„Die Frauen fühlen, dass ihnen etwas fehlt“

ein Gespräch mit Shereen El Feki

Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Ausgabe III/2013)


Frau El Feki, Sie schreiben in Ihrem Buch „Sex und die Zitadelle“, dass 90 Prozent der Ägypter die Ehe für den natürlichen und wünschenswerten Zustand halten. Gleichzeitig herrscht eine „Ehekrise“. Was hat es damit auf sich?

Die sogenannte „Ehekrise“, die man heute in Ägypten und im ganzen arabischen Raum beobachten kann, zeigt sich in der Verschiebung des Heiratsalters. Es ist keinesfalls so, dass die Menschen nicht mehr heiraten, sie tun es nur später, die Männer meist in ihren 30ern, die Frauen in ihren mittleren 20ern. Das ist deshalb ein Problem, weil die Ehe der Schlüssel zur Unabhängigkeit ist. Für die meisten Menschen in Ägypten ist es unwahrscheinlich, dass sie von zu Hause ausziehen dürfen, wenn sie nicht verheiratet sind. Auf jeden Fall gilt das für die Frauen. Und wenn man nicht verheiratet ist, darf man auch kein Sexualleben haben, denn der einzig akzeptierte Rahmen für Sex ist die Ehe. Für viele ist dies ein gesellschaftliches Problem, weil sie sich sorgen, dass, wenn die Menschen nicht heiraten und Sex haben können, dies zu Unruhen führen könnte. Je erfolgreicher, dynamischer und intelligenter die Frau, die ich in der Region befragt habe, desto unwahrscheinlich ist es heute in der arabischen Welt, dass sie heiraten wird.

Warum heiraten die Menschen im arabischen Raum heute später?

Viele Menschen und besonders Politiker begreifen diese Krise als ein ökonomisches Problem. Das Leben in Ägypten ist sehr teuer geworden und bereits vor der Revolution gab es Inflation und wirtschaftliche Probleme. Das Land ist heute dem geballten Druck der Globalisierung und des Konsumkapitalismus ausgesetzt, beim Einkaufen, im Internet und im Fernsehen. Aber die meisten Menschen verfügen nicht über die Mittel an diesem Wirtschaftssystem teilzunehmen. Heiraten ist zu einem Konsumfest geworden. Es ist teuer zu heiraten – und es wird aufgrund religiöser und gesellschaftlicher Konventionen erwartet, dass die jungen Männer die Kosten tragen.

Und wenn die Menschen verheiratet sind, was für Wünsche haben etwa ägyptische Frauen in Bezug auf ihre Ehe?

Die Frauen, die ich kennengelernt habe, hatten das Gefühl, dass in ihren Ehen etwas fehlte. 2008 lief diese Fernsehserie „Noor“. Die Ehe, um die es in dieser Soap ging, enthielt alles, was sich viele Frauen heute wünschen: Romantik, Partnerschaft, der Held behandelt seine Frau mit Respekt. All das fehlt den Frauen heute. Das Interessante ist, dass, wenn man sie fragt, ob sie sich durch das gesellschaftliche Tabu von Sex vor der Ehe nicht eingeengt fühlten, sie meist antworten: „Nein, nicht wirklich. Wir glauben nicht, dass das zu besseren Ehen führen würde. Schau dir doch nur Madonna und ihre vielen Männer an!“ Was Frauen in Ägypten an den Ehen im Westen schätzen, ist die als größer wahrgenommene Gleichberechtigung und Respekt. Und sie haben das Gefühl, dass in vielen arabischen Ehen die Partner nicht wirklich miteinander sprechen können.

Wie könnte man das ändern?

Alles fängt mit Bildung und Erziehung an, besonders mit der der Jungen. Das bedeutet, ihnen Respekt vor Frauen als Gleichberechtige beizubringen. Das ist ein Schlüssel, um der Frustration zu begegnen, von der mir so viele Frauen berichtet haben – nicht nur der im Bett. Viele Ägypterinnen fühlen sich gehemmt, ihre sexuellen Bedürfnisse ihren Männern gegenüber auszudrücken. Sie glauben, dass das beschämend wäre, und auch die Männer sind hier hin- und hergerissen. Einerseits wollen sie, dass ihre Partnerinnen gute Mütter und Ehefrauen sind. Und der Gedanke, dass sie sexuelle Funken versprühen, könnte bedeuten, dass sie schon vor der Ehe Erfahrungen im Bett gesammelt haben. Andererseits sind auch die Männer oft frustriert mit ihrem Liebesleben.

Was für ein Gefühl ist das – sexuelle Frustration? Wie äußert es sich in Ägypten?

