Bin ich schön?

Viren Swami

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


Ob man es gut findet oder nicht – Schönheit ist wichtig. Jahrzehnte psychologischer Forschung haben gezeigt, dass Personen, die als äußerlich attraktiv empfunden werden, in verschiedenen Kulturen in fast jedem Bereich des täglichen Lebens bevorzugt werden. Im Vergleich mit weniger gut aussehenden Personen werden sie als ehrlicher, geselliger, verlässlicher und intelligenter wahrgenommen und sind schlicht beliebter. Im Gerichtssaal werden sie seltener für schuldig befunden, und wenn sie verurteilt werden, fällt die Strafe milder aus. Selbst wenn wir nach einem Autounfall erste Hilfe leisten, helfen wir, das haben Studien ergeben, wahrscheinlich eher der gut aussehenden Person als der äußerlich weniger attraktiven. Klar ist also, dass das Aussehen eine große Rolle spielt, weniger klar hingegen ist, wer kulturübergreifend als attraktiv gilt. 


In seiner Abhandlung über die Schönheit fragt Voltaire im „Philosophischen Wörterbuch“ eine Kröte, was für sie Schönheit ist. Die Kröte, so Voltaire, würde antworten, Schönheit sei „das Weibchen mit den zwei großen runden Augen, die aus dem kleinen Krötenkopf herausstehen, ein breites, flaches Maul, ein gelber Bauch, ein brauner Rücken. [...] Fragt den Teufel er wird euch sagen, schön sind ein paar Hörner, vier Pfoten mit Krallen und ein Schwanz.“ Voltaires Abhandlung über die Relativität der Schönheit ist das Gegenstück zu den Theorien über objektive Schönheit, wie sie bis dato dominierten. Diese Theorien, die sich in Werken von da Vinci und Dürer niederschlugen, gingen davon aus, dass es objektive Kriterien für Schönheit gibt, Kriterien, die universell erkennbar sind und über die man sich kulturübergreifend einig ist: Schöne Menschen oder Dinge haben bestimmte Merkmale gemeinsam, die sie von allen anderen unterscheiden, und Personen oder Dinge, denen diese Eigenschaften fehlen, werden nicht als schön wahrgenommen. Mitte des 19. Jahrhunderts dann verloren die Begriffe einer objektiven Schönheit an Reiz. Charles Darwin, der mit Missionaren in verschiedenen Ländern korrespondierte, schrieb: „Es ist wohl bekannt, dass die Chinesen aus dem Landesinneren Europäer mit ihrer weißen Haut und den hervorspringenden Nasen scheußlich finden.“


Heute ist man sich einig, dass es in verschiedenen Kulturen unterschiedliche Begriffe von körperlicher Schönheit gibt, und die Forschung kann genauer dokumentieren, inwiefern sich die Merkmale äußerlicher Attraktivität in verschiedenen Kulturen unterscheiden.


Während die Menschen in den meisten hoch entwickelten Ländern eine Vorliebe für schlanke, sogar untergewichtige Körper zeigen, bevorzugen viele in „traditionellen“ Kulturen oder Entwicklungsländern dralle und manchmal übergewichtige Frauen und Männer. In diesen Gesellschaften wird Fülligkeit oft symbolisch mit den psychologischen Dimensionen des Selbstwertgefühls, der Sexualität und Fruchtbarkeit in Verbindung gebracht speziell bei Frauen ist Körperfett auch ein Symbol für die Mutterschaft. In manchen Gesellschaften ist sogar extreme Gewichtszunahme kulturell akzeptabel: In Teilen Afrikas und im Südpazifik zogen sich Jugendliche privilegierter Familien in Vorbereitung auf ihre Hochzeit oft in „Milchhütten“ zurück, und Gewichtszunahme wurde hier als Zeichen gesteigerter Schönheit, Stärke, Gesundheit und Reichtums gesehen.


Offenbar hängt der Wandel von Schönheitsidealen mit Veränderungen der sozioökonomischen Verhältnisse zusammen: Weniger wohlhabende Personen bevorzugen höheres Körpergewicht, weil schwerere Körper für Reichtum und den einfacheren Zugriff auf Ressourcen wie Nahrungsmittel stehen, während ein geringes Körpergewicht auf eine Knappheit der Ressourcen hinweist. Studien in Malaysia zeigen, dass das Schönheitsideal bei Frauen und Männern in urbanen Gebieten der schlanke Körper an der Grenze zum Untergewicht ist und so dem Ideal in den meisten hoch entwickelten Ländern der westlichen Welt entspricht. Das Ideal im ländlichen Malaysia sind demgegenüber kräftigere, fast übergewichtige Körpertypen. Ähnliche so- zioökonomische Unterschiede hinsichtlich des idealen Körpergewichts werden aus dem Südpazifik berichtet, aus Thailand, Südafrika und sogar vom Volk der Sámi in Finnland.


