Die Welt als Archipel

von Marsha Pearce

Inseln. Von Albträumen und Sehnsüchten (Ausgabe II/2014)


Alles steht im Verhältnis zueinander. Den Kern dieser Erkenntnis fand Édouard Glissant, Schriftsteller, Dichter, Dramatiker und Philosoph aus Martinique, besonders in seinen Überlegungen zur Sprache?

Seit den späten 1950er-Jahren gewann er daraus weitreichende Einsichten für Konzepte von Raum und Ort, die über den Bereich der Literatur hinausgehen. Sie leiten hin zu größeren Fragen wie der, wie wir miteinander interagieren und uns miteinander verbinden. Glissant, der selbst aus den Französischen Antillen stammt, einer Gruppe von Inselterritorien in der Karibik, die französische Übersee-Departments sind, untersuchte das Potenzial einer eigenen antillischen Sprache.

Den Ansatz seiner Untersuchungen bildete jedoch nicht nur eine Auseinandersetzung mit den Antillen und Frankreich, sondern ein aufmerksamer Blick auf das Verhältnis zwischen der Karibik im weiteren Sinne und dem Rest der Welt. Er sah die Karibik als einen Ort ohne eindeutigen Ursprung, ohne eindeutige Wurzel. Ihre Vergangenheit und Gegenwart, geformt durch die Bewegung von Menschen unterschiedlichster Herkünfte zu verschiedenen Zeiten zu den Inseln hin und von ihnen weg, macht die Karibik zu einem Raum mit zahlreichen Einflüssen, ständigem Kontakt und endlosen Vermischungen.

Bedingt durch eine Geschichte, die geprägt ist durch Zulauf, Abwanderung und Aufenthalt von versklavten Afrikanern, von Arbeitsverpflichteten und Händlern aus Asien sowie von einer großen Zahl europäischer Kolonialherren – Franzosen, Spanier, Holländer und Engländer –, besitzt diese Inselkette südöstlich des Golfes von Mexico und des nordamerikanischen Festlands, östlich von Zentralamerika und nördlich von Südamerika keinen festen Kern. Mit diesen vielfachen Ursprüngen vor Augen schlug Glissant die karibischen Inseln insgesamt als einen Raum von Beziehungen vor, einen Raum von Vielfalt, von Verknüpfungen und gegenseitigen Befruchtungen, der als Modell oder Vorlage für das Verständnis dienen könnte, wie die Welt zusammenhängt.

Für Glissant ist die Insel eine Metapher für die Neuformulierung unseres Raumdenkens – sie steht sinngemäß für das Verständnis von Raum als etwas Grenzenlosem. Konzeptionell ist die Insel also nicht eine fixe, losgelöste, isolierte Einheit, sondern steht vielmehr in zweifachen Abweichungs- und Umkehrungsprozessen: Sie streckt sich unbegrenzt in verschiedene Beziehungsrichtungen nach außen aus, zugleich kehrt sie sich zur Hinterfragung des eigenen Selbst und der Selbsterkenntnis nach innen. Das ist Glissants Vorstellung von archipelischem Denken: die Fähigkeit, die Insel zu sehen und sich zugleich ihrer Verbindung zu etwas wesentlich Größerem bewusst zu sein, der Beziehung zu einer Gruppe von Inseln, als Bindeglied zu einem Archipel.

Es handelt sich um eine Philosophie, bei der man sich simultan des Hier und Dort, des Nah und Fern intensiv bewusst ist und sich damit verbunden fühlt. Archipelisches Denken öffnet uns alle Meere und jeden Ort. Wir können uns beispielsweise in Lexika definierte Inseln wie Barbados, Tobago, St. Lucia, Jamaica und Kuba als Teil des karibischen Archipels vorstellen, wir können aber auch ihre Beziehungen zu einem weiträumigeren, theoretischen Archipel betrachten, das Uganda, Deutschland, Neuseeland, Thailand, Argentinien, Hawaii, China und Kanada einschließt.

