Amüsieren wir uns schon?

von Arlie Russell Hochschild

Was machst du? Wie Menschen weltweit arbeiten (Ausgabe II/2013)


Die Durchhalter: "Ich schaff' das schon irgendwie"

"Gerade so durchkommen" lautet die Zeitstrategie einiger Berufstätiger mit langen Arbeitszeiten. Während der Arbeit oder Hausarbeit schieben sie jede Erwartung in puncto Sinn und Spaß beiseite. Sie denken nur daran, es "durch die Woche" zu schaffen. Ein Fließbandarbeiter mit wöchentlich wechselnden Schichtzeiten und mehreren unfreiwillig geleisteten Überstunden pro Woche sagte mir: "Ich komme gerade so durch. Neulich war ich so müde, dass ich nach der Schicht gegen meine Spindtür geknallt bin. Letzten Winter war ich auf der Heimfahrt einmal so müde, dass ich einen Briefkasten umfuhr. Ich habe keine schöne Zeit mit meiner Frau und meinen Kindern. Meine Frau und meine Kinder haben keine schöne Zeit mit mir - vor allem meine Frau. Wir wursteln uns so durch. Viele Kollegen empfinden das so wie ich. Wir machen in den Pausen Witze darüber: Amüsieren wir uns jetzt schon?"
Ein gängiger Spruch des Durchhalters ist: "Du musst keine Freude an deinem Job haben. Deshalb nennt man das ja Arbeit." "Einfach nur durchkommen" ist oft nur ein vorübergehender Zustand, aber den Betroffenen scheint es, als würde es ewig so weitergehen.

Die Vertager: "Das richtige Leben kommt später"

Während die Durchhalter auf Spaß oder Sinn verzichten, verschieben die Vertager beides auf später. Anstatt sich einzureden: "Es ist stressig, aber so ist das Leben", sagen sie sich: "Im Moment ist es eben gerade stressig". Ein aufstrebender junger Buchhalter erklärte zum Beispiel: "Jennifer und ich klotzen während der Woche richtig ran und zurzeit arbeite ich auch die Wochenenden durch. Aber wir schmieden auch gern Pläne und achten darauf, dass wir einmal im Monat an einen See fahren. Ich spreche mit meiner Tochter immer darüber, was wir angeln werden, wenn wir an den See kommen." Für die Vertager haben Zukunftspläne eine große Bedeutung. Sie empfinden sie als Erfüllung - unabhängig davon, wann sie letztendlich dazu kommen, diese auszuführen. Wie lange die Vertager ihre Pläne verschieben, ist unterschiedlich. "Später" kann nur Stunden später sein ("heute Abend werden wir uns ein paar schöne Stunden gönnen"), aber auch erst in einer Woche ("am Wochenende fahren wir an den See") oder nach einer längeren stressigen Phase ("nach dem Termin für die Steuererklärung lassen wir's locker angehen"). Manche Berufstätige trösten sich gar mit der Vorstellung von ihrem "richtigen Leben", das nach der Pensionierung beginnen soll. Die frühen Vertreter der protestantischen Arbeitsethik stellten sich, wie Max Weber festhielt, gar die Ankunft im Himmel nach dem eigenen Tod als Moment der größten Freude vor, die ein Mensch empfinden könne.

Die Arbeitsbienen:"Packen wir's an!"

Die Arbeitsbiene verzichtet weder auf Sinn und Spaß noch verschiebt sie beides. Stattdessen genießt sie (oft handelt es sich tatsächlich um eine Sie) auf eine geschäftige Art und in hohem Tempo das Hier und Jetzt. Sie ist stolz darauf, dass sie es versteht, auf eine effiziente, effektive und äußerst ehrgeizige Weise Spaß und Sinn zu verdichten. Sie macht das zeitliche Eingebundensein zu einem Teil ihrer Persönlichkeit. Eine von der Firma vorangetriebene Rationalisierung der Zeit scheint kein Problem für sie zu sein. Es passt ihr. Sie macht es passend. Sie identifiziert sich damit, eine schnell handelnde und vielbeschäftigte Person zu sein. Die Eile macht ihr Spaß. Was die Erdulder und Aufschieber als Mühsal empfinden, ist für die Arbeitsbiene eine Herausforderung. Unter Druck entwickelt sie zusätzliche Energie. Es ist für sie wie eine Bergwanderung, die zwar anstrengend ist, aber guttut und über die man rückblickend froh ist. Sie bringt ihre Vorstellung vom Familienleben mit der Wirklichkeit in Einklang, indem sie sich sagt: "Uns gefällt es so." Oft gelingt es ihr, auch ihre Kinder spielerisch davon zu überzeugen, dass Eile Spaß macht. "Auf geht's, Kinder", sagt sie gerne, "mal sehen, wer als Erster da ist!" Die Arbeitsbiene trennt ihr Zuhause klar vom Büro, praktiziert jedoch auch dort eine büroähnliche Zeiteinteilung.

