Eine beschädigte Kindheit

von Kersten Knipp

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Ausgabe IV/2011)


Er hat sie zuerst gesehen, in jenem Sommer zu Beginn der 1970er-Jahre, darauf beharrt er. Auch wenn er weiß, dass es zwecklos ist: Mona, die junge Frau am Pool, wird sich nicht für ihn, den zwölfjährigen Knirps, entscheiden, sondern für seinen Vater. Der ist Anfang vierzig, rund sechzehn Jahre älter als seine künftige Frau, von deren Alter den künftigen Stiefsohn nur zwölf Jahre trennen. Richteten sich Beziehungen allein am Alter aus, müsste sich Mona auf ihn, Nuri, einlassen. Aber die Jahre sind nicht alles, muss er erfahren und darum hinnehmen, dass Mona sich für den Vater entscheidet.

Der 1970 als Kind libyscher Eltern in New York geborene Hisham Matar versteht sich auf die Kunst, in wenigen Strichen die Weltsicht eines empfindsamen Kindes zu skizzieren. Die ersten erotischen Empfindungen, die Rivalität und gleichzeitige Zuneigung zum gerade verwitweten Vater, die Unsicherheit, wie er sich ihm gegenüber verhalten soll – all dies erfasst Matar in einer wunderbar sensiblen Sprache, mit feinem Gespür für die Komplexität widerstreitender Gefühle. In Paris, Genf, London und Kairo wächst Nuri auf, zwischen Ost und West, der arabischen und der europäischen Welt. Ihm selbst macht das wenig zu schaffen. Sein Vater aber, eigentlich ein Anhänger des westlichen Lebensstils, vermag die Kultur der muslimisch geprägten Heimat nicht restlos abzuschütteln. Wie andere Europäer hält auch er mit seiner ersten Frau, Nuris Mutter, Händchen in der Öffentlichkeit, als wäre dies das Selbstverständlichste der Welt.

Doch selbstverständlich ist für ihn im Westen kaum etwas, wie auch Nuri, der Ich-Erzähler des Romans, feststellt: „Mich täuschte der damit nicht. Wie ein schlechter Schauspieler war er sich unsicher.“ Ein Araber in Europa, dieses vor rund 35 Jahren von dem sudanesischen Autor Tajjib Salich in seinem Roman „Zeit der Nordwanderung“ aufgegriffene und grandios umgesetzte Thema hat sich spürbar gewandelt. Während Salich seinen Protagonisten im London der 1920er?, 1930er-Jahre, zur Hochzeit des Kolonialismus, unbewusst Rache an den europäischen Herren, genauer: dessen Töchtern nehmen ließ, bemüht sich Nuris Vater ein knappes halbes Jahrhundert später um eine möglichst reibungslose Integration. Seine Heirat mit der zweiten Frau Mona, Tochter eines ägyptisch-englischen Elternpaares, deutet darauf hin, dass ihm dies auch gelingt – zunächst zumindest, denn später stellt sich heraus, dass den Vater in Matars Erzählung doch einiges mit Salichs Helden Mustafa verbindet. Denn auch er hat zu Frauen ein gesteigertes erotisches Verhältnis.

Zudem lässt auch ihn die Vergangenheit nicht los, wenn auch in gänzlich anderer Hinsicht. Nuris Vater war noch unter der Ägide des ägyptischen, bis 1952 regierenden Königs Faruk ein hochrangiger, zuletzt auf Ministerebene verantwortlicher Politiker. Nach der von General Gamal Abdel Nasser angestoßenen Revolution galt er den neuen Machthabern als persona non grata, ja mehr: als erklärter Staatsfeind. 1972 wurde er, offenbar vom ägyptischen Geheimdienst, entführt: Seitdem hat Nuri seinen Vater nie wieder gesehen. Damit weist die Fiktion Parallelen zum Leben des Autors auf: Hisham Matar wuchs nach der Flucht der Eltern aus Libyen in Ägypten auf. Doch 1990 lieferte die neue Heimat seinen Vater an die alte aus. Was aus ihm wurde, hat er nie erfahren.

Wohl darum erzählt der Roman so außerordentlich einfühlsam von dem Verlust, den Nuri zu verkraften hat, von seinen imaginären Dialogen mit dem Vater, den Versuchen, dessen Geschichte und Persönlichkeit zu rekonstruieren, Fragmente des Mannes und der von ihm verkörperten Rolle zusammenzusetzen, zwecks nachträglicher Identifikation: „Ich wollte wie er sein. Ich wollte an eine konstitutionelle Monarchie geglaubt und ihr gedient haben.“ Aus der Zeit gefallene politische Ideale, zeigt der Roman, können eben auch ganz unpolitische Motive haben.

Matars wunderbarer Roman hat nur eine Schwäche, die gegen Ende hin immer deutlicher wird: Er schwankt zwischen psychologischem Porträt, Elementen des Krimis – wer entführte den Vater? – und politischer Erzählung. Zwischen diesen Koordinaten mäandert der Text, ohne sich für eine Richtung entscheiden zu können. Das nimmt ihm einen Teil seiner Stringenz. Ebenso gut könnte man aber auch sagen, der Roman spiegle nur die Ratlosigkeit seines Helden und sei dadurch umso überzeugender. Denn dass die Literatur klüger als das Leben sei, ist zwar ein schöner Wunsch. Dass dieser aber realistisch ist, darf man mit Hisham Matar getrost bezweifeln.

Geschichte eines Verschwindens. Von Hisham Matar. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Luchterhand, München, 2011.



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