Die Begriffe von Insel und Archipel stehen demnach synonym für einen globalen Raum. Unsere Welt lässt sich als ein großes Archipel begreifen. In diesem Bild eines globalen Archipels werden die Kontinente zu Inseln oder Inselgruppen, die über das Meer in offener Verbindung zueinander stehen. In seinem Beitrag im Buch „French Civilization and Its Discontents“ spricht Glissant über den europäischen Kontinent. Er schreibt: „Auch Europa entwickelt sich zu einem Archipel, einem, in dem regionale Realitäten wie Inseln sind, offene Inseln. In dem Maße, wie sich Europa allmählich etabliert, teilt es sich auch in Inseln auf, die in einem offenen Verhältnis zueinander stehen. Wir sollten nicht von nationalen Grenzen sprechen.“

Archipelisches Denken mit seiner Weigerung, brav hinter Grenzlinien zu verharren, hat maßgebliche Auswirkungen im Kontext von Globalisierung und Diskursen über eine drohende Gefahr kultureller Vereinheitlichung. Glissant unterscheidet zwischen einer myopischen, kurzsichtigen, beziehungsweise kontinentalen Art des Denkens, wie er es nennt, das sich „seiner selbst sicher“ ist, und einem archipelischen Denken, das ein „zitterndes Denken“ darstellt, das sich „seiner selbst nicht sicher“ ist. Was er dabei aufzeigt, ist die Fähigkeit des archipelischen Denkens, eine dynamische Existenz zu schaffen, in der die Antwort auf die Frage, wer wir sind, zu keinem Zeitpunkt absolut, abgeschlossen, gewiss oder „sicher“ ist. Es wird  vielmehr durch das zufällige Zusammentreffen disparater Elemente ständig neu geschaffen, stets geformt in Beziehungen zu unseren Nachbarn – in unseren Interaktionen mit anderen Inseln.

Archipelisches Denken ermöglicht das unvorhersehbare Entstehen von Identitäten, die äußerst ausgreifend und verflochten sind – wie ein Wurzelwerk. Mit Glissants Worten: „Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass, wenn ich meine eigene Identität ändern kann, indem ich sie mit einer anderen austausche, dies nicht bedeutet, dass ich als identifizierbare Person verschwinden werde. Es bedeutet nicht, dass mich ein großes Loch verschluckt. Es bedeutet nicht, dass ich in der Luft hänge. Es bedeutet nicht, dass ich mich in ein unverständliches Fantasiegebilde auflösen werde. Wir sollten uns an die Vorstellung gewöhnen, dass die Identitäten von Menschen in unserer heutigen Zeit tatsächlich Beziehungsidentitäten sind – ich nenne sie rhizomatische Identitäten, also die Wurzel, die sich in den Boden gräbt und zugleich ihre Zweige nach allen Seiten zu anderen Wurzeln ausstreckt.“

Dieser wurzelartige Raum von Inseln fügt sich in den von Glissant geprägten Begriff „Tout-Monde“ oder All-Welt ein. Die All-Welt ist ein Konzept, das eine Wechselbeziehung birgt; es handelt sich um eine Erfahrung des Globalen als Teil des Lokalen, bei einem kontinuierlichen Austausch zwischen Innen und Außen. „Wir sind alle an demselben Ufer versammelt“, so sieht es Glissant. Er gestaltet die Insel zu einem Phänomen um, dessen Konturen schwer nachzuzeichnen oder zu umfahren sind, da die Insel als durchlässig gesehen wird und eingeflochten in einer Beziehung des Austauschs. Innerhalb des Rahmens der All-Welt ist es unmöglich zu hüpfen, zu springen, zu tanzen, zu sprechen, zu singen, Kriege zu führen, zu arbeiten und zu spielen, ohne dass unser Leben und Sein auf der einen Insel oder Örtlichkeit mit dem Leben auf anderen Inseln unseres Globus in Dialog tritt oder es beeinflusst.

Welchen Ort wir auch immer unser Zuhause nennen, er ist eine Insel, die sich ausdehnt und zusammenzieht, ein Isthmus, der einatmet und ausatmet, mit Spezifizität und Konnektivität. In seinem „Traktat über die Welt“ von 1997 erklärt Glissant, wie wir den spezifischen Ort, an dem wir uns in der Welt befinden, richtig nutzen: „(…) wer den Ort, der ihm gegeben wurde, zu seinem Vorteil nutzen möchte, sollte daran denken, dass nunmehr alle Orte der Welt miteinander zusammentreffen bis hin zum Weltall (…). Dann gelangt er zu folgender Einsicht, einem Wissen von großer Macht: dass der Ort ebenso sehr von seinem irreduziblen Zentrum wie von seinen nicht berechenbaren Rändern aus wächst.“

Wenn wir unsere sich ständig verändernde Welt durch die Glissant’sche Linse betrachten, sind wir alle Inselmenschen und bewohnen Inseln mit ungeheuer komplexen Zentren und fließenden Peripherien: Länder, deren Netzwerke sich über salzige Meere und die digitalen Bits und Bytes des Internets ziehen, Territorien, die – so beschreibt sie Glissant in seiner Abhandlung – zu „Strahlenkränzen von Archipelen“ werden.

Aus dem Englischen von Annalena Heber



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