„Filmt eure tägliche Realität“

ein Gespräch mit Carin Smaller

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Ausgabe IV/2011)


Sie kämpfen für Menschenrechte in den von Israel besetzten Gebieten im Westjordanland und im Gazastreifen. Was machen Sie dort genau?

Wir sammeln mithilfe palästinensischer Feldforscher Informationen über Menschenrechtsverstöße und gleichen sie mit offiziellen israelischen Daten und Berichten ab. Erst wenn wir absolut sicher sind, dass die Informationen stimmen, veröffentlichen wir sie und fordern Konsequenzen. 
 
Können Sie ein Beispiel dafür geben?

Letztes Jahr haben wir offizielle israelische Daten mit Luftaufnahmen verglichen, die wir vom Westjordanland gemacht hatten. Wir fanden heraus, dass 21 Prozent der israelischen Siedlungen, die in den besetzten Gebieten gebaut wurden, tatsächlich auf palästinensischem Privatbesitz errichtet worden sind, also auf Grundstücken, die der Staat Israel als privaten Grundbesitz von Palästinensern ausweist.
 
Auf welche anderen Rechtsverstöße wollen Sie außerdem aufmerksam machen?

Die israelischen Siedlungen untergraben das palästinensische Recht auf Selbstbestimmung. Wenn man sich die Landkarte anschaut, sieht man sehr gut, wie die Siedlungen das palästinensische Land in einzelne Enklaven zergliedern, sie umzingeln und so voneinander trennen, dass die vitale Entwicklung eines palästinensischen Staats unmöglich ist. Darüber hinaus sind die Palästinenser in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt und können oft nicht einmal ihre Felder erreichen. Und es gibt für Palästinenser sehr ernste Probleme beim Zugang zu Wasser. Schließlich existieren zwei unterschiedliche Rechtssysteme im Westjordanland, das normale israelische Rechtssystem für die Siedler und ein militärisches Rechtswesen für die Palästinenser. Mit Gleichheit hat das nichts zu tun.
 
Wie kommen Ihre Berichte in Israel an?

Unsere Organisation ist umstritten, denn wir verlangen von der Gesellschaft, kritisch zu sein. Das ist nicht sehr populär. Doch die Sicherheitskräfte und die Regierung haben Respekt vor unserer Arbeit und den Werten, die wir hochhalten und zu denen sich der Staat Israel verpflichtet hat: Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.
 
Gelingt es Ihnen, die israelische Öffentlichkeit für die Lage in den besetzten Gebieten zu interessieren?

Vor fünf Jahren haben wir zusätzlich zu unseren Dokumentationen damit begonnen, Palästinensern in konfliktreichen Gebieten Kameras zur Verfügung zu stellen, und ihnen gesagt: „Filmt eure tägliche Realität.“ In den letzten fünf Jahren sind über 2.500 Stunden Material zusammengekommen, das den Alltag der Palästinenser zeigt: Schläge von israelischen Soldaten, Zusammenstöße mit Siedlern, Beleidigungen, das Anzünden von Olivenhainen, den Diebstahl von Schafen. 
 
Und diese Bilder gelangen in die israelischen Medien?

Dorthin und noch weiter. Eine junge Palästinenserin drehte einen Film, der zeigt, wie ein israelischer Soldat einem gefesselten, wehrlosen Palästinenser mit Augenbinde in den Fuß schießt. Dieser Film wurde überall im israelischen und palästinensischen Fernsehen gezeigt. Ehud Barack stellte in der Knesset klar, dass es eine Untersuchung zu diesem Fall geben müsse. Der Soldat und sein Vorgesetzter wurden schließlich angeklagt und disziplinarisch bestraft – nicht hart genug, nach unserer Auffassung, aber immerhin: Es ist etwas passiert. 
 
Erreichen Sie mit Filmen über Menschenrechtsverstöße das Gewissen der israelischen Bürger?

Mit unseren Videobeweisen hat sich etwas verändert: Man kann die Verletzung von Rechten sehen. Das ist unwiderlegbar. Vor ein paar Wochen entschied der Generalanwalt der Armee, dass die gängige Verfahrensweise zu ändern sei. Von nun an muss immer, wenn ein Palästinenser in den besetzten Gebieten getötet wird, der nicht an Feindseligkeiten beteiligt war, ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren eröffnet werden. Das ist eine gewaltige Veränderung, denn seit der zweiten Intifada wurde nur in Ausnahmefällen eine Ermittlung eingeleitet. Für uns ist das ein großer Schritt in Richtung Rechtsstaatlichkeit. 

Das Interview führte Karola Klatt



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