Mehr ist mehr

von Raquel Rennó

Brasilien: alles drin (Ausgabe I/2013)


"Ich bin ein Guarani-Kaiowá", lautete der Slogan eines Online-Massenprotests gegen die Umsiedelung einer Gruppe indigener Brasilianer. Tausende von Facebooknutzern ergänzten ihren Usernamen mit dem Namen des Stammes, um ihre Solidarität zu bekunden - nur wenige Tage, nachdem im Herbst 2012 die Entscheidung der Regierung bekannt geworden war und die betroffenen Indigenen über soziale Netzwerke einen offenen Brief verbreitet hatten. Der Appell wurde von den staatlichen Institutionen erhört. Das Regionale Bundesgericht gestattete der Gruppe, in ihrem Gebiet zu bleiben, bis eine Entscheidung darüber getroffen war, welche Territorien ihnen zugesprochen werden.

Als Sprachrohr für bestimmte Gruppierungen sind alternative Informationsquellen wie Facebook oder Twitter in Brasilien besonders wichtig. Weil es in dem Land kein Gesetz zur Begrenzung oder Kontrolle von Medienkartellen gibt, konnten Me­diengiganten wie die Gruppen Folha, Abril und Globo (kontrolliert von den Familien Frias, Civita und ­Marinho) entstehen. Dies hatte eine Einschränkung der Meinungsvielfalt in den traditionellen Massenmedien zur Folge. Bei Facebook und Twitter kommen die unterschiedlichsten Stimmen zu Wort. Allerdings können nur Internetnutzer auf sie zugreifen. Laut einer Erhebung vom September 2012 haben von den insgesamt etwa 194 Millionen Brasilianern jedoch erst 83,4 Millionen Zugang zum Internet. Für die meisten bleiben die traditionellen Massenmedien die wichtigste Informationsquelle.

Gleichzeitig haben freie Radiosender wie Coco da Umbigada aus Olinda, Radio Kiriri aus Südbahia oder Radio Muda aus Campinas indigenen Völkern, den Quilombolas (den in autonomen Gemeinschaften lebenden Nachkommen ehemaliger Sklaven) und anderen lokalen Minderheiten seit jeher eine wichtige alternative Kommunikationsplattform geboten. Die Inhalte werden von den Einwohnern der jeweiligen Region selbst bestimmt und reflektieren die mündliche Tradition dieser Gruppen. Dies ermöglicht eine direkte Beteiligung und eine enge Verbindung zu einem Publikum, dessen Lebenswirklichkeit und Kultur in den traditionellen Medien üblicherweise keinen Platz findet. Diese vertreten sogar in einigen Fällen eindeutig die Interessen der Land- und Viehbesitzer, der mächtigen Gegner der indigenen Bevölkerung.

Darüber hinaus dienen die Radiosender dazu, das Gedächtnis und die Kultur marginalisierter und zersplitterter Gemeinschaften wie der Indigenen und der Quilombolas zu bewahren, deren Sprache, Musik und religiöse Praktiken seit Jahrhunderten kontinuierlich bedroht und unterdrückt werden. Noch sind diese Sender illegal und daher ständig in Gefahr, abgeschaltet zu werden. Immerhin wurde dem Parlament im November 2012 ein Gesetzesentwurf vorgelegt, der Radiosendern mit einer Stärke von weniger als 100 Kilowatt erlaubt, ohne Lizenz zu senden. Doch der Senat muss diesem Gesetzesentwurf noch zustimmen.

Eines der größten Probleme der alternativen Printmedien ist ihre Finanzierung: Die Gelder privater Unterstützer reichen nicht aus oder sie machen das entsprechende Medium zur Geisel des zahlenden Unternehmens. Aber auch eine Finanzierung mit öffentlichen Mitteln würde Abhängigkeiten schaffen, die die Zielsetzung dieser Medien - nämlich ihre Unabhängigkeit - unterwandern könnten. Bewegungen wie "Ich bin ein Guarani-Kaiowá" zeigen jedoch, dass die Zusammenhänge komplexer geworden sind, seit kommerzielle Kanäle wie soziale Netzwerke als Mittel zur Kommunikation mit einem breiteren Publikum genutzt werden. Wer glaubt, dass Medien (wie sie selbst in ihren Werbeslogans gern verbreiten) unparteiisch und apolitisch sein können, der irrt. Nur eine Vielfalt an Meinungen und Standpunkten kann verhindern, dass sich parteiische Diskurse durchsetzen, die die Wahrheit für sich allein beanspruchen. Daher spielen die alternativen Medien, selbst wenn sie kommerziell eingebunden oder finanziert sind, in der fragmentierten und vielfältigen brasilianischen Gesellschaft eine wichtige Rolle.

Aus dem Portugiesischen von Kirsten Brandt



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