„Wir sind in England wieder anerkannt“

ein Gespräch mit Thomas Hitzlsperger

Das Deutsche in der Welt (Ausgabe IV/2010)


Herr Hitzlsperger, Sie sind bei West Ham United in London unter Vertrag, vorher waren Sie bei Lazio Rom. Wie ist es, als Deutscher in einer ausländischen Fußballmannschaft zu spielen?

Ich finde es sehr schön, auch mal selbst Ausländer zu sein und den Blick dafür zu bekommen, wie es sich anfühlt, alles aus der anderen Perspektive zu sehen. Dann kann man auch besser verstehen, wie sich Ausländer fühlen, die nach Deutschland kommen. Es ist ja nicht immer einfach, ins Ausland zu gehen. Die Hilfsbereitschaft meiner Kollegen war sehr groß, aber nach einer gewissen Eingewöhnungsphase geht in jeder Mannschaft der Konkurrenzkampf wieder los, da man um wenige Plätze in der Stamm-Mannschaft kämpft.

Hatte der Ausgang des deutsch-englischen WM-Spiels Auswirkungen auf Ihren Start bei der englischen Mannschaft?

Ja, die Engländer sind ruhiger geworden. Nachdem England 2001 in München 5:1 gegen Deutschland gewonnen hatte, haben die Engländer mir diesen Sieg, selbst als sie später dann gegen Deutschland verloren hatten, immer wieder vorgehalten. Das hat nun mit dem 4:1-Sieg Deutschlands bei der Weltmeisterschaft in Südafrika endlich aufgehört, da sie die Leistung von Deutschland jetzt anerkennen.

Wie ist das Bild von einem deutschen Spieler in ausländischen Mannschaften?

In den letzten Jahren hat es sich zum Positiven verändert. Deutschland hat sich bei der Weltmeisterschaft 2006 weltoffen, tolerant und spielstark auf dem Fußballplatz präsentiert. Jetzt in Südafrika hat sich das noch einmal bestätigt. Hinzu kommt, dass die Hälfte der Spieler der deutschen Nationalmannschaft einen Migrationshintergrund hat. Das wird im Ausland positiv wahrgenommen. Die Deutschen sind nicht mehr diese stereotypen großen Fußballer, die in ihren technischen Fähigkeiten limitiert, aber mental stark sind und deswegen trotzdem häufig gewinnen. Das Bild ist nun durch Bewunderung für die Leistung der Deutschen geprägt, nicht mehr durch Vorurteile.

Werden Sie selbst als typisch deutsch wahrgenommen?

Kürzlich hat mir jemand gesagt, ich sei eine perfekte Mischung: Ich hätte die deutsche Pünktlichkeit und Gründlichkeit und dann auch noch die Arbeitsmoral des Engländers auf dem Platz – das hat mir gefallen. Die deutsche Pünktlichkeit wird von vielen geschätzt. Früher wurde uns das immer zum Nachteil ausgelegt. Wenn Gradlinigkeit und Schnörkellosigkeit deutsche Eigenschaften sind, dann würde ich sagen, dass ich das in meiner Spielweise auch verkörpere.

Sie engagieren sich gegen Ausländerfeindlichkeit und schreiben den Blog „Störungsmelder“ für die ZEIT. Wie sehr prägen Neonazis das Image der Deutschen im Ausland?

Gott sei Dank nicht so sehr. Ich kann mich an niemanden erinnern, der mich als deutschen Nazi beschimpft oder beleidigt hätte. Die Problematik besteht aber immer noch und wir müssen daran arbeiten, dass sie sich weiter zurückentwickelt. In Italien habe ich ein paar Sachen gesehen, die einfach unangenehm waren.

Sie meinen die berüchtigten Lazio-Rom-Fans?

Ja, der Club ist rechts angesiedelt und das Verhalten der Fans ist anders als das, was ich bisher gesehen habe. Sie waren teilweise aggressiv, bei einem Auswärtsspiel streckten sie in der Kurve den Arm aus zum Faschistengruß und riefen „Duce, Duce!“. Ich fand es erstaunlich, dass so etwas vom Verein und von der Liga geduldet wird. Man muss sich vorstellen, dass das auch nicht nur fünf oder zehn Fans waren, sondern mindestens die Hälfte der Kurve – bestimmt 2.000 Menschen.

Die Deutschen werden im Elfmeterschießen ja als relativ stark eingeordnet, werden Sie als Deutscher in der englischen Mannschaft jetzt der neue Elfmeterschütze?

Da gibt es genügend andere, die das so gut können, dass ich mich da gar nicht vordrängle, aber wenn es Probleme gibt, mal schauen, vielleicht rufen die dann nach dem Deutschen in der Mannschaft.

Das Interview führte Elisa Hahn



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