Rennen mit mir selbst

von Wilfried N'Sondé

Beweg dich. Ein Heft über Sport (Ausgabe I/2014)


Der gegenwärtige Kult um den perfekten Körper, der nur ja nicht altern darf und nötigenfalls chirurgischen Eingriffen unterzogen wird, bedeutet für uns Vierzigjährige von heute ein tägliches Martyrium. Was tun, um die zusehends steifer werdenden Gelenke zu entlasten? Welchem Wundermittel vertrauen, um den lästigen Bauchansatz und andere Rundungen der Taille loszuwerden? Ganz zu schweigen von der Angst und der Scham, die sich einstellen, geht es doch allen Bemühungen zum Trotz immer weiter bergab. Ist der Kampf denn womöglich aussichtslos? Die Antwort meines Arztes war ganz einfach: Viel Bewegung!

Nachdem ich mir zunächst beim Federball die Knöchel verstaucht und in der anonymen Atmosphäre eines Fitnessstudios stundenlang vor mich hin geschwitzt hatte, entdeckte ich das wahrhaft Schöne im Sport erst wieder, als ich mich dem Walking verschrieb.

Diese noch recht junge sportliche Disziplin, die ungerechtfertigterweise als ein Privileg der älteren Generation und ein deutliches Zeichen körperlichen Verfalls verlacht wird, hat sich mir wie ein Gral offenbart, entspricht sie doch genau meinen Vorstellungen von sinnvoller körperlicher Betätigung.

So gehe ich nun flinken Schritts durch Wälder und Parks. Die natürliche, von Kindesbeinen an vertraute vorwärtsgerichtete Bewegung wird zu einem Ballettstück, das mich jeden Muskel meines Körpers spüren lässt. Immer an der frischen Luft, oft kurz nach Sonnenaufgang, während die Stadt gerade eben erwacht, laufe ich auf Waldpfaden zwischen Sträuchern hindurch, durch deren Blätter zart die ersten Strahlen der Morgensonne dringen. Nach und nach wird mein Körper eins mit der Natur. Durch die langsamere Art der Fortbewegung beim Walking verpasse ich nichts von dem, was mich umgibt und um mich herum geschieht: den Vogel, der zum Flug ansetzt, ein vorüberhuschendes Eichhörnchen, die ersten Knospen an den Zweigen im Frühling und das Geräusch meiner Schritte auf dem taufeuchten Boden.

Diese einfachen Empfindungen mögen angesichts der Millionenwerte im Sportbusiness, einer von mächtigem Medienrummel befeuerten Massenindustrie, geradezu lächerlich erscheinen. Ich habe es weder auf Ruhm abgesehen noch hege ich den absurden Wunsch nach einer perfekten Figur. So reich wie die Sportler im Fernsehen werde ich mit Sicherheit auch nicht. Ich lerne ganz einfach wieder, meine Muskeln zu spüren, meine Ausdauer auf die Probe zu stellen und auf mich selbst zu hören. Beim Gehen gebe ich meinem Körper, was er braucht, fülle meine Lungen mit erfrischend eisiger Winterluft oder einer warmen Sommerbrise.

Es ist ein Rennen mit mir selbst, ohne Gegner, Siege und Niederlagen, eine einfache freundschaftliche Herausforderung zwischen Körper und Seele.  

Mit dem Walking erhält der Sport die Bedeutung zurück, die ich an ihm mag: etwas für sich tun, ohne es zu übertreiben oder das Unmögliche zu wollen. Die sportliche Leistung besteht einzig und allein darin, weiterzugehen, in dem Wunsch, neue Kraft zu schöpfen, und mit dem Ehrgeiz, bis zum Ziel, keinesfalls aber darüber hinaus, zu gelangen. Nach gut anderthalb Stunden setzt durch das Gehen ein Prozess ein, der mein Gehirn stimuliert. Ideen schießen mir durch den Kopf und es ist, als werde mein Geist von der durch Arme und Beine erzeugten Energie gespeist. Die Gedanken erscheinen mir mit einem Mal viel klarer. Meine Vorstellungskraft sprengt alle Grenzen und setzt sich als ein unaufhörlicher Schwall immer neuer Bilder in Bewegung. Die Bilder nehmen in Wörtern und Sätzen Gestalt an, die ich später zu Hause nur noch zu Papier bringen muss. Die körperliche Anstrengung wird zum unermüdlichen Motor, der mich in eine Art schöpferische Trance versetzt, eine Euphorie, die sich wie ein belebendes Fluidum in meinem ganzen Körper ausbreitet.

Seit ich das Walking für mich entdeckt habe, vergeude ich meine Zeit nicht mehr damit, mir im Fernsehen das triste Schauspiel heutiger Sportereignisse anzuschauen. Ich erspare mir die Werbefolter und die kurz darauf einsetzenden hämmernden Klänge der Nationalhymnen. Stattdessen schlüpfe ich in meine abgewetzten Turnschuhe, meine alte Trainingshose, die kein modischer Markenname ziert, ein ausgewaschenes, formloses T-Shirt und meine Regenjacke, die auch schon bessere Tage gesehen hat, und gehe meiner Wege.