Die jungen Menschen sind oft innerlich zerrissen. Schauen Sie sich nur in den Chatrooms im Internet um. Dort stellen die jungen Männer und Frauen beispielsweise Fragen über Masturbation: Komme ich in die Hölle? Werde ich blind oder impotent? Meine Erfahrung ist, dass gerade die jungen Leute und die, die verheiratet sind, viele Fragen haben. Aber es ist ihnen peinlich. Und es gibt nicht unbedingt jemanden, der ihnen kundig antworten kann. Es herrscht ein kollektives Unbehagen, das sich aus den Ehebetten in die Schlafzimmer der Kinder und Jugendlichen im arabischen Raum ausbreitet.

Welche Rolle spielen dabei religiöse Gefühle?

In meinem Buch erzähle ich die Geschichte von Samia, einer jungen Frau vom Land. Sie ist gläubige Muslimin und geht sogenannte „Sommerehen“ ein. Dabei legen sich Touristen, meist reiche Männer aus den Golfstaaten, für einige Wochen im Sommer eine „Ehefrau“ zu. Es ist Prostitution. Samia wird von ihrem Vater prostituiert. Sie verlässt ihr Dorf, lebt mit dem Mann für einige Wochen und kehrt dann wieder nach Hause zurück. Samia ist Anfang zwanzig und bereits voller Resignation und Hoffnungslosigkeit: Das ist mein Leben und mehr wird da nie sein. Doch obwohl sie unglücklich, frustriert und manchmal wütend ist, sagt sie: „Es ist Gottes Wille.“ Das ist Ausdruck einer islamischen Resignation, die ich bemerkenswert fand, weil sie für viele von uns im Westen so fremd ist.

Inwiefern?

Uns wird beigebracht, gegen alles anzugehen, sich aktiv einzubringen. Andernfalls wird man für schwach gehalten. Aber als ich Samia sah, dachte ich: Sie befindet sich in einer sehr schwierigen Lage, aber sie hat einen Weg gefunden, damit umzugehen. Ihr Glaube an Gott ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke. Sie besitzt eine Stärke, die ihr dabei hilft, das alles durchzustehen und auf ein besseres Leben zu hoffen.

Sehen Sie noch weitere Unterschiede im Verständnis von Gefühlen im arabischen Raum und im Westen?

Lassen Sie mich die Geschichte von Amany erzählen. Sie wollte einen Mann aus Nordägypten heiraten, aber ihre Eltern waren dagegen. Also entschied sie sich, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und eine informelle Urfi-Ehe einzugehen, um mit dem Mann zusammen zu sein, den sie liebt. Aber dennoch wird sie von Schuldgefühlen geplagt, dass sie ihre Eltern verraten und gegen ihren Glauben verstoßen hat. Die Menschen, die ich in der Region getroffen habe, sehnen sich nach persönlichem Glück, aber sie prallen dabei gegen Vorstellungen von gesellschaftlicher Identität, Aufgaben und Verpflichtungen. Auch Amany sagte: „Vielleicht ist das Gottes Wille.“ Wie Samia sieht auch sie einen Hoffnungsschimmer. Das ist ein vielschichtiger Mix an Gefühlen. Die Menschen stecken zwischen der heutigen Wirklichkeit auf der einen Seite und Traditionen, Pflichten und gesellschaftlichen Normen auf der anderen Seite. Und sie versuchen, damit so gut sie können umzugehen.

Sind die Menschen in Ägypten heute frustrierter als vor der Revolution vor zwei Jahren?

Das wissen wir nicht. Es gibt bisher keine Studien, die sich mit diesem Aspekt des persönlichen Lebens der Menschen im arabischen Raum befassen. In meinem Buch zeige ich Einzelschicksale. Und es ist schwer, so eine Frage für 350 Millionen Menschen in 22 Staaten zu beantworten. Aber die verbreitete Überzeugung ist, dass es viel sexuelle Frustration gibt. Viele Menschen sehen die Ausbrüche sexueller Gewalt als ein klares Zeichen davon. Ich denke aber, dass die Situation komplizierter ist.

Glauben Sie, dass sich der Fokus in der arabischen Welt vom Kollektiv zum Individuum verlagert?

Diese gesellschaftlichen Veränderungen finden bereits statt. Wenn junge Paare heute heiraten, ziehen sie oft in eine eigene Wohnung, häufig weit entfernt von den Eltern oder sogar im Ausland. Das gab es früher nicht. Ich denke, dass die Idee der Rechte und Freiheiten des Einzelnen davon abhängt, wie sich der politische Wandel in den kommenden Jahrzehnten vollziehen wird. Wenn aus den jetzigen Tumulten Systeme hervorgehen sollten, die die Rechte des Einzelnen schützen, dann wird sich die Lage verändern. Die familiären Bindungen werden nicht zusammenbrechen. Sie sind im Islam verankert, durch die Achtung von Vater und Mutter. Aber es wird mehr persönliche Unabhängigkeit geben. Entscheidend ist, dass auch die Eltern anerkennen, dass die junge Generation fähig ist, Entscheidungen zu treffen und verantwortungsvoll zu handeln. Das hat man während der Revolution gesehen, als die jungen Leute in den Augen ihrer Eltern von Faulpelzen zu Anführern wurden. Die entscheidende Frage ist aber, ob diese Autonomie auch für Frauen gelten wird. Denn sie sind der gesellschaftlichen Kontrolle noch viel stärker ausgesetzt.

