Das kenn‘ ich doch

von Douwe Draaisma

Was bleibt? (Ausgabe I/2016)


„Wir alle kennen ein Gefühl, das uns gelegentlich überrascht, als ob wir das, was wir sagen und tun, schon vor langer Zeit gesagt und getan hätten“, grübelte bereits David Copperfield in Charles Dickens’ gleichnamigen Roman. Zu behaupten, David habe ein Déjà-vu-Erlebnis gehabt, wäre jedoch nicht richtig, denn der Begriff existierte noch nicht, als Dickens den Roman 1850 veröffentlichte. Erst 1900 setzte sich der Vorschlag des französischen Arztes Florence Arnaud durch, dieser Täuschung mit „Illusion de déjà vu“ einen Namen zu geben. Die Erfahrung selbst gibt es aber vermutlich schon immer.

Ein Déjà-vu-Erlebnis beginnt plötzlich und ist zumeist flüchtig. In dreifacher Weise hält man dabei eine Illusion für wahr. Zum Ersten fühlt sich ein Déjà-vu an wie eine Erinnerung, ist es aber nicht. Es ist, als würde man einen Moment des eigenen Lebens nochmals erleben, auch wenn man nicht sagen kann, wann man diese Erfahrung zum ersten Mal gemacht hat. Zweitens geht das Gefühl der Vertrautheit so weit, dass man zu wissen glaubt, was geschehen wird, obwohl man nichts wirklich vorhersagen kann; gleich einem Wort, das einem auf der Zunge liegt. Drittens lässt uns ein Déjà-vu unerwartet stocken und ruft ein vages Gefühl der Beklemmung hervor. In der französischen Literatur wird das Erlebnis oft als „un sentiment pénible“, als ein beschwerliches Gefühl beschrieben. Die meisten Déjà-vus dauern höchstens ein paar Sekunden. Danach löst sich die geheimnisvolle Gleichzeitigkeit von Vertraut- und Fremdsein wieder auf.

Meist sind Déjà-vu-Erlebnisse kurzlebig, sie kommen aber auch in einer chronischen Variante vor oder verlieren sich in einem schizophrenen Wahnsystem. Oft entstehen sie ohne eine beweisbare neuronale Störung, sie können aber auch der Beginn eines epileptischen Anfalls sein. Es ist unwahrscheinlich, dass eine einzige Erklärung auf alle Varianten zutrifft.

Dem gebildeten Menschen des 19. Jahrhunderts konnten an den unterschiedlichsten Orten Betrachtungen über Déjà-vu-Erlebnisse begegnen: in Büchern über das Gedächtnis, in psychiatrischen Analysen, in  medizinischen Fachzeitschriften sowie in Gedichten und Romanen. An Erklärungen schien es nicht zu mangeln, dennoch tappte man völlig im Dunkeln.

Die Beantwortung der Frage, welche Unterschiede mit welchen Umständen zusammenhängen, begann Anfang des 20. Jahrhunderts mit den Forschungen und Umfragen des niederländischen Psychologen Gerard Heymans. Ihm zufolge wird das Gefühl der Bekanntheit durch Assoziationen zwischen dem Wahrgenommenen und früheren Erfahrungen bestimmt. Bei einem Déjà-vu, vermutete er, werde die aktuelle Wahrnehmung durch eine zeitweilige Konzentrationsstörung mit zu schwachen und zu wenigen Assoziationen versorgt. Für das Bewusstsein entsteht so die Illusion einer vagen Erinnerung. Diese These erscheint auch im Licht späterer Forschungen plausibel.

Derartige Störungen können durch die unterschiedlichsten Ursachen auftreten: durch Alkohol, traumatische Ereignisse, Erschöpfung oder Lampenfieber. Tatsächlich hat sich gezeigt, dass Umstände wie Alkoholeinfluss, Müdigkeit oder Stress das Auftreten eines Déjà-vus begünstigen. Was genau ein Déjà-vu ist, lässt sich momentan noch nicht sagen.

Heute bewegt sich die Forschung vor allem im Bereich psychischer Störungen und der Pathologie, einem Teilgebiet der Medizin, das sich mit ungewöhnlichen Körperzuständen befasst. Laut dem zurzeit erfolgreichsten Autor über Déjà-vus, dem Psychiater Herman Sno, widersprechen sich die Erkenntnisse unterschiedlicher Forscher. Der eine stellt einen Zusammenhang mit neurotischen Beschwerden fest, die bei einem anderen nicht vorkommen. Alter, Intelligenz, sozial-ökonomischer Status, ethnischer Hintergrund – das sind alles Faktoren, die zwar untersucht wurden, aber es konnte keine eindeutige Beziehung zu Déjà-vu-Erlebnissen nachgewiesen werden. Es gibt keinen Konsens über die Frage, ob die Unterschiede von Déjà-vus daraus hervorgehen, wie sie beschaffen sind oder wie häufig sie vorkommen. Das letzte Wort über die Ursachen ist noch lange nicht gesprochen.

David Copperfield ist mit seiner Verwunderung am Ende also nicht allein. Wer das Gefühl kennt, weiß, dass einen das Déjà-vu für einen kurzen Moment verwirrt zurücklässt.



Ähnliche Artikel

Was bleibt? (Thema: Erinnerungen )

„Im Libanon ist Verdrängung zum Dauerzustand geworden“

ein Interview mit Monika Borgmann

Die Orientalistin erklärt, warum es so schwer ist, die jüngste Vergangenheit aufzuarbeiten

mehr


Was vom Krieg übrig bleibt (Thema: Krieg)

Marching Band

von Bruce Boyd Raeburn

Wie sich durch den spanisch-amerikanischen Krieg der Jazz in New Orleans entwickelte

mehr


Was bleibt? (Thema: Erinnerungen )

„Es gibt keine historische Wahrheit“

ein Interview mit Milo Rau

Milo Rau inszeniert Theaterstücke über Ereignisse, die sich im kollektiven Gedächtnis festgesetzt haben

mehr


Inseln. Von Albträumen und Sehnsüchten (Thema: Inseln)

„Die Gebäude schaukeln ein wenig“

ein Gespräch mit Koen Olthuis

Der niederländische Architekt Koen baut künstliche Inseln, weil er an eine Zukunft auf dem Wasser glaubt

mehr


Was vom Krieg übrig bleibt (Thema: Krieg)

„Don’t mention the war!“

von Roger Boyes

Warum die Engländer so gerne über die Nazis lachen und wie der Krieg im Humor weiterlebt

mehr


Was vom Krieg übrig bleibt (Thema: Krieg)

„Die CIA ist von privaten Militärfirmen abhängig“

ein Interview mit Rolf Uesseler

Der Publizist über den rasanten Aufstieg nicht-staatlicher Militärunternehmen

mehr