„Die Individualisierung erschöpft uns innerlich“

ein Gespräch mit Eva Illouz

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Ausgabe IV/2011)


Frau Illouz, was bedeutet Aufklärung für Sie?

Die Aufklärung hat das Individuum voll und ganz ins Zentrum gerückt. Das Individuum ist heilig. Politische, gesellschaftliche und moralische Institutionen, die nicht auf die Zufriedenheit und die Würde des Einzelnen ausgerichtet sind, können schnell repressiv werden. 
 
Warum?

Moderne Institutionen versuchen, immer effizienter zu werden. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf Methoden, Geschwindigkeit und Effizienz, die alle das Wohl des Individuums verbessern sollen. Doch die Tragik ist, dass der Einzelne sich dadurch entfremdet und gleichgemacht fühlt. Er fühlt sich durch Maschinen ausgelöscht, denen menschliche Besonderheiten und Einzigartigkeiten gleichgültig sind. Moderne Institutionen sind nicht dafür gemacht, Individuen als Individuen zu behandeln. Der Individualismus muss daher Herzstück unseres Rechtssystems und Gegenstand unserer Institutionen sein, sonst verkommen sie. 
 
Wie wirkt sich die Individualisierung auf unsere Emotionen aus?

Mit Individualisierung meine ich, dass das Individuum Teil der Institutionen wird. Es geht nicht um den Gegensatz zwischen Individuum und Institution. Nehmen wir die Institutionen der Psychologie: Sie gehen zu einer bestimmten Person, die Ihnen helfen soll herauszufinden, was falsch an Ihren Gefühlen ist und wie Ihnen geholfen werden kann. Wir haben Institutionen und organisiertes Wissen, deren Ziel es ist, sich mit den jeweiligen sehr spezifischen und persönlichen emotionalen Gegebenheiten zu beschäftigen. Wir sollen alle emotional sehr unterschiedlich aufgestellt sein. Wenn ich ärgerlich bin, dann ist das ein anderer Ärger als Ihrer. Es gibt eine andere Vorgeschichte dazu, eine andere Bedeutung. Das ist die Individualisierung der Gefühle. 
 
Was steuert uns mehr: Gefühle oder Rationalität?

Es kommt darauf an, was man unter Rationalität versteht. Als Erstes ist da die bewusste, moralische Rationalität. Wenn Philosophen wie Kant von Aufklärung und Rationalität sprechen, meinen sie diese Rationalität, die verlangt, die eigenen Regeln, nach denen man lebt, zu verallgemeinern. Das macht sie rational. Aber es gibt eine weitere Bedeutung von Rationalität im Sinne von „Instrumentalisierung“. Diese zweite Rationalität hatte Max Weber vor Augen. Ihm ging es um eine kalkulierende Rationalität, welche die Eigeninteressen als einzige Legitimierung und Ziel des menschlichen Handelns sieht. Sie ermutigt nicht dazu, gesellschaftlich übergeordnete Werte zu nutzen, um ein Ziel zu erreichen. 
 
Eigeninteressen als einzige Legitimierung, das klingt nach Egoismus. Sind wir denn noch in der Lage, zu lieben?

Die Menschen sind in der Moderne freier geworden, aber gleichzeitig immer rationaler bei ihren romantischen Entscheidungen. Wir haben zur gleichen Zeit mindestens zwei unterschiedliche romantische Kulturen: eine, die intentional sexuell ist, bei der ausschließlich sexuelle Attraktion, One-Night-Stands oder Gruppensex eine Rolle spielen. Diese Kultur würde ich als reinen Hedonismus bezeichnen. 
 
Und die zweite?

Wenn man sich für einen Partner entscheidet, unterzieht man ihn einer rationalen Prüfung. Diese interagiert mit dem Sich-Verlieben in jemand anderen. Soziologen beobachten, dass, egal wie frei wir Menschen sind, wir uns vor allem in jene verlieben, die uns am meisten ähneln. Es gibt eine offensichtliche Klassenhomogenität: Universitätsprofessoren heiraten hochgebildete Frauen, Künstler heiraten Künstler. Und diese Entscheidungen sind total rational. Dies ist ein Prozess, bei dem die rationale Abschätzung der anderen, das Verlieben in jemand anderen implizit enthalten ist. In anderen Worten: Das, was ich beschreibe, enthält eine rationale und irrationale Beurteilung der anderen. Wir verlieben uns, wir verwandeln also das rationale Gefühl in etwas irrationales. 
 
