Erfahrungen aus zweiter Hand

von Matthew B. Crawford

Ich und die Technik (Ausgabe IV/2015)


Wir sind Zeugen einer Krise der Aufmerksamkeit. Es geht heute um nicht weniger als die Frage, ob wir ein kohärentes Ich aufrechterhalten können. Gemeint ist ein Ich, das nicht unstet umherhüpft, sondern mit seinem Handeln bestimmte Ziele verfolgt und langfristigen Vorhaben nachgeht. Die Fähigkeit zu einem solchen Handeln ist zweifellos ein wichtiger Bestandteil der persönlichen Autonomie des menschlichen Individuums. Dieses Handeln wird erschwert, wenn wir durch die digitalen Medien unentwegt Reizen ausgesetzt sind, die gezielt gestaltet wurden, um unsere Aufmerksamkeit zu fesseln.

Aber indem wir „die Technologie“ allein dafür verantwortlich machen, dass es uns schwerfällt, uns auf einen Gegenstand zu konzentrieren, riskieren wir, eine grundlegendere Unstimmigkeit zwischen unserer zeitgenössischen Kultur und der menschlichen Natur zu übersehen: Wir gehören zu den Lebewesen, die einen Körper haben. Diese offenkundige Tatsache ist sonderbarerweise kein Bestandteil des offiziellen Selbstverständnisses der westlichen Kultur und unser Gefühl, in der Aktualität zentrifugalen Kräften ausgesetzt zu sein, die an uns in alle Richtungen zerren, hat zweifellos mit diesem blinden Fleck zu tun: dass wir unseren Körper übersehen.

Nach Ansicht der Phänomenologen, Vertretern einer philosophischen Strömung, darunter Maurice Merleau-Ponty und Alfred Schütz, entspringen die räumlichen Kategorien, derer wir uns im Alltag bedienen, der Verleiblichung und diese körperliche Organisation des Raums steht in enger Beziehung zu unserer Fähigkeit, die Welt wahrzunehmen. Schütz schreibt, ein Mensch interessiere sich vor allem für die Zone seiner alltäglichen Lebenswelt, die innerhalb seiner Reichweite liegt und sich räumlich und zeitlich um ihn als Mittelpunkt anordnet. In Bezug auf diesen Mittelpunkt organisieren wir die umgebende Welt anhand ihrer Orientierungspunkte: nah und fern, rechts und links, oben und unten, vorne und hinten. Der Inhalt der Welt innerhalb unserer Reichweite ist ständigen Veränderungen unterworfen, weil wir uns in der Welt bewegen. Diese phänomenologischen Erkenntnisse wurden durch neuere Arbeiten zum „Embodiment“ bestätigt, die zeigen, dass die Wahrnehmung untrennbar mit dem Handeln verwoben ist. Wir erkennen die Welt, indem wir in ihr handeln.

Das Konzept der Orientierung rund um einen körperlichen Mittelpunkt hilft uns, die neuartige, eines Mittelpunkts beraubte Aufmerksamkeitsumwelt zu verstehen, die sich in der zeitgenössischen Kultur herausgebildet hat. Grundlegend für die Aufmerksamkeit ist die Auswahl: Wir wählen etwas aus dem Strom der verfügbaren Wahrnehmungen aus. Aber da unsere Erfahrung zusehends durch mediale Repräsentationen vermittelt wird, die uns aus Situationen herausreißen, in denen wir als körperliche Wesen leben, die Dinge tun, ist das Prinzip der Auswahl kaum noch zu bestimmen. Einen virtuellen Rundgang durch die Verbotene Stadt in Peking oder durch die tiefsten Unterwasserhöhlen zu unternehmen, fällt uns heute kaum schwerer, als einen Blick auf die Gegenstände auf der anderen Seite des Raums zu werfen. Jedes ferne Wunder, jeder verborgene Ort und jede unzugängliche Subkultur steht meiner launischen Neugierde mithilfe von Smartphones und Computern augenblicklich zur Verfügung. All diese Phänomene verschmelzen in der einförmigen Distanzlosigkeit, die mich umgibt.

