Wie frei sind wir?

Philipp Felsch

Russland (Ausgabe III/2015)


Beim Lesen von „Autonomie. Eine Verteidigung“, dem neuen Buch des Philosophen Michael Pauen und des Sozialpsychologen Harald Welzer, ließ ich mich hin und wieder von Facebook ablenken, wo Katzenvideos und eine Diskussion über die europäische Ukraine-Politik um die knappe Ressource meiner Aufmerksamkeit rangen. Ist diese Entscheidungsfreiheit ein Zeichen von Selbst- oder Fremdbestimmung? Ich kam nicht auf die Idee, mir diese Frage zu stellen. Die Ironie der Situation entging mir völlig. Dass es in ihrem Buch nicht zuletzt auch um Facebook geht, verraten die Autoren nämlich erst am Schluss. Sie nehmen sich zweihundert Seiten Zeit, um die Idee der Autonomie vorzustellen, die sich seit der Aufklärung in Europa als politisches Ideal entwickelt und in den westlichen Demokratien zumindest partiell auch verwirklicht hat. Ihre Tour d’Horizon versammelt eine Fülle von Fachwissen und Alltagsbeobachtungen, ist flüssig zu lesen und vermittelt einen guten Überblick. Wenn ich trotzdem der Versuchung nicht widerstehen konnte, zwischendurch mein Facebook-Profil zu checken, lag das weniger an der Qualität des Textes als am Eindruck einer gewissen Ziellosigkeit. Die Geschichte der Autonomie folgt in ihren großen Linien nämlich der bekannten Fortschrittserzählung der Moderne von der Befreiung und Selbstermächtigung des Individuums. Musste diese Erzählung – gerade jetzt – noch einmal für alle verständlich aufgeschrieben werden?

Sie musste, lautet die Botschaft von Welzer und Pauen. Warum, das behalten die Autoren aber zunächst für sich. In ihren Augen ist die Autonomie, über die wir als Erbe der Aufklärung verfügen, in unseren Tagen einem massiven Angriff ausgesetzt. Die Bedrohung geht weder von der Rückkehr reaktionärer Ideologien noch von finsteren Autokraten aus. Sie beruht auf den digitalen Technologien und kommt aus dem Internet. Unternehmen wie Facebook oder Google sammeln unsere Daten. In Italien bietet die erste Krankenversicherung ihren Kunden günstigere Tarife an, wenn sie sich bereiterklären, verschiedene physiologische Parameter regelmäßig per App zu übermitteln.

Die Shitstorms und Flashmobs unserer medialen Gegenwart offenbaren den Konformismus digitaler Kollektive. Und wie wir dank Edward Snowden wissen, sind wir Opfer einer historisch beispiellosen Bespitzelungsaktion. Ihr ultimatives Schreckensszenario entnehmen Pauen und Welzer Dave Eggers’ im Jahr 2014 publiziertem Roman „The Circle“: eine Welt, in der ein kapitalistisches Unternehmen – im Namen der Demokratie und der Menschenrechte – die totale Transparenz durchgesetzt hat. Sie skizzieren die Konturen eines technologischen Dispositivs, das es möglich macht, uns umfassend und lückenlos zu überwachen. Doch anders als seinerzeit bei Orwell sind die meisten der in „The Circle“ vorkommenden Apps und Gadgets nur einen Schritt über die Gegenwart hinausgedacht. Wir agieren längst unter technologischen Bedingungen, die dafür sorgen, dass das meiste, was wir tun, irgendwelche Spuren auf irgendwelchen Datenträgern hinterlässt, auf die wir selbst kaum, interessierte Dritte dafür aber umso leichter zugreifen können. Aber niemanden scheint das ernstlich zu beunruhigen. Sicher, es gibt immer mehr Künstler wie Trevor Paglen oder Simon Denny, die die Aktivitäten der Geheimdienste zum Gegenstand ihrer Arbeiten machen. Doch selbst in Deutschland, wo Snowdens Enthüllungen im internationalen Vergleich verhältnismäßig heftige Reaktionen ausgelöst haben, findet keine nennenswerte öffentliche Debatte statt. Pauen und Welzer erfüllt das mit Unverständnis und mit Sorge. Aus diesem Grund haben sie ihr Buch geschrieben. Es muss als Versuch verstanden werden, unser Bewusstsein dafür zu wecken, wie ungeheuerlich die technologische Transformation der Gegenwart ist. Der alarmistische Ton gehört daher zur Methode.

