Was anderswo ganz anders ist

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)


Fahr-Lässigkeit

Zu klein, zu eng und zu stickig war es mir, als ich zum ersten Mal in der Türkei mit einem Dolmu?-Sammeltaxi gefahren bin. Ich war von den deutschen Bussen verwöhnt. Aber inzwischen finde ich Dolmu?fahren toll. Deshalb fand ich es auch sehr schade, als ich gelesen habe,  dass der Bürgermeister von Istanbul die klapprigen Kleinbusse abschaffen will. Dolmu? heißt auf Türkisch auch „überfüllt“. In ländlichen Gegenden kann man einfach irgendwo am Straßenrand in einen Dolmu? einsteigen. Er ist billiger als ein normales Taxi. Das Geld wird während der Fahrt eingesammelt. Früher hat das oft der Sohn des Fahrers erledigt, heute wird es einfach nach vorn durchgereicht. Die Türken sind sehr abergläubisch, deshalb sind an den Rückspiegeln oft blaue Nazar-Perlen befestigt, die vor dem „Bösen Blick“ schützen sollen. Es gibt einen bekannten Film mit dem verstorbenen Comedy-Star Kemal Sunal, in dem ein Dolmu? eine zentrale Rolle spielt. Das Dolmu?-Taxi gehört einfach zur Türkei – wie überfüllte Züge zu Indonesien.

Sibel Kekilli, geboren 1980, ist Schauspielerin und Tochter türkischer Eltern. Sie lebt in Hamburg.

Königliche Dickhäuter

Wie in anderen Teilen Südostasiens wird auch in Thailand der weiße Elefant als ein heiliges Tier verehrt. Zwar nennen ihn die Thais „Chang Phüak“ (von chang = „Elefant“ und phüak = „Albino“), doch muss der weiße Elefant nicht unbedingt ein reiner Albino sein. In der Regel ist er eher hellgrau als weiß. Wichtig ist aber, dass er eine ganze Reihe körperlicher Merkmale erfüllen muss, die in alten Texten genau festgelegt sind. So werden von ihm unter anderem eine weiße oder rosa Färbung des Auges rund um die Hornhaut sowie eine charakteristische Hautspalte an den Schultern erwartet. Jeder weiße Elefant wird in Thailand von den Behörden registriert und auf seine Echtheit geprüft. Es ist verboten, weiße Elefanten für die Arbeit einzusetzen. Sie zu halten ist sehr teuer, da sie extrem Krankheitsanfällig sind. Dass einer der höchsten thailändischen Verdienstorden Orden des Weißen Elefanten genannt wird, unterstreicht die Hochachtung, die den Tieren hier entgegengebracht wird. Schon im alten Siam (wie Thailand bis 1939 offiziell hieß) galt der weiße Elefant als Symbol königlicher Macht. Ein Lehrbuch der thailändischen Kosmologie aus dem 14. Jahrhundert listet den „Chang Phüak“ als eines der sieben Merkmale eines würdigen Herrschers. Die edelsten und wertvollsten der weißen Elefanten waren daher ausschließlich Königen vorbehalten; diese führten den Ehrentitel „Gebieter des weißen Elefanten“ (Cao Chang Phüak). Von König Chulalongkorn wird berichtet, dass in seinen Stallungen neunzehn dieser heilbringenden Tiere versammelt waren. Bis 1917 schmückte ein weißer Elefant auf rotem Grund die Nationalflagge Siams. Das verehrte Tier zierte außerdem Münzen, Banknoten und das Königssiegel. Nicht umsonst galt Thailand im Westen lange Zeit als „das Reich des weißen Elefanten“.

Volker Grabowsky, geboren 1959, ist Professor für Sprache und Kultur Thailands am Asien-Afrika-Institut der Universität Hamburg.

Glück von oben

„Möge dein Schanyrak hoch sein“, sagen wir Kasachen, wenn wir uns Glück wünschen. Ein „Schanyrak“ ist der hölzerne Dachkranz der Jurte. Er besteht aus einem runden Rahmen und kreuzförmigen, gebogenen Streben. Durch die Öffnung konnte der Rauch aus der Jurte entweichen, gleichzeitig galt sie als Verbindung zum Kosmos. Obwohl die meisten Kasachen schon lange nicht mehr in Jurten leben, spielt der Schanyrak in unserer Kultur immer noch eine wichtige Rolle. In der Familie wird er traditionell jeweils vom Vater an den jüngsten Sohn vererbt. Bei einer typisch kasachischen Hochzeitszeremonie wird der mit Blumen oder Schleiern festlich geschmückte Familien-Schanyrak über Braut und Bräutigam gehalten. Der Dachkranz steht hier sinnbildlich für den Weiterbestand der Familie und das neue Zuhause des jungen Paars. Auch sonst ist der Schanyrak in Kasachstan überall präsent. In den Häusern reicher Leute sind die Decken oft mit Dekorationselementen in Form eines Dachkranzes verziert. Vor einem Café, in das ich manchmal mit meiner Familie gehe, hängt ein Bild eines Schanyraks, um die Gäste willkommen zu heißen. Jeder Kasache, der das Symbol sieht, weiß sofort, was es bedeutet. Im kasachischen Staatswappen steht es für die Einheit der verschiedenen ethnischen Gruppen, die in Kasachstan zusammenleben.

Ruchsaram Dzhasybaeva, geboren 1979 in Almaty, hat Internationale Beziehungen und Weltsprachen studiert. Sie lebt in Almaty.



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