Bei der Liebe spielen also dieselben Überlegungen und Prozesse eine Rolle wie bei allen anderen Konsumprodukten?

Sie wird zumindest auch auf dem Markt vertrieben. Es gibt viele Dinge, die wir heute mit Romantik assoziieren: ein Rendezvous im Kino, ein gemeinsamer Urlaub, gegenseitige Geschenke. Das sind alles Konsumgüter, welche die Aufgabe verrichten, Beziehungen zu anderen Menschen herzustellen. In der Vergangenheit geschah das durch Worte oder Musik, heute tun wir es mit Waren. Aber wir betrachten sie nicht als Waren, sondern als Erlebnisse, die wir teilen. Ich würde eher über die Vermarktung romantischer Erlebnisse sprechen, nicht über Liebe als Ware.
 
Kreist der moderne Mensch so sehr um sich selbst und seine Gefühle, dass kein Platz mehr für politisches Engagement bleibt?

Die Individualisierung – Hedonismus, die Erforschung von persönlichem Glück und Zufriedenheit – nimmt viel Zeit in Anspruch und erschöpft innerlich. Warum es heute viel weniger Engagement als in den 1960er- und 70er-Jahren gibt, liegt auch daran, dass wir heute denken, dass die Dinge aus individuellen Gründen geschehen. Wir glauben also, dass Individuen die Verantwortung für ihre eigenen Handlungen tragen. So erklären wir uns dann auch gesellschaftliche Probleme. Vor 40 oder 50 Jahren sahen viele den Menschen als Opfer der Lebensumstände, die er nicht gewählt hatte. Das Zusammentreffen von Psychotherapie und Kapitalismus führt dazu, dass das Individuum für alles, was ihm begegnet, die Verantwortung trägt. Daraus ergibt sich ein individualisiertes Erklärungsschema, das kognitiv nicht mit einer politischen, kollektiven Idee von Verantwortung vereinbar ist. 
 
Und welche Rolle spielt das Streben nach Glück?

Die starke Individualisierung von Glück hat dazu geführt, dass das, was Sie glücklich macht, nicht das ist, was mich glücklich macht. Das ist eine radikal neue Idee. Bis in die 1970er-Jahre gingen politische Ideologien von einer Allgemeingültigkeit des Glücks aus: Freiheit und Gleichheit würden uns alle glücklich machen. Angenommen, jedes Individuum macht seine eigene Sache, dann ergibt das keinen Sinn mehr. Metaphorisch gesprochen: Wenn einer Sadomaso mag und der andere die Missionarsstellung, dann hat es keinen Sinn für eine bestimmte Art von Sexualität zu kämpfen. Wenn Freiheit einmal erreicht ist, macht jeder sein eigenes Ding. Das ist die Bedeutung individualisierter Lebensstile und des Fragens nach Glück. Wir glauben nicht mehr, dass eine gemeinsame Form von Wohlergehen und Glück erwünscht oder möglich ist. 
 
Ist das gut oder schlecht?

Jetzt kommt der Moment der Beichte. Ich gestehe, ich bin eine Tochter der Aufklärung. Ich glaube vollkommen daran und nicht an die überbewertete Postmoderne. Ich glaube, dass es wirklich Dinge gibt, die einem Leben Bedeutung geben und für die es sich zu kämpfen lohnt – und das ist nicht das eigene Umfeld, sondern etwas, das Teil der allgemeingültigen Ordnung der Menschlichkeit ist.
 
Der Kampf für politische Freiheit, wie wir ihn momentan in der arabischen Welt beobachten, zählt für viele dazu. Folgen darauf unweigerlich mehr gesellschaftliche Freiheiten?

Wenn der eine Prozess der Liberalisierung ohne den anderen geschähe, würden wir im Westen ihn nicht ernst nehmen. Viele arabische Gesellschaften sind eher bereit, existierende Machtstrukturen infrage zu stellen als traditionelle patriarchalische Strukturen. Ich wäre nicht überrascht, wenn wir mehr politische Öffnung ohne größere Freiheiten zwischen den Geschlechtern erleben würden. 
 
Zerstört die kritische Auseinandersetzung mit Gefühlen das persönliche Erleben von Romantik?

Oh nein, ich kann mir des konsumorientierten Unterbaus eines romantischen Restaurants vollkommen bewusst sein, ohne dass ich es deshalb weniger genieße. Das Essen schmeckt mir trotzdem. Kritisch zu sein, bedeutet nicht, sich zu entfremden. 

Das Interview führten Rosa Gosch und Christine Müller



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