Haben Sie während der Umbrüche noch andere Veränderungen im Hinblick auf die Gefühlswelt der Menschen beobachtet?

Eine der interessantesten Entwicklungen der letzten Monate ist die Wahrnehmung sexueller Übergriffe. In der arabischen Welt ist Sex ein mächtiges Werkzeug der Unterwerfung, weil es mit Scham verbunden ist. Gerade sexueller Missbrauch von Frauen stellt nicht nur eine Verletzung der Ehre der Frau, sondern auch der des Mannes dar. Sexuelle Übergriffe sind ein altbekanntes Problem, aber jetzt fangen die Menschen an, das Thema publik zu machen. Einige Frauen erzählen im Fernsehen, dass sie auf dem Tahrir-Platz vergewaltigt wurden, und ihre Ehemänner sitzen daneben und sagen: „Das ist keine Schande für die Familie. Das ist eine schreckliche Verletzung der Rechte meiner Frau und sie hat genau wie ich das Recht zu protestieren.“ Das ist eine unglaubliche Veränderung. Noch stellen die Menschen den heutigen Umgang mit Sexualität im arabischen Raum nicht grundsätzlich infrage. Aber ich glaube, das wird nicht mehr lange dauern. Als ich einigen Demonstranten gegenüber äußerte, dass die neuen politischen Freiheiten auch zu sexuellen Freiheiten führen könnten, waren sie entsetzt: „Nein, das wollen wir nicht.“ In den Köpfen vieler Menschen gibt es eine Trennung zwischen dem Politischen und dem Persönlichen. Aber bei vielen jungen Leuten ändert sich das. Wenn dies geschieht, kann dies auch ihre Sichtweise auf die Institution der Ehe und die Beziehung zwischen Mann und Frau innerhalb und außerhalb der Ehe verändern.

Wenn es jetzt möglich ist, über sexuelle Übergriffe öffentlich zu sprechen, glauben Sie, dass dies das Schamempfinden in der arabischen Welt verändert?

Es gibt Ansätze dazu, aber nur in einigen Bereichen. Der arabische Raum ist riesig und sehr verschieden. Denken Sie nur an das, was mit Aliaa El Mahdy geschehen ist. Sie hat sich nackt im Internet gezeigt und mit CNN darüber gesprochen, dass sie mit ihrem Freund Sex vor der Ehe hatte. Ich kenne nicht viele Frauen, die das tun würden. Bei einigen Menschen verändert sich das Schamgefühl also. Aber bedenken Sie, dass El Mahdy von konservativen wie auch vielen liberalen politischen Kräften angefeindet wurde. Der wahre Test wird sein, wenn einmal eine berufstätige, erfolgreiche Frau vortritt und sagt: „Ich bin 32, sehr erfolgreich und gebildet. Ich bin erwachsen und ich kann meine eigenen Entscheidungen treffen. Ich habe sexuelle Bedürfnisse und ich will sie ausleben.“ Das wäre der wahre Prüfstein.

Sie sprechen in Ihrem Buch auch davon, dass die Araber früher kein Problem damit hatten, über Sex zu sprechen. Kennen die Menschen diesen Teil der arabischen Geschichte?

Die jungen Leute kaum. Die älteren oft schon. Aber die Geschichtsbücher darüber sind in den meisten Teilen der Region verschwunden. Es wird nicht gelehrt und die meisten Menschen wissen nichts davon. Dabei gab es eine Zeit im Mittelalter, als im arabischen Raum ein viel leichterer Umgang mit Sexualität herrschte als heute im öffentlichen Diskurs. Indem man den Leuten heute zu einem unbeschwerteren Umgang mit ihrem Sexualleben verhilft, bringt man sie auch ihrer Geschichte näher. Das ist ganz wichtig. Wenn die islamischen Konservativen sagen, das sei nicht unser Erbe, kann man entgegnen: „Doch, das ist es!“ Und wenn wir die heutigen Vorstellungen und Normen hinterfragen, verraten wir unsere Geschichte und unseren Glauben nicht. Wir sind ihnen treu.

Das Interview führten Jenny Friedrich-Freksa und Rosa Gosch



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