Die Ideen der anderen

von Marianna Lieder

Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Ausgabe IV/2012)


In den Romanen des US-Amerikaners Jonathan Lethem verschmelzen die Genres, Gattungen und Stile stets mit schwindelerregender Selbstverständlichkeit: Krimi und Künstlerroman, realistisches Gesellschaftspanorama mit Fantasy- und Film-Noir-­Elementen. In seinem Debüt „Der kurze Schlaf“ kreuzte er eine Hard-Boiled-Detektivgeschichte im Stile Raymond Chandlers mit Science-Fiction. In seinem ersten großen Erfolg „Motherless Brooklyn“ überlappen sich Mafia- und Coming-of-Age-Geschichte und in „Chronic City“ aus dem Jahr 2011 dehnt sich das Lethem-typische Universum aus Hyperrealismus, greller Fantastik, Popkultur und damit verschmolzener Lebens- und Kunstphilosophie zu epischer Breite aus.

In der angloamerikanischen Kultur gibt es keine sonderlich scharfe Trennlinie zwischen ernster Kultur und Unterhaltung. Doch der 1964 in New York geborene Lethem beeindruckt mit einer besonderen Zielsicherheit, mit der er sich genau auf dieser schwer auslotbaren Grenze positioniert. „Es gibt keine Oberfläche ohne Tiefe“ lautet dann auch das Mantra von „Die Festung der Einsamkeit“ – einem von Lethems New-York-Romanen, in denen der Big Apple die heimliche Hauptrolle spielt, gespickt mit Superhelden, Funk und Drogen. Und ebenso wenig gibt es eine Hierarchie in dem Pantheon seiner Helden und Vorbilder, ob sie nun aus der kanonisierten Hochliteratur, aus Western, aus Comic- oder Fantasy-Heftchen oder dem Indie-Pop stammen: Philipp K. Dick, Norman Mailor, J. G. Ballard, Italo Calvino, John Cassavetes, John Wayne, Borges, Kafka, Marlon Brando, Bob Dylan, James Brown, Don DeLillo, Muriel Sparks, um nur die wichtigsten aufzuzählen, denen Lethem in seinem nun auf Deutsch erschienenen Buch „Bekenntnisse eines Tiefstaplers“ als seinen Meistern und Musen huldigt.  

Der Untertitel dieser Essaysammlung lautet „Memoiren in Fragmenten“. Es beginnt zunächst alles ganz brav mit den Büchern und dem Lebensgefühl der Hippie-Eltern, die der Sohn bald und reichlich unsentimental durch eigene Bücher und ein eigenes Lebensgefühl ersetzt. Allmählich wird aber klar, dass hier ganz und gar nicht nach den Gepflogenheiten der Textform „Intellektuellenautobiografie“ vorgegangen wird. Genau wie in seinen Romanen fächert Lethem ein Gattungspanoptikum auf und versammelt Jugenderinnerungen, Essays zu Film und Literatur, ein wenig Klatsch aus dem Literaturbetrieb um seinen Namensvetter Franzen und seinen einstigen Studienkollegen Brett Easton Ellis, mit dem er die Nacht vor 9/11 durchzechte, sowie seine frühen, skeptisch kommentierten Kurz- und Fantasygeschichten, New-Journalism-Reportagen und Interviews, die er ursprünglich für Magazine wie den Rolling Stone oder den New Yorker verfasst hat.

Das Herzstück der Bekenntnisse bildet der Essay „Einflussekstase“ – Lethems eigenwillige Variation auf die berühmten Ansichten des Literaturwissenschaftlers Harold Bloom. Mit dem Begriff „Einflussangst“ hatte Bloom in den 1970er-Jahren das Schaffensdrama des modernen Schriftstellers schlechthin beschrieben, jenes Leiden daran, dass eigene Originalität im Schatten der zahlreichen Überväter wie Shakespeare und Co. nahezu unmöglich sei. Auch Lethem ist sich bewusst, dass mit jedem eigenen Werk stets die Werke anderer fortgeschrieben werden, doch ist ihm dies nicht Fluch, sondern Segen.

