„Wettrüsten um künstliche Meinungsmache“

ein Gespräch mit Rop Gonggrijp

High. Ein Heft über Eliten (Ausgabe I/2015)


Herr Gonggrijp, was bedeutet „Hacken“ für Sie?

Für mich ist es eine Art, auf die Welt zu schauen. Man möchte herausfinden, wie Dinge wirklich funktionieren, und nicht wie einem gesagt wird, dass sie funktionieren. Es ist der Versuch einer allgemeinen Ansicht von Technik auszuweichen. Anfangs, in den 1980er-Jahren, ging es auch darum, Teile des Internets aufzubauen. Das Netz selbst ist ein Hack, wenn man das so sagen möchte.

Welche Rolle spielen Hacker in der Gesellschaft?

Die Hackercommunity ist zu groß, um allgemeine Statements darüber zu machen. Wenn überhaupt, verfügt die Hackerkultur über Schlüssel, mit denen sie Teile der menschlichen Umwelt begreifen kann, die der Rest der Bevölkerung vielleicht nicht versteht. Hacker haben schon verdammt lange vor den Enthüllungen von Snowden die Überwachung thematisiert.

Fühlen Sie sich als Teil einer Tech-Elite?

Ich bin nicht sicher, ob ich mich so bezeichnen würde. Es gibt ein weitverbreitetes Unverständnis für Technologie. Man zeigt auf technologieaffine Leute, als wären sie Teil einer merkwürdigen Elite. Schon in den 1990er-Jahren dachten die Leute: „Uns drohen Repression und Big Brother, aber wenn es wirklich schlimm wird, helfen uns die Hacker. Die Kavallerie wird kommen, um uns zu retten.“ Das ist eine Phantasie. Ich glaube nicht, dass Hacker eine Elite sind. Wenn überhaupt, haben sie sich als Anti-Elite bewiesen.

Wogegen grenzen sich Hacker als Anti-Eliten ab?

Am ehesten geht es darum, Wissen zu demokratisieren, das zuvor nicht zugänglich war. Die Telefongesellschaften der 1980er-Jahre oder Microsoft der 1990er-Jahre sind Eliten, die Wissen wegsperren wollten, um nur den Teil der Information freizugeben, für den man bezahlt hat. Sie wollten ein Priestertum erhalten, in dem sie die Hohepriester sind, die Informationen besitzen und kontrollieren. Aber Hacker haben immer gegen diese Kontrolle gekämpft. Dahingehend sind sie Anti-Eliten oder zumindest Anti-Priester.

Sind Hacker in einer privilegierten Position, da sie den Zugang zu Informationen herstellen können?

Es ist auf jeden Fall eine Position der Verantwortlichkeit. Meine Philosophie – und ich vermute, sie entspricht der Philosophie der Hackercommunity insgesamt – besteht darin, Informationen möglichst schnell und weit zu verteilen. Unsere Demokratie hängt davon ab, dass Menschen die Welt verstehen, bevor sie ihre Stimme abgeben. Mit Stimmen von uninformierten Wählern ist Demokratie wertlos. Wenn wir von der Magie der Technik verblüfft und abgelenkt sind, verlieren wir die Fähigkeit unsere Welt zu verstehen und zu handeln.

Was kann Hacken daran ändern?

Zum Beispiel wählten die Niederländer 2006 ihr Parlament mit Wahlcomputern. Wir hackten manche dieser Computer. Ganz leicht konnten wir eine neue Software installieren, mit der man spurlos Wahlresultate fälschen kann. Wir machten die Ergebnisse öffentlich und mittlerweile sind Wahlcomputer in den Niederlanden verboten. Dabei wollte die sogenannte Elite uns erzählen, dass die Computer völlig sicher seien.

Wer kann in Zukunft die Gesellschaft beeinflussen?

Sofern die Zukunft demokratisch bleibt, sind diejenigen zunehmend handlungsfähig, die sich schnell über das Internet mobilisieren können. Regierungen stellen schon jetzt Firmen ein, die Hunderte User dazu mobilisieren können, auf Facebook-Posts und Kommentare zu reagieren. Mehr und mehr Meinungen, die wirken wie Graswurzelmeinungen, sind eigentlich manipuliert. Das nennt sich Astroturfing: Bewegungen, die echt wirken, aber eigentlich bezahlt sind. Astroturf ist ursprünglich ein Markename für Kunstrasen in Stadien. Die Zukunft der politischen Veränderung wird ein ständiges Wettrüsten zwischen Graswurzelbewegungen und dieser künstlichen Meinungsmache sein. Sie wird davon abhängen, ob die Menschen fähig sind, zwischen den beiden zu unterscheiden.

Das Gespräch führte Eva Philine Kemmer



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