Diese Ergebnisse werden durch neuere Untersuchungen darüber untermauert, dass Hungergefühle die Wahrnehmung des idealen Körpergewichts beeinflussen. Studien in Großbritannien zeigen, dass hungrige Männer ein etwas höheres Körpergewicht bei Frauen schöner finden als satte Männer das zeigt auch, wie sehr die Wahrnehmung des idealen Körpergewichts mit der Verfügbarkeit von Ressourcen zusammenhängt. Ein ähnliches Phänomen ist bei Menschen zu beobachten, die aus sozioökonomisch weniger guten Verhältnissen in solche mit durchschnittlich besseren Möglichkeiten gelangen. Gemäß einer Untersuchung bevorzugten südafrikanische Zulus, solange sie noch im ländlichen Südafrika lebten, übergewichtige Frauen, doch nach ihrer Ankunft in Großbritannien übernahmen die Immigranten schnell die Ideale, die vor Ort herrschten und denen zufolge Schlankheit attraktiv ist. 


Natürlich sind sozioökonomische Faktoren nicht die einzigen oder allein ausschlaggebenden bei der Definition von Schönheits- idealen. In vielen Entwicklungsländern hat der Wirtschaftsliberalismus zur Deregulierung der Massenmedien geführt, wodurch die in der westlichen Welt geprägten Begriffe von Erfolg, sexueller Attraktivität und Schlankheit zu Synonymen wurden. Die zunehmende Häufigkeit von Fettleibigkeit auch in vielen Entwicklungsländern trägt vielleicht auch dazu bei, das Streben nach Schlankheit und umgekehrt das negative Image des Übergewichts zu „rechtfertigen“. Industrialisierung und Urbanisierung führen zu Veränderungen im Leben der Frauen und Männer in Sachen Bildung, Karrieremöglichkeiten, Partnerwahl, Geburtenkontrolle und Bürgerrechten. All dies bewirkt eine Veränderung des Bildes dessen, wer innerhalb eines bestimmten kulturellen Umfeldes als attraktiv gilt und wer nicht.


Noch größer sind die Wahrnehmungsunterschiede, wenn es um nicht körperliche Attraktivität geht. Schon lange haben Dichter und Philosophen nahegelegt, dass Schönheit „von innen kommt“, dass Attraktivität also oft von nicht körperlichen Faktoren beeinflusst wird, etwa dem Charakter, dem Gesprächsverhalten, der Ehrlichkeit, Geselligkeit und dem Humor. Verschiedene Studien der jüngsten Zeit deuten darauf hin, dass die individuelle Persönlichkeit wichtiger als körperliche Attraktivität sein könnte, was das Anbahnen von Beziehungen angeht. Ähnliche Persönlichkeitsstrukturen und ähnliche soziodemografische Faktoren sind zudem bekanntermaßen wichtig für die Stabilität einer Beziehung. In enger verbundenen gesellschaftlichen Gruppen kann so auch das Ansehen eine wichtige Rollen spielen, wenn die Attraktivität einer Person ermittelt werden soll. Aber solche Indikatoren der Attraktivität variieren erheblich von einer Kultur zur anderen: Im Vergleich zu östlichen Kulturen (oder genauer: kollektivistischen Kulturen) werden in den individualistischen Gesellschaften der westlichen Welt Eigenschaften wie Individualismus, Einzigartigkeit und Extrovertiertheit als attraktiver empfunden. 


Kurz: Historische, kulturelle und gesellschaftspolitische Faktoren greifen ineinander und beeinflussen unsere Schönheitsideale, die formbar und unbeständig sind. Wenn ich mich als attraktiv bezeichne, hat das nur in einem bestimmten historischen und kulturellen Kontext Sinn – und nur mit Blick auf meine gesellschaftlichen und politischen Erfahrungen und die der Person, die mich beobachtet. So gesehen ist Schönheit, wie der Philosoph David Hume Mitte des 18. Jahrhunderts erklärte, „keine Eigenschaft der Dinge selbst sie existiert nur in den Gedanken dessen, der über sie nachsinnt und jeder denkt eine andere Schönheit.“ Voltaires Definition der Schönheit und zahlreiche psychologische Untersuchungen seither haben bekräftigt, dass die Schönheit im Auge des Betrachters liegt und dass man ästhetischen Theorien mit universellem Anspruch misstrauen sollte.
 
 

Aus dem Englischen von Loel Zwecker



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