Die ersten Bilder

von Carole Peterson

Was bleibt? (Ausgabe I/2016)


Meist gleicht die Kindheit einem verschwommenen Foto. Aber warum verblassen unsere frühesten Kindheitserinnerungen? Dieses Phänomen nennt sich „infantile Amnesie“. Das Durchschnittsalter der frühesten Erinnerung liegt bei etwa dreieinhalb Jahren. Der genaue Zeitpunkt ist aber von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Während manche Personen Erlebnisse vor diesem Alter in das Gedächtnis rufen können, haben andere keinerlei Erinnerungen an ihre frühe Kindheit.

Ein Junge, der an einer meiner Studien teilnahm, erzählte von einem Moment, in dem seine Mutter ins Krankenhaus fuhr, um ein Geschwisterchen auf die Welt zu bringen. Er weinte bitterlich und klammerte sich an ihr Bein, als sie das Haus verlassen wollte. Deutlich erinnerte er sich an die Muster, die seine Tränen auf dem Linoleumboden hinterließen. Zu diesem Zeitpunkt war er gerade einmal siebzehn Monate alt.

Im Allgemeinen haben Kinder ein gutes Erinnerungsvermögen. Gewisse Umstände beeinflussen jedoch, was unsere früheste Erinnerung ist. Ernsthafte Verletzungen wie ein gebrochener Arm sind herausstechende Ereignisse, die gut in Erinnerung bleiben. Ein zweijähriges Mädchen erzählte mir von einer Wunde, die sie sich zuzog, als ihr Bruder sie beim Super-Mario-Spielen vom Stuhl schubste. Dreizehn Jahre später fragten wir nach ihrer frühesten Erinnerung. Sie konnte das Erlebnis treffend wiedergeben. Emotional aufgeladene Erfahrungen, ob positiv oder negativ, bleiben dem Gedächtnis mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit erhalten.

Wie gut eine Erinnerung strukturiert, organisiert und ausgearbeitet ist, bestimmt, ob ein Moment der frühen Kindheit in Vergessenheit gerät oder nicht. Eltern helfen ihren Kindern dabei, einer Erinnerung als anschauliche Geschichte Gestalt zu geben. Manche Eltern reden regelmäßig und ausführlich mit ihren Kindern über ihre Erlebnisse: Was sie am Tag gemacht haben, wie sie den Besuch der Großeltern eine Woche zuvor fanden oder das letzte Weihnachten gefeiert haben. Es geht dabei nicht explizit um die Geschichte selbst, sondern um die Zeit, die sich für das Gespräch genommen wird. Das erklärt womöglich auch, warum sich insbesondere Erstgeborene an ihre Kindheit erinnern. Die Eltern haben mehr Zeit dafür gehabt, mit ihnen zu sprechen. Andere Eltern-Kind-Gespräche finden seltener statt, sind kürzer, pragmatischer und mehr darauf bezogen, wie sich ein Kind verhalten sollte. Die Auseinandersetzungen führen aber nicht automatisch dazu, dass ein Moment der Kindheit im Gedächtnis bleibt. In erster Linie formt es unsere Angewohnheiten, wie wir an Vergangenes zurückdenken, wie wir darüber sprechen und welche Rolle unsere Kindheit dabei einnimmt.

Es gibt jedoch nicht nur individuelle Unterschiede. Daneben hängt es davon ab, in welcher Kultur man aufgewachsen ist. Zum Beispiel hat man herausgefunden, dass die Zeitspanne der infantilen Amnesie bei Kindern und Erwachsenen in China länger andauert als bei Westeuropäern und Nordamerikanern. Aborigines aus Neuseeland, die Maori, haben erwiesenermaßen besonders frühe Kindheitserinnerungen. Der unterschiedliche persönliche Austausch zwischen Eltern und Kind in verschiedenen Kulturen wird als ein Grund für diese Unterschiede genannt.

Die Eltern westlicher Gesellschaften, die besonderen Wert auf Individualität legen, widmen sich persönlichen Eigenschaften, Vorlieben und Gefühlen des Kindes. Indem das Kind auf diese Weise über das vergangene Erlebnis berichtet, wird es zur Hauptperson seiner eigenen Geschichte. Dieses Verständnis wird in einigen Kulturen zugunsten eines Selbstbildes abgestuft, das Beziehungen in den Mittelpunkt stellt; Gruppenzusammenhalt, moralische Standards und soziale Normen rücken im Gespräch in den Vordergrund. Die Eltern leiten die Geschichte. Eine Studie ergab, dass taiwanische Mütter, die sich mit dem Konfuzianismus identifizieren, bei der Auseinandersetzung einer Erfahrung mit ihrem Kind vor allem auf ein bestimmtes Missverhalten hinwiesen. Betont wurde, was es hätte anders machen können und welche Schlüsse es daraus für die Zukunft ziehen muss.

Ausschlaggebend für unsere frühesten Erinnerungen sind also nicht nur die komplexen Funktionsweisen unseres Gedächtnisses, sondern auch das soziale und kulturelle Umfeld, in dem wir leben.

Aus dem Englischen von Marie Heinrichs

 



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