Sterben üben

von Mark Ravenhill

Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Ausgabe IV/2012)


Alle drei Monate gehe ich zum Arzt, um ein neues Rezept für meine Medikamente zu holen und mich einer Reihe von Bluttests zu unterziehen. Im Augenblick sagen meine Werte, dass ich zehn oder 15 Jahre weniger leben werde als der Durchschnitt. Statistisch gesehen werde ich aufgrund der Beanspruchung meines Körpers durch HIV und Aids und der Nebenwirkungen der Medikamente, die ich nehmen muss, mit 65 oder 70 Jahren sterben. Natürlich finde ich mich damit nicht ab. Wie damals, als ich von meiner HIV-Infektion erfuhr, kann ich nicht anders, als zu denken: Nein, auf mich trifft das bestimmt nicht zu, dafür bin ich einfach zu großartig.

Meine Geschichte beginnt 1989. Ich war 23 Jahre alt und verliebte mich in einen Mann namens Tim. Gleich am Anfang sagte er mir, er sei HIV-positiv. Zu dieser Zeit schien es einen klaren weiteren Verlauf der Infektion zu geben: Das Virus griff das Immunsystem des Körpers an, verursachte eine Reihe von Krankheiten, die als Aids bekannt wurden, und diese führten dann unweigerlich zum frühen Tod. Ich blieb mit Tim zusammen. Obwohl wir immer „safe sex“ hatten, wie man damals sagte, wurde ich 1990 selbst positiv auf HIV getestet. Es hieß, dass ich noch etwa zehn Jahre zu leben hätte. Doch ich war jung und arrogant und verdrängte den Tod. Bis Tim im Jahr 1993 starb.

Viele Menschen, die wie ich zur zweiten Welle der HIV-Patienten gehörten, lernten alles über Aids, indem wir uns um unsere erkrankten Freunde und Geliebten kümmerten. Wir übten uns im Sterben. Tims Tod half mir, meinen eigenen Tod zu akzeptieren. Ich hörte auf, die neuesten Entwicklungen der Medizin zu verfolgen. Die Medikamente konnten den Tod nicht verhindern. Es war besser, sich auf das Unvermeidliche vorzubereiten, als immer wieder über mutmaßliche medizinische Durchbrüche zu lesen. So kam es, dass ich schon gar nicht mehr zuhörte, als es 1995 tatsächlich zum ersten medizinischen Durchbruch kam: der Kombinationstherapie. Neue Medikamente verhinderten, dass sich der HI-Virus im Körper vermehrte. Ich war zu diesem Zeitpunkt mit meinem Tod versöhnt und wollte keine Energien an eine falsche Hoffnung verschwenden.

Im Herbst 1996 erkrankte ich am Kaposi-Sarkom und hatte jene purpurfarbenen Flecken auf Brust und Beinen, die fast zu einem Markenzeichen von Aids geworden sind. Es war der gleiche Herbst, in dem mein Theaterstück „Shoppen & Ficken“ Premiere hatte. Nun war es offiziell: Vorher war ich ein Mensch mit HIV gewesen, jetzt war ich ein Mensch mit Aids.

Auf Anraten der Ärzte begann ich nun doch mit der neuen Kombinationstherapie und verlor sehr schnell an Gewicht. Ich erinnere mich, dass mich ein Freund nach einem Fernsehauftritt in einer SMS ganz direkt fragte: „Hast du Aids?“ Kurz darauf, im Jahr 1997, zeigte ein Scan eine Art Geschwulst in meinem Gehirn. Die wahrscheinlichste Erklärung dafür war eine Infektionskrankheit namens Toxoplasmose. Das ist eine Gehirnhautentzündung, die von Katzen übertragen wird und die das Immunsystem eines gesunden Menschen normalerweise leicht bekämpfen kann. Doch alle Tests auf Toxoplasmose waren bei mir negativ. So hielten die Ärzte die Geschwulst schließlich für einen bösartigen Tumor. Man gab mir noch drei bis sechs Monate. Sechs Monate, wenn ich mich einer aggressiven Chemotherapie unterzog, drei Monate ohne diese Behandlung. Ich sagte: „Ich nehme die drei Monate, vielen Dank.“

Sieben lange Jahre hatte ich mich zu diesem Zeitpunkt schon auf einen Aids-Tod vorbereitet. Als mir dann gesagt wurde, du hast noch drei Monate Lebenszeit, bin ich damit klargekommen. Ich organisierte und veranstaltete eine Abschiedsparty für meine Freunde und versöhnte mich mit meiner Familie. Ich legte die Streitigkeiten mit meiner Mutter, meinem Vater und meinem Bruder bei. Ich regelte meine Finanzen und plante meine Beerdigung.

