Das Letzte

von A. L. Kennedy

Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Ausgabe IV/2012)


In Beerdigungen will ich nicht gut sein. Wenn ich zu einer gehe, will ich nicht auf einen großen Fundus von Bestattungserfahrungen zurückgreifen können. Wie so viele Menschen hoffe ich, dass Todesfälle, von denen ich persönlich betroffen bin, die Ausnahme bleiben werden: mehr oder weniger herzzerreißend, je nachdem, wie gern ich den oder die Verstorbene hatte. Und wie ebenso viele Leute schwanke ich beim Gedanken an mein eigenes Begräbnis zwischen der Wunschvorstellung, ich müsse nicht sterben (was mich befähigt, meine Topfpflanzen zu gießen, Menschen zu lieben und Großpackungen Toilettenpapier zu kaufen, ohne dabei in Verzweiflung zu versinken), und der detaillierten Planung meines Abschieds unter besonderer Beachtung der angemessenen musikalischen Begleitung in jeder Phase der Zeremonie.

Aber natürlich ist das Leben zerbrechlich und wechselhaft, ich war inzwischen auf einer Reihe von Beerdigungen und bin mit manchen Fallstricken vertraut. Ich hoffe, wenn ich jemandes Trauerfeier organisieren muss, kann ich die schlimmsten Peinlichkeiten vermeiden. Besonders verabscheue ich die formelhaften Trauerreden des religiösen Personals, das offensichtlich nicht das Geringste über die Verstorbenen weiß und sich auch nicht die Mühe gemacht hat, etwas herauszufinden. Meine Großmutter wurde beispielsweise von einem saftlosen kleinen Pfarrer beerdigt, den sie selbst so lachhaft wie langweilig gefunden hätte und der eine  bestimmte Formel sprach, um „ihre Seele aus dem Sarg zu erlösen“, wo diese doch niemals nur einen Augenblick in so einer blöden Kiste zugebracht hätte und bestimmt nicht auf seine Einmischung oder gar Erlaubnis gewartet hätte, um zu tun, was sie wollte. Außerdem warf er ihr vor, sie habe Kinder gemocht, was niemals stimmte, nicht mal, als sie selbst noch eins war.

Sie polierte restaurierte Möbel mit Schellack und legte immer großen Wert auf das richtige Holz und die beste Oberflächenbehandlung, weshalb der billige Lack und die schlampige Verarbeitung ihres Sargs (der mit ihr verbrannt werden sollte) sie zu empörten bis höhnischen Ausrufen hingerissen hätte. Wie wir hätte sie es unangemessen komisch gefunden, als die Sargträger sich selbst und den Sarg langsam, gemessen und ungeheuer würdevoll im Eingang der Kapelle verkeilten und minutenlang nutzlos mit den glänzend schwarzen Schuhen trippelten, ohne auch nur einen Zentimeter voranzukommen.

Die Bestattung meines Großvaters verlief würdiger, obwohl auch er von jemandem verabschiedet wurde, der ihn noch nie gesehen hatte, und in einer Zeremonie, die er verabscheut hätte, nicht zuletzt, weil sie sehr traurig war. In dem Altenheim, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte, hatte er uns bereits auf die diskreten Doppelklappen auf Bodenhöhe an der Rückseite der Fahrstuhlkabine hingewiesen, die es gestatteten, Leichen nach unten zu transportieren, ohne sie hochkant hinstellen zu müssen. Er hatte einen recht schwarzen Humor und er wusste, dass er den dritten Stock mit Füßen oder Kopf in diesem Extrastauraum verlassen würde. Und so war es.

Mein Freund Paul starb an einem Hirntumor und wusste daher weit im Voraus, dass es mit ihm zu Ende ging. Er lebte in den Niederlanden und hatte sich die Möglichkeit offengehalten, um Sterbehilfe zu bitten, wenn seine Symptome unerträglich wurden. Die Trauerfeier in Amsterdam war in allen Einzelheiten liebevoll vorbereitet. Doch tatsächlich starb Paul beim weihnachtlichen Familienbesuch in Schottland, und daher fand seine erste Bestattung in einem hässlichen städtischen Krematorium statt, in dem es absurderweise unfassbar kalt war. Offenbar hatte man sämtliche Wärme für die Toten reserviert. Paul war Musikliebhaber und seine Mutter und seine Schwes­ter wollten das auch in der Trauerfeier gewürdigt sehen – doch der unnachgiebige Gemeindepianist bot ihnen nur die drei Standardkirchenlieder an und erlaubte auch nicht, dass man ihn durch einen eigenen Musiker ersetzte.

Den älteren Pfarrer durchfuhren heftige Schauder der Empörung und er verabreichte uns eher eine Strafpredigt als Trost und Segen, als im Verlauf der Veranstaltung immer deutlicher wurde, dass Paul schwul war, dass sein Lebensgefährte aus Amsterdam angereist war, um Abschied zu nehmen, und dass alle Teilnehmer mindestens Satanisten, wenn nicht Sozialisten waren. Pauls Partner rettete die Zeremonie mit einer wunderschönen, witzigen und bewegenden Ansprache, die er mit folgendem Satz begann: „Ich habe Paul in einem Badehaus in Amsterdam kennengelernt.“ Bei diesen Worten sackte der Pfarrer hinter seiner Kanzel zusammen und ward nicht mehr gesehen. Er muss das Gebäude auf Händen und Knien verlassen haben; womöglich die angemessen christliche Fortbewegung.

Pauls richtige Trauerfeier fand später statt, und zwar genau so, wie er sie geplant hatte. Mich hatte man gebeten, in der holländischen Hauptstadt mit schottischem Akzent einige Worte über ihn zu sagen. Exzellente Musiker spielten ausgesuchte Werke, Erinnerungen und Scherze wurden ausgetauscht. Wir weinten alle, wie nur gebrochene Herzen weinen können. Auch das war richtig und genau so geplant.

Wie ein Freund von mir, Bestatter von Beruf, sagt, sind Bestattungen nicht für die Toten, sondern sollen den Hinterbliebenen Trost und Abschluss bieten, eine würdevolle Feier. Oft jedoch sind sie nur ein Vorwand für schlechte Reden, noch schlechteres Essen und Familienstreit. Meine eigene Beerdigung hätte ich lieber so wie Pauls zweite, liebevolle Trauerfeier, denn was sonst hätte im Angesicht des schrecklichen Naturgesetzes irgendeinen Zweck? Und es wird Bob Dylan gespielt werden, oder die Stones, oder vielleicht Elvis Costello, die Kinks, C. W. Stoneking, Simon & Garfunkel... Ich überlege noch.

Aus dem Englischen von Ingo Herzke



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