Es steht außer Frage, dass die Befürchtungen nicht von der Hand zu weisen sind. Der Faschismus von morgen wird schrecklich sein. Die wenigen Juden, denen es gelang, im Untergrund von Berlin das Dritte Reich zu überleben, hätten beim heutigen Stand der Technik keine Chance gehabt. Verglichen mit dem, was im 21. Jahrhundert möglich ist, „war die Überwachung der Nationalsozialisten ein Spaziergang“. Als Harald Welzer dieses Gedankenspiel auf einer Tagung entwickelt, erhebt sich ein Zuhörer und wirft ihm vor, er würde die Opfer des Nationalsozialismus verhöhnen. Warum verlässt sich der junge Mann „auf die rituelle Macht des nachträglichen Widerstands“, fragt sich der Sozialpsychologe, anstatt sich der totalitären Bedrohung der Gegenwart zu stellen? Woher das scheinbar durch nichts zu erschütternde Vertrauen in die Stabilität des politischen Status quo? Beim Versuch, auf diese Fragen eine Antwort zu finden, ist Welzer ganz in seinem Element. So wie der legendäre Frosch im Kochtopf, der angeblich bis zum Siedepunkt im Wasser bleibt, wenn es ganz allmählich erhitzt wird, nehmen die Betroffenen die schleichende Veränderung sozialer Standards nicht adäquat zur Kenntnis. In der Sozialpsychologie ist von „Shifting baselines“ die Rede, um dem Phänomen Rechnung zu tragen, dass sich die menschliche Wahrnehmung parallel mit der Veränderung ihrer Umwelt verschiebt. Die Proteste gegen die Volkszählungen in der alten Bundesrepublik wirken angesichts der Datenmengen, die wir heutzutage allein über unsere Mobiltelefone übermitteln, wie von einem anderen Stern. Zur perspektivischen Verschiebung tritt in den demokratieverwöhnten Gesellschaften der westlichen Hemisphäre die Abwesenheit politischer Imagination hinzu. Den Totalitarismus stellen wir uns wie im guten alten Weltbürgerkrieg des 20. Jahrhunderts nach wie vor in Stiefeln und Uniform vor. Und davon ist zumindest hierzulande wenig zu bemerken. Das Posthistoire, das zuerst Alexandre Kojève und zuletzt Francis Fukuyama nach dem Zerfall der Sowjetunion ausriefen – der Glaube, die Geschichte sei im allgemeinen Wohlstand zu Ende gegangen –, lebt in unseren Köpfen wider besseres Wissen immer noch fort.

Zur Verteidigung unserer leichtfertig verspielten Autonomie rufen Pauen und Welzer daher den Prozess der Zivilisation in Erinnerung. Im historischen Teil ihres Buches rekapitulieren sie die politische Fortschrittsgeschichte der Moderne. Noch in den politischen Utopien der frühen Neuzeit oder in Leibniz’ Theodizee kann von Autonomie „in einem engeren Sinne“ nicht die Rede sein. Der Einzelne fand sich in das Getriebe eines großen Ganzen eingepasst. Erst Immanuel Kant übertrug die schon in der Antike existierende Idee der Autonomie vom Staatswesen auf das Individuum. Der Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit verlangt nach Selbstbestimmung. Allerdings bedeutet Autonomie bei Kant gerade nicht die Verwirklichung einer von allen anderen unterschiedenen Eigenart, sondern Unterwerfung unter das universale Vernunftgesetz. Zu dieser weiteren, folgenreichen Verschiebung kam es erst im Gefolge der Romantik. Anhand von Denkern wie Max Stirner, Friedrich Nietzsche oder Georg Simmel lässt sich verfolgen, wie der moderne Mensch aus überkommenen Bindungen entlassen und sukzessive zum Maßstab seiner selbst gemacht wird. Autonomie-Freaks wie der französische Romancier Joris-Karl Huysmans oder der russische Utopist Konstantin Ziolkowski wollten ihn an der Wende zum 20. Jahrhundert sogar von seiner Natürlichkeit befreien.

