Lernen mit Blick auf Lenin

von Johanna Nimrich

Russland (Ausgabe III/2015)


Lenin schaut von der Wand herab. Auf dem großen Gemälde ist der Revolutionär wie ein junger Geschäftsmann inszeniert: hellbrauner Mantel mit hochgestelltem Kragen, weißes Hemd, breite, blaue Krawatte. Sein Gesicht ist ernst und entschlossen, die Augen leicht zusammengekniffen. Rotes Tuch wallt um den kommunistischen Politiker. Nur kleine Lücken lässt es frei, dort sind ein Satellit und der rote Stern über dem Kreml-Eingang zu sehen. Über dem gewaltigen Bild prangen die Worte „Russland, Arbeit, Volksherrschaft, Sozialismus“.

18 Augenpaare blicken nach vorn, mal bleibt der Blick auf Lenin hängen, dann konzentrieren sie sich wieder auf die Dozentin Irina Slatkina, die vor ihnen steht. „Praktische Stilistik in der mündlichen und schriftlichen Rede“ heißt die Unterrichtseinheit, der die Mitglieder der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation (KPRF) gerade folgen. Slatkina ist eine aktive kommunistische Politikerin im Omsker Oblast. Streng steht sie hinter dem Rednerpult und spricht mit klarer Stimme in den Saal hinein. Alle Schüler sprechen der zierlichen Dozentin mit dem Topfschnitt verschiedene Worte nach, es geht um deren korrekte Betonung. Einige Parteimitglieder machen engagiert mit, andere flüstern oder tippen auf ihrem Smartphone herum. Der Stilistik-Unterricht ist nur eine der Unterrichtseinheiten an diesem Sonntag. Weitere Fächer sind die Geschichte der Partei, Wahlkampfstrategien, Propaganda in sozialen Netzwerken, Organisation von öffentlichem Protest.

Jeden Sonntag treffen sich die Genossen im Saal der Parteizentrale des Omsker Oblast, also des Verwaltungsgebiets der Stadt Omsk in Westsibirien, zum gemeinsamen Unterricht. Hier sitzt auch Mikhail Freze, der unter der Woche als Englischdozent an der Staatlichen Omsker Universität lehrt. Der 36-Jährige wird in ein paar Wochen sein Parteischul-Diplom abschließen. Dies ist ein Zertifikat über den erfolgreichen Besuch der Parteischule und macht ihn zu einem möglichen Kandidaten für die nächsten Wahlen. „Mit dem Diplom verbessere ich erheblich meine Chancen, in der Partei aufzusteigen. Außerdem braucht die Partei dringend guten Nachwuchs.“ Seit mehr als einem halben Jahr besucht er jeden Sonntagvormittag die Parteischule, um sein Ziel zu erreichen. In Omsk zumindest stehen die Chancen für die Kommunisten nicht schlecht.

Bei den letzten regionalen Wahlen im Jahr 2011 gingen 21,87 Prozent der Stimmen im Omsker Oblast an die KPRF. Sie ist damit die zweitstärkste Partei im Oblast und die Region das zweitwichtigste Gebiet für die Kommunistische Partei in Russland. Auch bei den gesamtrussischen Parlamentswahlen 2011 war die KPRF die zweitstärkste Partei. Was nichts heißen muss – gegen Putins Regierungspartei Einiges Russland ist sie derzeit noch chancenlos. Und sie ist zerstritten. Denn die KPRF sieht sich zunächst einmal als Nachfolgerin der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), die im Jahr 1991 verboten wurde. Viele Mitglieder sind damals einfach mit in die neue Partei gekommen, sie wünschen sich das System der Sowjetunion zurück. Diese Mischung aus Nostalgie, Nationalismus und Kommunismus wird von anderen Parteimitgliedern jedoch abgelehnt. 2012 kam es daher zur Neugründung von zwei kommunistischen Parteien: die sogenannten Kommunisten Russlands und die Kommunistische Partei für soziale Gerechtigkeit.

In der Mutterpartei KPRF sind bis heute ein Großteil der Mitglieder ältere Herren. Doch vor allem in Omsk arbeitet man daran, den Nachwuchs gut auszubilden. Hier gibt es die einzige Parteischule eines KPRF-Regionalkomitees in ganz Russland. Jedes Jahr werden aus den Parteimitgliedern aus Omsk und den Dörfern der Umgebung junge Menschen ausgewählt, die sich das Diplom erarbeiten können. In Moskau gibt es des Weiteren die sogenannte höhere Parteischule des Zentralkomitees. Junge Parteimitglieder aus dem gesamten Land werden für einige Wochen dorthin entsandt, um an einem Intensivkurs teilzunehmen. Auch Freze wird im Sommer diese Chance bekommen.

Doch zunächst sitzt er zwischen seinen Genossen im lindgrün gestrichenen, geräumigen Saal des KPRF-Regionalkomitees und lernt, was bei einer Demo-Anmeldung zu beachten ist, welche Wahlkampf-Strategien welche Wähler erreichen und welche Rhetorik man am besten in einer politischen Rede nutzt. Mikhail Freze möchte in der Parteischule vorrangig seine Wissenslücken füllen. „Unser Bildungssystem ist nicht besonders gut, zudem informieren sich viele junge Menschen vor allem im Internet, wo es auch viel Mist gibt. Hier in der Parteischule hingegen werden wir zu guten Politikern ausgebildet.“ Lenin schaut von seinem Porträt auf die Schüler hinab. Über ihnen, an der weiß und golden verzierten Decke, hängen imposante Kronleuchter. Der Prunk vergangener Zeiten blättert, aber er wirkt noch.



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