Ich finde mein Tempo, während ich einen Fuß vor den anderen setze, und erlebe  wieder die Freude am Laufen mit dem leichten Schweißfilm, der sich auf den Schläfen bildet, dem berauschenden Gefühl des Adrenalins, das durch die Blutgefäße strömt, und dem Willen, meinen Körper bis ans Ende der Strecke zu bringen. Es ist ein einfaches Vergnügen, das mich nichts kostet und zu keiner Niederlage führt, ohne Helden, die mit stolzgeschwellter Brust die Huldigungen einer wie wahnsinnig tobenden Menge entgegennehmen, auch ohne Verlierer, die, von den Fernsehkameras verschmäht, mit gesenktem Kopf und tränenüberströmt im Schatten eines Stadions stehen. Beim Walking siegen stets aufs Neue der Körper und die Seele eines jeden.

Nachher, wenn mein Puls allmählich wieder zu seinem Alltagstempo zurückfindet, bemerke ich, dass meine Gesten ein wenig energischer sind, dass ich Nachbarn und Unbekannten, die zufällig meinen Weg kreuzen, öfter ein Lächeln schenke. Stellt der Sportsgeist sich ein, öffnet er in mir ein Fenster zu den anderen, denn er verbindet, führt zusammen und bietet allen Platz, will nicht die vielen ausgrenzen, um nur die Besten zu ehren.

Sport ist zu einem lukrativen Event verkommen und seine schlimmste Ausprägung ist das Fußballgeschäft. Mich begeistert es nicht mehr, zu sehen, wie diese jungen Männer einem Ball hinterherlaufen und Shorts und Trikots unter den habgierigen Blicken multinationaler Sponsoren mit ihrem Schweiß tränken. Das rechteckige Rasenstück, liebstes Spielfeld meiner Kindheit, eine Traumwelt und Treffpunkt für die Freunde aus dem Viertel, bietet nur noch einen Vorwand für die endlosen Wortschwalle von Kommentatoren, deren verletzend spitze Zunge allein im Dienst der Einschaltquote steht. Jedes Spiel wird bis ins Kleinste auseinandergenommen. Da es mittlerweile um riesige Beträge geht, lautet die Devise: Wehe den Besiegten! Ihnen unterstellt man Selbstgefälligkeit, Schwäche und Arroganz. Leistung ist die Norm. Und die Verlierer werden förmlich erdrückt von der Schmach und den Schuldgefühlen.

Dank meiner sportlichen Ausflüge in die Natur werde ich nun nicht mehr von der aufdringlich grellen Werbung der Sponsoren behelligt, die sich darum drängen, unsere Träume gewinnbringend zu verwirklichen. Autos, Käse, Kleidung, Flugreisen, nichts bleibt uns vor und während des Spiels erspart.

Was ist aus dem Jubel, den Begeisterungsstürmen geworden? Es geht nur noch darum, sich immer und immer wieder gegen die Konkurrenz zu behaupten und dafür zu sorgen, dass der Gegner vernichtend geschlagen wird. Keine Spur von Großmut in den Begegnungen. Ist denn die Teilnahme nicht wichtiger als der Sieg? Und was, wenn man mehr auf die Schönheit des Spiels als auf Effizienz achtete? Weshalb nicht Schluss machen mit dem unbarmherzigen Wettkampfdenken? Vielleicht weil der Sport in den Zeiten der Krise zu einem blühenden Wirtschaftszweig herangewachsen und der Fußball eine seiner einträglichsten Sparten ist. Kein Tag vergeht, an dem die Clubs und Agenten nicht spekulieren. Die Spieler werden nach dem eiskalten Grundsatz von Angebot und Nachfrage gekauft und verkauft. Wie der Marktwert einer Ware wird der Wert eines Sportlers – immer mit Blick auf einen späteren Weiterverkauf – anhand seines Alters, seiner körperlichen Verfassung und seiner Begabung ermittelt. Der Preis eines Menschen? Grauenerregende Worte, die an die dunklen Kapitel unserer Geschichte erinnern. 

Vor langer Zeit einmal sagte der Dichter Juvenal: „Um gesunden Geist in gesundem Körper sollst du beten.“ Diese humanistischen und spirituellen Vorstellungen scheinen weit entfernt von unserer heutigen Welt. Gebete gibt es nicht im Sport, dafür aber nimmt die Zahl der Sportwetten zu. Anstelle des Geistes haben wir die Presse, die uns akribisch den Inhalt lukrativer Verträge erläutert. Was nun die Gesundheit von Leib und Seele anbelangt, können kluge Analys-ten mir noch so viel über die herausragende Bedeutung ausgeglichener Bankkonten erzählen, da ist mir das Gehen an der frischen Luft doch weitaus lieber!

Aus dem Französischen von Henrike Rohrlack



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