Abenteuer, Schätze, Geheimnisse

von Angela Gutzeit

Inseln. Von Albträumen und Sehnsüchten (Ausgabe II/2014)


In Jules Vernes Klassiker „Die geheimnisvolle Insel“ von 1874/75 fliehen Gefangene aus einem Straflager mithilfe eines Heißluftballons. Auf einer Insel im Südpazifik müssen sie notlanden. Variiert wird nun die typische Robinson-Crusoe-Situation: Vernes Protagonisten müssen sich nicht nur mit der unwirtlichen Natur arrangieren, sondern auch mit Piraten herumschlagen. Die schwedische Autorin Astrid Lindgren hat dieses Südsee-Insel-Motiv Mitte des 20. Jahrhunderts in ihrer heiter-verspielten Weise aufgegriffen: Pippi Langstrumpf und ihre beiden Freunde nutzen ebenfalls einen Heißluftballon, um auf der Taka-Tuka-Insel im Südpazifik zu landen, wo Pippis Vater von Piraten gefangen gehalten wird.

Die Insel: Seit der Antike dient sie als Projektionsfläche, in die man alles hineinfantasieren kann. Für die Literatur ein perfekter Ort, um Grundsituationen menschlicher Existenz, aber auch gesellschaftliche Zukunftsfragen wie in einem Labor durchzuspielen und ins Extrem zu treiben. Die unentdeckte Insel gibt es heute nicht mehr. Aber besonders in der Kinder- und Jugendliteratur hat sie als Ort der Abenteuer, der Schätze, der Geheimnisse, der Verbrechen, der Bewährung und Läuterung keineswegs ihre Anziehungskraft eingebüßt. Der Traditionsstrang der Robinsonaden in der Folge von Daniel Defoes Weltbestseller bringt seit 300 Jahren unentwegt neue literarische Varianten hervor, die allerdings in ihren besten Ausformungen mühelos die Klassifizierung „Kinder- und Jugendbuch“ sprengen.

Ein aktuelles Beispiel ist Andrew Motions Roman „Silver. Rückkehr zur Schatzinsel“, der dieses Jahr im mareverlag erschienen ist. Man muss den Mut des 1952 in London geborenen Romanciers bewundern, denn er wagt hier nicht nur die Fortschreibung des Klassikers „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson, sondern spielt auch gekonnt mit seinen Motiven. Er lässt den Sohn von Jim Hawkins und die Tochter von Long John Silver vierzig Jahre nach der abenteuerlichen Seefahrt ihrer Väter auf die Schatzinsel zurückkehren auf der Suche nach dem Silber, das der verbrecherische wie faszinierende Silver dort zurücklassen musste. Zurück blieben damals auch drei der Meuterer der Hispaniola-Besatzung. Jim Hawkins Jr. und Natty Silver werden nach ihrer Landung mit einem Terror-Regime konfrontiert, das die Meuterer nach Strandung eines Sklavenschiffes dort errichtet haben.

Mit den Inseln in der Literatur ist seit jeher die Utopie von einer besseren Gesellschaft verbunden, aber auch ihre Kehrseite, die Dystopie, die diesen Glauben radikal infrage stellt. Wir erinnern uns an William Goldings „Herr der Fliegen“ von 1954. Hier hat es während eines Atomkrieges eine Jungengruppe durch einen Flugzeugabsturz auf eine unbewohnte Insel verschlagen. Statt zusammenzuhalten, machen sie sich das Leben zur Hölle und spiegeln damit noch einmal im Kleinen das Unvermögen der Menschen zur Friedfertigkeit.

In Aleksander Mellis 2010 erschienenem Roman „Das Inselexperiment“ haben ganz offensichtlich Golding, Aldous Huxley, George Orwell und die Big-Brother-Reality-Show Pate gestanden. In dem Buch des Norwegers werden junge Menschen angeworben, um auf einer Insel eine „Kinderregierung“ zu bilden. Das Experiment,  von Erwachsenen medial überwacht, nimmt immer stärker faschistische Züge an.

Ähnlich wie bei William Goldings dystopischem Klassiker lässt auch der Franzose Yves Grevet in seinem dreiteiligen „Méto“-Romanprojekt eine menschengemachte Katastrophe aufscheinen. Die 64 Knaben, die in einem turmähnlichen Gebäude auf einer Insel in völliger Isolation gehalten werden, wissen nichts von ihrer Herkunft und der Außenwelt. Ihrer Erinnerung beraubt, müssen sie sich einem totalitären Regime unterwerfen. „Méto – Das Haus“, der erste Teil dieses Erzählwerks, das international Erfolge feiert, ist gerade in Deutschland erschienen. Es setzt Goldings Pessimismus die Zuversicht entgegen, dass solidarisches Handeln möglich ist und Widerstand gegen Despotie in die Freiheit führt.

Die Insel ist in der Literatur selten ein beschaulicher Ort. Sie ist ein „theatraler Raum“, wie Judith Schalansky in ihrem „Atlas der abgelegenen Inseln“ schreibt. Auf ihrer Bühne lassen sich Kammerspiele aufführen, die einen tiefen Einblick geben in die Seele des Menschen.



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