Politische Künstler sind unglaubwürdig

von Aude de Kerros

Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit (Ausgabe II/2015)


Künstler, die vor allem politisch sein wollen, sind für mich unglaubwürdig, denn sie werden bereits als kritisch bezeichnet, wenn sie ihre politische Einstellung „arty“ ausdrücken und damit die Medien erreichen.

Kunst kann zwar neue Denkräume eröffnen, es ist aber nicht ihre oberste Priorität, dass sie unbedingt neue politische Gedanken anstoßen muss. Außerdem wird der Effekt politischer Kunst überschätzt: Der Künstler Maurizio Cattelan stellte im September 2010 eine elf Meter hohe marmorne Skulptur eines Mittelfingers vor die italienische Börse in Mailand. Das war zwar eine Provokation und fand Gehör in den Medien, den Markt beeindruckte das aber keineswegs. Nach Angaben Cattelans ist das Werk ein Symbol zeitgenössischer Kunst und Ausdruck von Meinungsfreiheit gewesen.

Künstler müssen das Politische und die ihnen von Politik und Wirtschaft auferlegten Themen verlassen. Es ist die Politik, die Einfluss auf die Kunst nimmt, und nicht umgekehrt.

Kunst wird politisch, wenn der Staat sie ausnutzt. Schon immer erfüllten Künstler herrschaftliche Aufträge. Sie erschufen zum Beispiel Monumente und Werke, die Helden oder Schlachten illustrierten. Im Jahr 1917 spitzte sich diese Vermischung von Kunst und Politik zu. Der sowjetische Bolschewismus Lenins forderte von den Künstlern, ihre Autonomie aufzugeben. Er wurde für Propagandazwecke ausgenutzt und war Agent des „Tabula rasa“, des Neuanfangs. Die Propaganda denunzierte die Kunst.

Im Jahre 1960 kam es zu einer zweiten Form der politischen Abwerbung des Künstlers. Ost und West wollten den kulturellen Kalten Krieg gewinnen. Aufseiten des Westens, vor allem in New York, entstand die zeitgenössische Kunst. Sie baut auf dem Nichts, dem Hässlichen, dem schnell und schlecht Gemachten auf. Das Kunstwerk ist kein Wunsch-, Traum- oder Identitätsobjekt. Es ist nur eine Seriennummer. Oder es soll einen Skandal provozieren. Die zeitgenössische Kunst schafft die Illusion, die einzige Kunst heutzutage zu sein. Meiner Meinung nach ist sie überhaupt keine Kunst. Sie erschien als eine revolutionäre Kunst und hatte das Ziel, die intellektuelle und künstlerische Linke von der Faszination für den Kommunismus abzulenken.

Nach dem Fall der Berliner Mauer ging es darum, diese scheinbare revolutionäre Kunst in sichere Finanzderivate umzuwandeln. Zeitgenössische Kunst kann Wertpapier, Zinssatz und Handelsgegenstand sein. Sie ist ein Produkt der kapitalistischen Kulturindustrie. Die „too rich to fail“-Sammler erzeugen in einem geschlossenen Netzwerk den Wert dieser Kunstwerke. So wird Kunst zu einem grenzüberschreitenden Geldmittel und zu einer Maschine der willkürlichen Gelderzeugung, abseits von Banken, abseits des Fiskus.

Neben dem globalen wirtschaftlichen Einfluss auf Kunst nimmt in Frankreich auch die Politik an dem Spiel mit der Kunst teil. Hier wird in die Kunst hineinregiert. Ein bürokratischer Beamtenkorpus mit „inspecteurs de la création“ („Inspektoren der Kreation“) entscheidet darüber, was Kunst ist und was nicht: Die französische Kulturpolitik hat von 1983 bis 2013 ungefähr sechzig Prozent des für den Ankauf von Kunstwerken bestimmten staatlichen Budgets für in New York lebende und arbeitende Künstler ausgegeben. Zusätzlich hat sie, von New York fasziniert, nach 2000 alle für weltweite künstlerische Legitimität bedeutenden Orte, darunter den Louvre und Versailles, als „Show-Case“ für diese Kunst geboten. Ohne Gegenleistung. Der Kunstplatz Paris wurde zerstört, eine solche Kunstpolitik und die „Politik der Kreation“ sollte es nicht geben dürfen.

Die zeitgenössische Kunst existiert deshalb, weil Wirtschaft und Politik ihr Aufmerksamkeit schenken. Fast unbemerkt und im Verborgenen hingegen gibt es eine Kunstströmung, die ich „la suite de l’art“ („Fortsetzung der Kunst“) nennen möchte. Sie beinhaltet die wahren Ziele des Künstlers. Hier wird Kunst erschaffen und nicht industriell und in Serie produziert. Der Kunstmarkt allerdings interessiert sich nicht für diese Kunst. Verstehen, lieben und erschaffen sind die Bedingungen für diese „Fortsetzung der Kunst“. Dadurch kann der Künstler Freiheit und Unabhängigkeit erlangen, was die französische Kunstpolitik allerdings sehr erschwert.

Künstler der „la suite de l’art“, die sich von dieser Kunstpolitik nicht vereinnahmen lassen, sind Dissidenten. Sie flüchten vor der Politik und dem Markt. Sie geben sich der wahren Kunst hin. Denn die Kunst und das Denken sind die einzigen menschlichen Aktivitäten, die die Abhängigkeiten der Wirtschaft und der Politik überwinden können. Dafür sind Formen, Rhythmen und Farben die geeigneten Waffen. So kann die einzige weise politische Handlung eines Künstlers sein, dass er sich seine essenzielle Autonomie zurückerobert.

Aus dem Französischen von Annalena Heber



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