Die Runterschalter, Erneuerer und Aussteiger: "Ich mach's anders"

Im Unterschied zu den Aufschiebern und Arbeitsbienen, die meist an der Spitze der Unternehmen zu finden sind, sind die "Runterschalter" auf alle Hierarchieebenen verteilt. Ihnen gelingt es, Arbeit und Familie trotz intensiven Arbeitsdrucks unter einen Hut zu bringen. Die Runterschalter ändern den Zeitplan selbst - oder träumen von einer solchen Änderung -, anstatt sich an zermürbende Vorgaben anzupassen. Die Mutter eines neunjährigen Mädchens beschrieb es so: "Ich arbeite jetzt zu achtzig Prozent und genieße das derzeit sehr. So wie an dem einen Nachmittag, an dem ich mit Cheryl und ihrer Brownie-Pfadfindergruppe im Bus unterwegs war. Wir lachten über ein Kleid, das ich für sie hatte nähen wollen und das einfach nichts geworden war. Die Ärmel waren ungleich ausgefallen, der Kragen zu klein, der Rock zu lang. Es sah urkomisch aus. Und wir lachten alle miteinander, Cheryl, ihre Freundinnen und ich selbst auch. Noch vor einem Jahr hätte ich Mühe gehabt, es zu einem Brownie-Termin pro Monat zu schaffen, und dabei die ganze Zeit meinen Blackberry im Auge gehabt. Ich hätte den Ausflug nicht genießen und mich dabei auch nicht entspannen können. Ich habe es meinem Mann erzählt. Jetzt möchte ich, dass er auch die Erfahrung machen kann, bei solchen Aktivitäten wirklich anwesend zu sein." Eine Reihe kreativer Manager beschreitet völlig neue Wege bei der Verringerung der Arbeitsbelastung. Ein Spitzenmanager äußerte - obwohl er sich noch keine Gedanken über die praktische Umsetzung gemacht hatte - die Ansicht, alle amerikanischen Mütter sollten zwei oder drei Jahre Mutterschaftsurlaub bekommen, so wie die Männer Militärdienst leisteten, und anschließend mit Volldampf wieder ins Arbeitsleben zurückkehren. Der Direktor einer Fabrik, in der 200 Fließbandarbeiter in Vollzeit Katalysatoren herstellen, sagte: "Ich könnte mit einer Belegschaft arbeiten, die nur zu 50 oder 75 Prozent beschäftigt ist. Ich brauche eigentlich nur zehn Prozent, die Vollzeit oder Vollzeit mit Überstunden arbeiten und den Arbeitsablauf überwachen." Ein anderer Manager, der sich in seiner Firma um die Verwaltung der Löhne und Gehälter kümmert, beschrieb, wie seine Mitarbeiterinnen selbst die Lösungen für ihre Zeitprobleme entwickeln: "Die Frauen haben Arbeitsteams gebildet und verwalten sich selbst. Wenn eine Frau ihr Kind am Nachmittag zum Zahnarzt begleiten muss, spricht sie das mit einer anderen ab, die für sie einspringt, und gibt ihr die Arbeitszeit später zurück. Das funktioniert wunderbar. Mein Geheimnis besteht in meinem Vertrauen darauf, dass sie die Dinge kreativer managen als ich selbst. Und das tun sie." Die Strategie einiger Leute bestand schließlich darin, sich dem Zeitdruck völlig zu entziehen. Ein mit Outsourcing befasster Manager berichtete: "Bei uns arbeitete ein Vater von drei Kindern, der mit einer Lehrerin verheiratet war. Er liebte das Unternehmen, aber beide hassten den Druck, der mit dieser Arbeit verbunden war. Also kündigte er. Inzwischen betreiben die beiden ein Bed and Breakfast auf dem Land - das ist genau das Leben, das sie führen wollen."

Die Delegierer: "Trink ein Glas für mich mit!"

Viele Doppelverdiener-Eltern engagieren Haushaltshilfen, um mehr Zeit für freud- und sinnvolle Tätigkeiten mit der Familie zu haben. Aber die Delegierer sind anders: Sie engagieren andere Leute auch deshalb, damit diese an ihrer Stelle Spaß und Sinn erleben. Sie betrachten es als ein Merkmal guter elterlicher Fürsorge, wenn ihre Kinder Spaß mit jemand anderen haben, und machen deshalb Platz für eine weitere Person, die das Herz ihres Kindes für sich gewinnen soll. Eine Spitzenmanagerin erzählte mir über ein Kindermädchen, das ihre zwei Jahre alte Tochter betreute: "Wir haben uns Karina sehr genau angesehen, bevor wir sie eingestellt haben, und jetzt bin ich sehr froh, dass sie bei uns ist. Karina ist ein Traum. Sie ist Witwe und lebt allein. Ihre Kinder sind in Kanada und sie hat keine Enkel. Sie passte genau zu unserem Leben und fand sofort einen Draht zu Emily. Karina ist an Thanksgiving und Weihnachten bei uns, so wie ein Familienmitglied. Sie liebt Emily wie eine Mutter, sogar noch mehr." Diese Managerin wollte, ihrer Tochter zuliebe, dass Karina ihre eigenen Gefühle von Spaß und Sinn mit dem zwei Jahre alten Mädchen erlebte. "Ich konkurriere nicht mit Karina", erklärte sie, "je mehr schöne Stunden Emily erlebt, desto besser."

Aus dem Englischen von Werner Roller



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