Doch der Tumor wuchs nicht weiter, er reagierte negativ auf Tests für Gehirnkrebs. Schließlich gaben mir die Ärzte doch Medikamente gegen Toxoplasmose und die Behandlung sprach an. Die Mediziner schlossen daraus, dass es sich wohl um eine Art von Toxoplasmose handelte, die nicht auf Tests reagiert. Plötzlich hieß es, ich müsste doch nicht so bald sterben. Mein Schicksal war noch nicht besiegelt. Da erlebte ich eine Art Nervenzusammenbruch.

Erstaunlicherweise war nach Jahren der Vorbereitung auf den Tod dieser Moment, in dem ich erfuhr, dass ich nun doch weiterleben würde, der einzige Zeitpunkt, an dem ich an Selbstmord dachte. Zuvor hatte ich jeden – mich selbst eingeschlossen – damit beeindruckt, wie gut ich mit der Aussicht auf einen frühen Tod fertig geworden war und die letzten Monate meines Lebens geplant hatte.

Mit diesem großen Umschwung – vom Todeskandidaten zu einem Menschen, der nun doch nicht so schnell sterben würde – mussten aber auch meine Freunde und Familienmitglieder zurechtkommen. Einige Freunde verlor ich darüber. Nachdem sie zu dieser sehr emotionalen Abschiedsparty gekommen waren, erfuhren sie nun von anderen, dass ich weiterleben würde. Ich glaube, manche Leute fühlten sich regelrecht hintergangen und waren verärgert. Mit anderen dagegen intensivierte sich die Freundschaft nach diesem Erlebnis.

Ähnliche Geschichten erlebten in den 1980er- und 1990er-Jahren Tausende Menschen, vor allem schwule Männer. Wir lernten zu sterben, wir bereiteten uns auf den Tod vor, wir planten Beerdigungen. Dann gab es plötzlich neue Entwicklungen in der Medizin und wir lebten weiter. Diese Erfahrung ist oft so traumatisch wie die Aussicht auf einen sicheren Tod.

Wer einmal dem Tod so nahe gewesen ist, entfernt sich von anderen Menschen. Man entwickelt Überlegenheitsgefühle. Man denkt: Ihr kennt solche Gefühle nicht, ihr habt solche intensiven psychischen und körperlichen Erfahrungen nicht gemacht. Ich fühle mich tatsächlich als etwas Besonderes.

Dennoch bin ich mir heute des Todes sehr viel bewusster und denke oft an ihn. Ich weiß nicht, ob das an den Nebenwirkungen der Medikamente liegt oder vielleicht doch daran, dass ich mich in der Lebensmitte befinde. Vielleicht gibt es für jeden Menschen erst eine Zeit, in der man alle fünf Minuten an Sex denkt, und um die 40 beginnt dann die Zeit, in der man alle fünf Minuten an den Tod denkt. Heute fällt es mir viel leichter als früher, über das Sterben und Krankheiten aller Art zu sprechen. In Gegenwart krebskranker Menschen bin ich unbefangen. Ich muss mich manchmal daran erinnern, dass der Tod für andere oft ein Tabuthema ist. Ich dagegen kann Kranke direkt fragen: „Was stimmt mit dir nicht? Wie fühlst du dich? Wann, denkst du, wirst du sterben?“

Aber es gibt da auch eine neue Angst. Der Tod durch Aids folgte ja einem gewissen Narrativ. Einem schrecklichen, keine Frage, aber einem verlässlichen. Ich hatte eine Art Karte in der Hand, eine Vorstellung davon, wie ich sterben würde. Diese Gewissheit ist mir abhandengekommen. Nun geht es mir wie jedem anderen Menschen: Ich bin mit der Beliebigkeit des Todes konfrontiert. Nächste Woche könnte ich einen Herzinfarkt haben, in zehn Jahren einen Schlaganfall oder in 20 Jahren Krebs. Der Tod hat wieder etwas von einem Roulette-Spiel, und das macht Angst.

Ich habe das Gefühl, eine Art Geheimnis zu kennen, weil ich dem Ende schon einmal so nahe gekommen war, und Geheimnisse kann ich nicht gut für mich behalten. Aber es gibt in dieser Todeserfahrung immer noch etwas, das ich nicht zufriedenstellend kommunizieren kann. Für einen Autor ist das ganz nützlich. Es gibt dir auf Lebenszeit Stoff zum Schreiben. Etwas, das du nicht voll und ganz bestimmen und ausdrücken kannst, liefert Material für 30 Theaterstücke.

Protokolliert von Carmen Eller nach einer Veranstaltung mit Mark Ravenhill auf dem Kongress „Die Untoten – Life Science & Pulp Fiction“ im Mai 2011 in Hamburg, www.untot.info



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