Aber wo bin ich? Es scheint keine nicht beliebigen Bezugspunkte zu geben, die ich verwenden könnte, um einen Horizont für eine Relevanzzone um mich zu ziehen, anhand dessen ich meine Position bestimmen und mich orientieren kann. Wenn sich die Achse von „Näher bei mir“ und „Weiter weg von mir“ auflöst, kann ich überall sein und stelle fest, dass ich mich kaum einmal an einem bestimmten Ort befinde. In der Gegenwart derer zu sein, mit denen ich mein Leben teile, wird so zu einer von vielen Optionen und wahrscheinlich ist sie in einem gegebenen Augenblick nicht die unterhaltsamste. Um es allgemeiner auszudrücken: Es ist eine beängstigende Herausforderung, auf einer entkörperlichten Wahlfreiheit ein kohärentes Leben aufzubauen.

Es fällt uns schwer, uns dieser Zwangslage bewusst zu werden, geschweige denn, dass wir uns aus ihr befreien könnten, denn in Ermangelung überzeugender moralischer oder religiöser Ideale klammern wir uns an die „Wahlfreiheit“ als Ersatz. Sie ist aber ein lediglich formales Prinzip ohne Inhalt, das jede tatsächliche Entscheidung, die wir fällen, im angenehm egalitären, schmeichelhaften Licht der Autonomie des Individuums erscheinen lässt. Auf diesem Prinzip beruht die Konsumgesellschaft: Freier zu sein, bedeutet einfach, mehr Optionen zu haben.

Unsere Ablenkbarkeit hat also mit größeren kulturellen Strömungen unserer Zeit zu tun und scheint ein Hinweis darauf zu sein, dass wir agnostisch in Bezug auf die Frage sind, was wert ist, Gegenstand unserer Aufmerksamkeit zu sein – was einen Wert hat. Um diese Frage wirklich frei beantworten zu können, brauchen wir einen Zufluchtsort, einen Raum für Ernsthaftigkeit. Der Moralist wird sagen, dass wir dem Lärm widerstehen und uns diesen Raum resolut verschaffen müssen. Stellen wir uns dieser Aufgabe, zu beurteilen, was einen Wert hat, nicht, so verfallen wir dem Nihilismus und finden uns damit ab, dass alle Unterscheidungen aufgehoben werden und jeglicher Sinn bloßer „Information“ weicht.

Ein Soziologe dürfte nachsichtiger mit uns sein. Er wird unsere Schwierigkeiten nicht auf unsere individuellen moralischen Mängel zurückführen, sondern die Ursache in einer kollektiven Zwangslage sehen, in der wir uns befinden, und darauf hinweisen, dass es heute kaum maßgebliche Anleitungen von der Art gibt, die früher von der Tradition, der Religion oder jener Art von Gemeinschaften gegeben wurden und die ernste Anforderungen an ihre Mitglieder stellen.

Sowohl der Moralist als auch der Soziologe haben recht. Die Frage, auf welche Dinge wir unsere Aufmerksamkeit richten sollen, ist eine Frage nach den Dingen, denen wir Wert beimessen sollen, und diese Frage wird nicht länger durch überkommene Formen des sozialen Lebens für uns beantwortet. Denn davon haben wir uns längst befreit.

Was also tun? Erlauben Sie mir, Ihnen eine Anregung zu geben: Gekonntes Handeln, die Anwendung von eigenen Fähigkeiten, bietet sich als grundlegendes, aber vielversprechendes Gegengewicht zu einem Leben auf dem Bildschirm an. Beispielsweise kann man ein feines Essen für eine besondere Gelegenheit kochen. Ein derartiges Handeln schafft begrenzte und klar strukturierte Aufmerksamkeitsmuster – ich nenne sie Aufmerksamkeitsökosysteme –, die unserem geistigen Leben Kohärenz geben können, und sei es auch nur für kurze Zeit. In einem solchen Ökosystem ist die Wahrnehmung des Menschen, der seine Fähigkeiten anwendet, auf jene Merkmale der Umwelt abgestimmt, die dem zielführenden Handeln förderlich sind. Unwesentliche Information wird ausgesondert, irrelevante Handlungsoptionen verschwinden.

Die materiellen Dinge, die wir in gekonntem Handeln manipulieren – ein Musikinstrument, ein Hockeyschläger, ein Garten –, können uns als eine Art von Autorität dienen. Eben weil sie nicht dazu gemacht sind, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln und unser Bedürfnis nach Neuem zu befriedigen, ist der gekonnte Umgang mit diesen Dingen geeignet, unsere Aufmerksamkeit zu strukturieren. Eine solche Praxis mag oft auch frustrierend sein, erfordert sie doch Geduld und Hingabe. Aber in diesem Bemühen erschließt sich uns eine solidere Welt, eine, in der wir einen festen Platz für uns finden können.

Aus dem Englischen von Stephan Gebauer



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