Doch solche extremen Varianten von Selbstermächtigung, die Gefahr laufen, in die Fremdbestimmung des Totalitarismus oder in das Gegenteil sozialer Anomie umzuschlagen, scheinen die Autoren nur der Vollständigkeit halber zu streifen. Ihr Interesse gilt der „üblichen“ Variante von Autonomie, wie sie freimütig einräumen, die ebenso in unserer Verfassung wie in unserer Wirtschaftsordnung verankert ist. Genau aus diesem Grund verfehlt ihr Buch, was sie sich mit guten Gründen vorgenommen haben: die historische Unwahrscheinlichkeit des westlichen Autonomie-Ideals gegen allen Anschein von Selbstverständlichkeit noch einmal plastisch zu machen und seine Errungenschaften leuchtend herauszustellen. Zu erwartbar verflicht ihre Erzählung das liberale mit dem demokratischen Credo. Dabei wären, um an begrifflicher und historischer Tiefenschärfe zu gewinnen, Überlegungen über ihre internen Spannungen und Widersprüche am Platz. Doch solche Exkurse wird man in diesem Buch vergeblich suchen. Was erst bedacht und erwogen werden sollte, setzen die Autoren stattdessen als Common Sense voraus.

Ich selbst gehöre zu denen, die sich mitunter die Frage stellen, ob Snowdens Enthüllungen und alles, was seither über die Machenschaften von Geheimdiensten und privatwirtschaftlichen Datengiganten ans Licht gekommen ist, nicht eine klarere politische und persönliche Reaktion erfordern. Dass Angela Merkels Handy abgehört wurde, konnte mich nicht wirklich skandalisieren. Und mein Interesse an Facebook nimmt eher zu als ab. Daran werden auch Pauen und Welzer nichts ändern. Abgesehen von der Voreingenommenheit ihrer historischen Analyse hat das noch einen zweiten Grund. Autonomie versus Technologie, so könnte man ihre Diagnose zusammenfassen. In der heutigen Situation erscheint sie schlichtweg unterkomplex. Schon seit Jahren empfiehlt Hans Magnus Enzensberger, dass wir unsere Handys wegwerfen sollen. Viel mehr fällt den Autoren am Ende auch nicht ein. Es interessiert sie kaum, dass Autonomie immer auch an Medienstandards gebunden war; dass die neuen Technologien unsere Selbstbestimmung nicht nur bedrohen, sondern in neue und ungeahnte Richtungen erweitert haben.

Auf Facebook erleben wir dieser Tage die Vorzüge der Deregulierung unserer politischen Debattenkultur. In Afrika hat das Mobiltelefon einer neuen Klasse von Kleinhändlern ermöglicht, eine ökonomische Existenz aufzubauen. Und das Homeoffice im Mai spontan nach Gran Canaria zu verlegen: Ist das nicht auch ein Zugewinn an – genuin westlicher – Autonomie? Es hilft nichts, die digitale Revolution von außen zu kritisieren. Dazu sind wir viel zu tief in sie verstrickt. Eine Apologie der Autonomie müsste ihren Gegenstand zunächst gezielter verfremden, um seine historische Kontingenz deutlicher hervortreten zu lassen. Aus dieser Position ließen sich dann auch interessantere Perspektiven für die Zukunft entwickeln.

Der Mangel an politischer Einbildungskraft, den die Autoren der in die Jahre gekommenen Generation Golf unterstellen, zeichnet ihre eigene Streitschrift aus. Zuletzt nehmen sie ihr sogar die behauptete Dringlichkeit, wenn sie bekennen, insgesamt „alles andere als pessimistisch“ zu sein, „was die Fortentwicklung unserer Gesellschaft in Richtung Freiheit und Autonomie angeht“: Schließlich seien wir auf diese Errungenschaften schlichtweg „angewiesen“. Das ist dann doch etwas zu schlicht gedacht. Um am Ende mit Heidegger zu spekulieren: Vielleicht kommt, was uns vor NSA und Google rettet, ja nicht von Kant, sondern aus dem Internet.

Autonomie. Eine Verteidigung. Von Harald Welzer und Michael Pauen. Fischer Verlage, Frankfurt am Main, 2015.



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