Die Internet-Akademie

von Khadija Niazi

Für Mutige. 18 Dinge, die die Welt verändern (Ausgabe IV/2013)


Als ich klein war, spielte meine Mutter während des Autofahrens mit uns ein Spiel mit den Autokennzeichen und Werbeplakaten am Straßenrand. So lernte ich lesen: Am Anfang konnte ich nur die Zahlen der Nummernschilder erkennen, dann die Buchstaben des englischen Alphabets, bis ich irgendwann ganze Sätze auf großen Werbeplakaten entziffern konnte. Ich hatte nie das Gefühl, gerade wirklich etwas zu lernen. Für mich war es Spaß.

Mein erster Massive Open Online Course (MOOC) war der Kurs „Künstliche Intelligenz“ der Stanford University. Viele verschiedene Universitäten bieten solche Online-Kurse kostenfrei auf speziellen Plattformen an. Man kann von überall auf der Welt über das Internet an ihnen teilnehmen. Ich hatte schon öfter mit YouTube-Videos oder anderen Bildungs-Websites gelernt, aber MOOCs waren etwas völlig Neues für mich: Zum ersten Mal sah ein Online-Kurs wirklich wie ein normaler Hörsaal aus.

Das Prinzip ist eigentlich ganz einfach. Wie an der Universität schaut man in den Kurskatalog und schreibt sich für die Veranstaltungen ein, die einem gefallen. Danach kann man jede Woche die Vorlesungen im Internet anschauen und an den wöchentlichen Tests teilnehmen. In manchen Kursen gibt es auch richtige Abschlussprüfungen oder man muss Hausarbeiten schrei­ben. In extra eingerichteten Foren kann man seine Probleme mit Lehrern und anderen Studenten diskutieren. Das macht die Kurse für mich vie­l realer.

Während ich im Jahr 2010 meinen ersten Kurs besuchte, schossen neue MOOC-Plattformen wie Pilze aus dem Boden. Eine Physik-Vorlesung der Plattform Udacity war meine nächste Wahl. Ich war das jüngste Mädchen, das den Kurs mit der höchsten Auszeichnung abschloss. Damals war ich elf. Seitdem habe ich noch viele andere MOOCs wie „Understanding Einstein“ oder „Astrobiologie“ abgeschlossen.

Eigentlich bin ich ein ganz normales Mädchen: Ich liebe es, Zeit mit meinen Freunden zu verbringen und Fantasy- oder Science-Fiction-Romane zu lesen. Ich habe kein Problem damit, Online-Kurse, Schule und Hobbys unter einen Hut zu bringen. Wenn ich lernen muss, dann lerne ich. Wenn es darum geht, Spaß zu haben, dann koste ich das voll aus.

An den Angeboten der MOOC-Plattformen reizt mich, dass sie mir einmalige Gelegenheiten bieten: Hier kann ich Dinge lernen, die man mir in der Schule niemals beibringen würde. Ich muss meinen Weg nicht zu den renommierten Universitäten machen. Stattdessen kommen sie zu mir. Unsere Bildungssysteme führen uns nur Schritt für Schritt dahin, wo wir in unserem Leben hinwollen. Mit den Online-Kursen kann ich meine Ziele schneller erreichen und meine Fähigkeiten in allen Wissenschaftsbereichen austesten. Ich kann meine Bildung selbst in die Hand nehmen.

Aber ich habe auch Kritik an den MOOCs: In den Kursen wird unglaublich viel geschummelt. Wenn man allein zu Haus ohne Aufsicht vor dem Bildschirm sitzt, wird man schnell dazu verleitet. Außerdem laufen die Kurse oft über YouTube-Videos. In vielen Ländern wie meinem ist YouTube allerdings aus politischen Gründen zensiert.

Gerade für Menschen, die in Regionen mit schlechten Bildungssystemen leben, können diese Kurse ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Es gibt bestimmt viele unentdeckte Genies auf der Welt. Sie brauchen auch einen Zugang zur Bildung. Vielleicht sind MOOCs der Schlüssel dazu.

Aus dem Englischen von Julia Backes 



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