Ich schäme mich so

von Carrie Lee Asman

Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Ausgabe III/2013)


Seitdem Charles Darwin sich Mitte des 19. Jahrhunderts mit den menschlichen Gemütsbewegungen befasste, gilt die Scham als universellste Form unserer angeborenen Fähigkeit, Gemütszustände zu artikulieren. Die Scham überschreitet einerseits spielend alle geografischen und kulturellen Grenzen, andererseits trifft sie den tiefsten und zugleich dunkelsten Kern menschlicher Beweggründe. Obwohl Scham und Schuld oft eng miteinander verwoben sind, kann man sie auch gesondert betrachten. Bei der Schuld geht es eher um die Bestimmung eines Täters: darum, jemanden in Zusammenhang mit einer Tat zu bringen, die gegen bestimmte gesellschaftliche Grenzen oder Regeln verstößt. Sie beruht auf objektivierbaren Informationen, die unter mildernden Umständen verhandelbar und entschuldbar sind, wie etwa vor Gericht.

Anders die Scham. Weder klar noch genau, ist sie von vornherein eher unbestimmt, unberechenbar, willkürlich und diffus, eine physiologische und emotionale Reaktion ungewissen dunklen Ursprungs, die, über den gesamten Körper verstreut, ihre Zeichen hinterlegt. Hell- bis dunkelrot ist die flächendeckende Signalfarbe des Errötens, die Mensch- und Tierwelt verbindet. Wie der Tintenfisch, der sich vor drohender Gefahr hinter einer Farbwand versteckt, so „errötet“ auch der Mensch, aber mit dem großen Unterschied, dass diese Regung jenseits unserer Kontrolle liegt. Die Schamröte hat beim Menschen eher eine gegensätzliche Wirkung, die mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht, als sie diese zum Verschwinden bringt. Da die Ohren von allen Körperteilen am meisten erröten, haben die Chinesen ein Wort für Scham, „chí“, bei dem das zugehörige Schriftzeichen die Zeichen für „Ohr“ und „Herz“ kombiniert. Hier wird die emotionale und die körperliche Seite des Schamgefühls miteinander verbunden.

Die Scham bewacht die Grenze, an der verschiedene Kulturen das Ich und den Körper mit der Last ihrer Tabus befrachten, die auch – aber nicht zwangsläufig – sexueller Natur sind. Die Scham befindet sich in einer Art Kampfzone, die von zwei Konfliktparteien besetzt wird: eine defensive, die das Ich vor Kontrolle oder Verletzungen von außen zu schützen versucht, und eine offensivere, die die Schutzmauer des anderen gerne untergräbt, wo immer seine Grenzen unbewacht bleiben. Zwischen diesen beiden Polen regiert die Scham über ein verschlüsseltes Netzwerk von Mechanismen, die von dramatischen und oft traumatischen alltäglichen Ereignissen ausgelöst werden. Diese Ereignisse sind häufig Beschämungsrituale, die zu Hause, im Unterricht, bei der Arbeit, in Zeiten der Liebe und in Zeiten des Kriegs stattfinden.

In seinem Aufsatz über das Schmücken nennt der Soziologe Georg Simmel die Sichtbarkeit als wichtigsten Aspekt der Scham. Das Schmücken dient als wesentliches Mittel der Selbstermächtigung, mit dem der Träger sein Machtfeld über die Grenzen des Körpers hinaus zu erweitern versucht. Dies beruht auf dem primären menschlichen Verlangen, zu sehen und gesehen zu werden. Ein Ereignis oder eine Handlung löst die Hemmung oder Blockierung dieses elementaren Verlangens aus und verwandelt es in sein Gegenteil. An dessen Stelle treten die Scham und der sekundäre Wunsch, sich dem Blick zu entziehen oder sich vor ihm zu verstecken, in Deckung zu gehen oder gar zu verschwinden. Wenn man sich seiner Rolle als öffentlich gemustertes Objekt bewusst ist, kann diese Befangenheit Gefühle der Verletzlichkeit, Panik und Angst auslösen – die Angst vor möglicher Entblößung, Verletzung, Spott, Erniedrigung, Gesichtsverlust, Versagen, die in dem Wunsch kulminiert, sich in Luft aufzulösen.

Die Scham ist in die großen Erzählungen unserer Bild- und Schriftkultur fest eingeschrieben. In der Geschichte der Malerei ist das Repertoire an Gesten und Zeichen, in denen sich Scham manifestiert, über die Jahrhunderte erstaunlich beständig geblieben: ein gebeugter, gesenkter, mit einem Schleier bedeckter Kopf, niedergeschlagene Augen, ein errötetes Gesicht, rote Ohren, ein glasiger Blick, das Bedecken oder Verstecken von Augen und Genitalien mit der Hand oder mit einem Schamtuch.