In seinem euphorischen Bekenntnis zur Kunst, die sich aus anderer Kunst speist, geht es um Surrealismus, Pop Art, Konkrete Musik und um Literatur, die sich „schon lange in einem Zustand der Plünderung und Zerfledderung“ befinde. Raubritter wie Walter Benjamin, William S. Burroughs und vor allem T. S. Elliot mit seinem Gedicht „The Waste Land“ hätten gezeigt, dass eigenes Schöpfertum und der freimütige Griff in fremde Gedankenschatztruhen kein Widerspruch seien. Seine quirlige Emphase für den Text als Intertext verbindet Lethem mit einer leidenschaftlichen Anprangerung der Auswüchse der Copyright-Gesetzgebung: dass gegen 12-Jährige juristisch vorgegangen wird, weil sie illegal Musik herunterladen, dass Künstler vom Disney-Konzern verklagt werden, weil sie Mickey-Mouse in ihren Skulpturen verwenden, dass man Geburtstagsgäste zur Kasse bittet, weil sie ein Happy-Birthday-Ständchen gebracht haben.

Am Schluss kommt die eigentliche Pointe: Bis auf wenige Zeilen ist dieser Text ein komplettes Plagiat, eine Collage aus Zitaten von David Foster Wallace, Roland Barthes, Mary Shelley, Michael Maar und vielen anderen, die Lethem fein säuberlich auflistet.

Unter dem Titel „The Ecstasy of Influence. A Plagiarism“ erschien dieser Text bereist 2007 in Harper‘s Magazine. Kurz darauf war Lethem ein Star der Szene um Netzvisionäre wie Lawrence Lessing und Kulturutopisten wie Lewis Hyde. Er reiste von Tagung zu Talkshow, um sich für eine radikale Reform des Copyrights einzusetzen. Allerdings unterscheidet sich diese Debatte in Amerika in wesentlichen Punkten von den Diskussionen in anderen Ländern. Während beispielsweise das in Deutschland geltende Urheberrecht auf den Schutz und die Interessenwahrung des „schöpferischen“ Individuums, eben des Urhebers, abzielt, geht es bei dem Copyright in den USA lediglich um die ökonomische Verwertung eines Werks, um bloße „Nutzungsrechte“, bei deren Inhabern es sich häufiger um große Konzerne als den Autor, Komponisten oder Maler handelt.

Rückblickend kommentiert Lethem dieses Engagement mit selbstironischer Distanz und  betont, er habe keine Argumente zur Verteidigung einer Position liefern wollen, vielmehr sei er beim Verfassen von „Einflussekstase“  dem „Impuls“ gefolgt, „zu schmeicheln und zu betören“. Nicht als Debattenbeiträger habe er sich hier geäußert, sondern seine Stimme als Künstler erhoben, und Künstler seien bekanntlich „nicht zuletzt auch Schelme“.

Allerdings lässt sich Lethem an anderen Stellen im Buch zu unkontrolliert von diesem schelmischen Impuls leiten, zu manieriert und anbiedernd wirkt vor allem sein Umgang mit der eigenen Berühmtheit. So preist er in einem anderen Kapitel die Subkultur, die Unangepassten und talentierten, aber erfolglosen Freaks als Vertreter der „Termitenkunst“ und führt dabei dem Leser kokett vor, wie er selbst, der doch eigentlich schon seit Längerem Mainstream-Erfolge feiert, also eigentlich längst zu den Repräsentanten der „Elefantenkunst“ zählt, es einfach nicht lassen kann, sich doch noch selbst für eine Termite zu halten.

Viele der Romanfiguren Lethems versprühen den Charme der endlos verlängerten Pubertät. Noch jenseits der dreißig weigern sie sich als Dauerkiffer, Bandmitglieder, exzessive Kinogänger und unglücklich Verliebte, die banale Härte der Wirklichkeit zu akzeptieren. In den „Bekenntnissen eines Tiefstaplers“ ist es Lethem, der einem nervösen Teenager gleich, der andauernd entwaffnende wie unnütze gedankliche Pirouetten aufführt. Zu allem Überfluss scheint er sich dessen auch noch bewusst zu sein: „Es liegt wohl sogar eine Gefahr darin, dass die Übung, die ich beim Einsatz sprachlicher Mittel habe, meinen persönlichen Meinungen erlaubt, meinem Hirn zu entfliehen.“ Doch so sehr man hinter dieser Selbsterkenntnis auch wieder den „Schelm“ argwöhnt, womöglich verheißt sie Besserung.

Bekenntnisse eines Tiefstaplers. Memoiren in Fragmenten. Von Jonathan Lethem. Aus dem Amerikanischen von Gregor Hens. Tropen Verlag, Stuttgart, 2012.



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