegen die gesellschaftliche Segmentierung erlassen, meine Generation hat Zugang zu Institutionen und öffentlichen Räumen, von denen unsere Mütter nur träumen konnten. Doch die Verankerung von Menschenrechten in der Verfassung allein macht uns nicht frei, das Wahlrecht per se macht uns nicht frei und der Umstand, dass wir zu einem bestimmten Zeitpunkt in Südafrika geboren wurden, erst recht nicht. Vielmehr ist der Zustand des Freiseins im Kern auch immer ein Zustand des Menschseins.

Erst wenn wir in einem Land leben, in dem Privilegien nicht mehr von der Hautfarbe bestimmt werden, sind wir frei. Der einzige Weg, dies zu erreichen, wird darin bestehen, das gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Monopol der weißen Minderheit im Land zu zerschlagen. Die Studentenproteste der jüngeren Vergangenheit markieren auf diesem Weg einen historischen Moment. Sie setzen den südafrikanischen Befreiungskampf fort, der entgegen allen politischen Bekundungen noch lange nicht vorbei ist. Denn Fakt ist, dass man unmöglich gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern kann, wenn die Mehrheit der Menschen im Land arm und entrechtet ist, dass man unmöglich in sozialem Frieden leben kann, wenn ein kleiner Teil der Bevölkerung unrechtmäßig erworbene Privilegien genießt, und dass man unmöglich frei sein kann, wenn man das Etikett „Born Free“ für bare Münze nimmt.

Aus dem Englischen von Claudia Kotte



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