Auch in den Überlieferungen antiker Kulturen wie Mesopotamien, Ägypten, Griechenland oder Rom wird die Scham bereits häufig thematisiert. Im Gilgamesch-Epos etwa erweisen sich Themen wie sexuelle Erniedrigung, sexuelle Ambivalenz, Altern, Homosexualität, Insolvenz und Geisteskrankheit als fundamentale Quellen der Scham. Im ägyptischen Mythos von Isis und Osiris ist es mit der Scham ganz anders bestellt. Mehr als um den konkreten Verlust ihres Mannes trauert Isis um den zerstückelten Zustand seines Körpers, der die Quelle ihrer Scham ausmacht. Bei den Todes- und Einbalsamierungsriten der Ägypter werden Edelsteinamulette und konservierende Öle auf dem Körper platziert, um den Toten auf der Reise in die nächste Welt zu schützen, wo er wieder ganz werden soll.
Für das Judentum damals wie heute ist Demütigung schlimmer als körperlicher Schmerz. Jemanden öffentlich zu beschämen ist wie Blut zu vergießen. So steht es im Talmud.

Auch im alten Griechenland ist Scham untrennbar verbunden mit Ehrverletzungen oder der Angst vor dem Versagen in den Augen anderer. Homer lässt Ajax seinen Männern, die gerade in den Krieg ziehen, den weisen Rat geben: „Seid Männer und habt Scham voreinander in den starken Schlachten! Da, wo Männer sich schämen, werden mehr gerettet als getötet.“

Man fragt sich, was geschehen wäre, wenn die Befehlshaber und Soldaten auf den unzähligen Kriegsschauplätzen der Geschichte um diesen Rat gewusst und ihn beherzigt hätten. Die Bilder aus Guantánamo oder Schnappschüsse von Wehrmachtssoldaten, die um die Welt gingen, sind Momentaufnahmen von Soldaten, denen man keine Angst davor eingeflößt hatte, dass das Beschämen in den eigenen Augen oder in den Augen Fremder ein schlimmeres Schicksal als den Tod bedeuten könnte.

In der Neuzeit gehört das Erröten als wesentliches Zeichen der Scham absolut zum guten Ton in der höfischen Kultur des 18. Jahrhunderts. Zieren bedeutet nun nicht mehr Schmücken (Zierde, Zierrat, Verzierung), sondern  genau das Gegenteil – sich zieren – die schamhafte Geste der höflichen Verweigerung, die Hemmung dieses Wunsches. Die Sprache spiegelt den Körper insofern wider, als sie auch das Versteckspiel gelernt hat, nämlich Ja zu sagen, wenn Nein gemeint ist, und auch umgekehrt. Für die Marquise von O... im gleichnamigen Werk von Heinrich von Kleist hat die Sprache – wie die Menschen, die sich ihrer bedienen – versagt, ihr die beschämende Wahrheit über die Herkunft ihres Kindes zu offenbaren.  Wer diese unerhörte Erzählung genauer liest, kann mindestens dreißig Zeichen von schamhaftem Erröten finden und so den Täter schon vor der Marquise erraten. In der Verfilmung mit Bruno Ganz hingegen gehen solche diskreten Zeichen, aufgrund des neuen Mediums, verloren oder sind aus der Mode geraten. Denn im 21. Jahrhundert scheint man eher die Schamlosigkeit als die Scham zu zelebrieren.

Blickt man zum Beispiel auf die Trümmer der verschiedenen Umbrüche der letzten fünfzig Jahre in China, die uralte Kulturgüter, kulturelle, moralische und menschliche Wert- und Weltordnungen auf den Kopf stellten, fragt man sich, welche Werte außer Geld und Macht überhaupt übrig bleiben. Dennoch, auch nach diesen Umwälzungen, stehen Loyalität und Ehrlichkeit weit oben auf der Rangliste der Tugenden, deren Verletzung Scham und Gesichtsverlust bedeuten.

In den Großstädten Europas mag es schwer sein, klare Spuren von Scham zu entdecken. Doch auch in der Pariser Metro oder der Berliner U-Bahn, in diesen Schmelztiegeln der Kulturen, wo Orient und Okzident zusammenfinden müssen, ist es eine besondere Kulturleistung, auf engstem Raum dicht nebeneinander zu stehen, ohne einander körperlich zu berühren – eine Tradition von Schamgefühl trifft auf eine andere. Man sieht zum Beispiel Frauen mit Kopftüchern, die vor den bösen Blicken von fremden Männern schützen sollen. Ein Kopftuch zu tragen geht aber über ein einfaches Schamgefühl hinaus. Es ist ein Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und einer religiösen Tradition, die das ursprünglich menschliche Verlangen, zu sehen und gesehen zu werden, unterdrückt.
Schamlos sein heißt, das Schamgefühl anderer nicht zu respektieren. Ohne Scham zu leben, bedeutet hingegen, dass man keinen Grund hat, sich zu schämen, weil man den individuellen Grenzen der Scham die Achtung schenkt, die sie verdient.

Aus dem Englischen von Claudia Kotte



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