Elite ohne Bildung

Niklas Schenck

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)


Der Refrain bleibt im Ohr. „Never we shall never, never never never ...“, singen 20 Studenten unter einem Mangobaum an der Universität von Juba, der ältesten im Südsudan. Ein Redner von der Studentenvereinigung führt den Protest. Was genau sie niemals zulassen werden, erklären die Wortführer auf Arabisch. Im Kern, übersetzt einer der Zuschauer, werfen die Studenten der neuen Regierung des Südsudan vor, dass sie Bildung unterbinde. Trotz des Referendums zur Unabhängigkeit des Landes im Februar 2011 und der Staatsgründung am 9. Juli 2011 bleibt die Universität weiter geschlossen. Als auf dem Gebiet des heutigen Südsudan noch die Kämpfe des Bürgerkriegs (1983 bis 2005) ausgefochten wurden, verlegte die sudanesische Zentralregierung die Universität nach Khartoum. Der Norden hatte kein Interesse an gebildeten Südsudanesen.

Eine ganze Generation von Südsudanesen hat keine weiterführenden Schulen besucht und viele waren nicht einmal auf einer Grundschule. Die Analphabetenquote wird auf 85 Prozent geschätzt. Und die Institution, an der Lehrer, Ärzte, Richter und Politiker für das Land ausgebildet werden könnten, macht  immer noch Pause. „Wir haben Angst, dass die strahlende Zukunft, auf die wir gehofft haben, nun doch nicht anbricht“, sagt Khor Poch Chop, Generalsekretär der Studentenvereinigung. „Wir fragen uns, wo der Aufschrei der internationalen Gemeinschaft darüber bleibt, dass die Regierung alle Ausstattung in Khartoum behalten hat.“ Bibliotheken, Computer, Labore – sogar die meisten Lehrenden sind nicht in den Südsudan mitgekommen, als die Universität in ihre Heimatstadt Juba zurückkehren sollte. „Das war schon seit dem Friedensvertrag 2005 abzusehen und unsere Regierung hat nicht rechtzeitig begonnen, Studenten zurückzuholen, Lehrer zu rekrutieren, Hörsäle und Wohnheime zu bauen“, klagt Chop. ­In Deutschland diskutierte man in den 1960er-Jahren, ob nun die Schule die „Schule der Nation“ sei oder ob diese Funktion nicht doch die Armee innehabe. Dass im Südsudan Exmilitärs über diese Frage entscheiden, erzürnt Khor Puoch Chop. Viele junge Südsudanesen seien bereits vor 2011 nach Juba gezogen, weil sie bald studieren wollten – aus den zehn Bundesstaaten des Südsudan, aus dem Exil in Kenia und Uganda, vor allem aber aus dem Norden, aus Khartoum. So ist der Campus der Universität von Juba belebt, als habe sie geöffnet. Doch in den Hörsälen werden nur ein paar Englischkurse (die alleinige Amtssprache des Südsudan) angeboten, für diejenigen Rückkehrer aus dem Norden, die nur Arabisch können.

Immer wieder protestieren Studenten, zuletzt im Januar im Nordosten des Landes. Wohnheime verfallen oder sind vermietet, in der Bibliothek ergänzen ein paar Hundert Bücher aus dem Zeitraum seit 2000 die Altbestände aus den 1970er- und -80er-Jahren. Vorerst bleibt die Bildungselite, die der Südsudan so dringend braucht, um eine prosperierende Wirtschaft und eine funktionierende Demokratie auf den Weg zu bringen, auf der ganzen Welt verstreut. Die USA, Australien und Großbritannien haben während der 21 Jahre Bürgerkrieg Flüchtlinge aufgenommen, teils mit großzügigen Bildungsstipendien. Auch in Ostafrika selbst haben Zehntausende studiert, meist in Ugandas Haupstadt Kampala und in Nairobi, der Hauptstadt Kenias.

In der protestantischen St. Lukes Church in Nairobi treffen sich auch jetzt noch jeden Sonntag Hunderte Studenten aus dem Südsudan. „Wir alle werden zurückgehen, sobald wir können“, sagt Gabriel Them. Er studiert in Nairobi an einem Privatcollege Betriebswirtschaft. „Aber mir würde mein Studium nicht anerkannt und auf dem gleichen Niveau gibt es im Südsudan noch kein Angebot.“ Wie so viele hier lebt Them vom Geld seiner Verwandten im Ausland. Sie hatten sich Anfang der 1990er-Jahre mit ihm ins kenianische Flüchtlingslager Kakuma gerettet, wo er die Grundschule und später eine Highschool besuchte. Manche seiner Cousins hatten Glück und bekamen ein Stipendium, um in den USA oder Australien zu studieren, Them nicht. Vergangenen Monat blieben die Überweisungen aus Australien aus und er konnte in Nairobi den Unterricht nicht besuchen.

James Kepo kehrte heim, um sein Land mit aufzubauen. Er übernahm die Pädagogische Hochschule (PH) in Yei nahe der kongolesischen Grenze. Jetzt ist er enttäuscht. Der Südsudan brauche 35.000 Lehrer, am besten sofort. „Aber im ganzen Land bilden wir weniger als 1.000 im Jahr aus.“ Laut UNESCO kommen auf jeden Lehrer im Südsudan mehr als 100 Schüler, in manchen Staaten mehr als 200. Derzeit bekommen nicht einmal alle Absolventen der PH von James Kepo einen Job. Die Regierung stellt nur eine begrenzte Zahl von Lehrern ein. „Es macht mich traurig, dass wir das Geld aus dem Öl, das wir fördern, nicht in die Ressource Mensch investieren“, sagt Kepo. „Denn in 20 Jahren wird das Öl aus sein.“



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