Das Leben nach Erasmus

Christophe Allanic

Ganz oben. Die nordischen Länder (Ausgabe I/2008)


Herr Allanic, warum fällt es Studenten schwer, nach einem Erasmus-Jahr wieder zu Hause Fuß zu fassen?
Erst mal sind sie froh und aufgeregt, ihre Freunde und Familien wiederzusehen. Sie versuchen ihnen mitzuteilen, was sie erlebt haben. Die Erasmus-Studenten stehen oft im Mittelpunkt, sie fühlen sich ein wenig besonders. Allerdings ist es schwierig für sie, ihre Erlebnisse mit denen zu teilen, die nicht weg waren. Manche Heimkehrer haben sich von ihrem alten Umfeld entfernt. Von den Eltern, von alten Freunden. Wenn das Leben wieder seinen normalen Gang geht, denken viele deshalb mit einer gewissen Verklärung an ihr Gastland zurück. Ihr eigenes Land und ihr Alltag erscheinen ihnen enttäuschend und weniger spannend. Dieser Zustand zwischen Deprimiertheit und Idealisierung kann in eine depressive Phase münden, die vollkommen normal ist, solange sie nicht länger als ein paar Tage oder Wochen dauert.
Und wann haben Rückkehrer ein Post-Erasmus-Syndrom?
Von einem regelrechten Syndrom kann man sprechen, wenn sich eine Depression über mehrere Monate hinzieht und weitere Faktoren zu ihr beitragen. Diese Studenten leiden darunter, dass sie bei ihrer Rückkehr niemand begleitet. Sie schaffen es nicht, ihre Energie wieder in die Gegenwart zu investieren und sich eine Zukunft zu Hause vorzustellen. Überspitzt könnte man über die Betroffenen sagen, ihnen gelingt der Trauerprozess nicht, der mit dem Verlust neuer Freunde und des gerade begonnenen Lebens im Ausland einhergeht.
Ist das Syndrom überall gleich?
Ja, im Prinzip schon, denn die Psyche ist ja universell. Aber die Niedergeschlagenheit kann sich unterschiedlich ausdrücken. Ich habe herausgefunden, dass das Syndrom folgende Formen annehmen kann: von depressiven Stimmungen wie Traurigkeit, negativen Gedanken oder dem Verlust von Elan über Aufgeregtheit und Hyperaktivität bis hin zu Angst und Phobien.
Was raten Sie betroffenen Studenten?
Wenn ihre Familie und Freunde ihnen nicht helfen können, empfehle ich, einem Psychologen zu erzählen, was sie fühlen. Französische Unis etwa bieten Beratungen für Studenten an. Wichtig ist auch, Kommilitonen mit den gleichen Erfahrungen zu treffen: Dies befreit aus der Einsamkeit.
Was geschieht mit Studenten, wenn sie ihr Heimatland zum ersten Mal verlassen?
Erasmus ist ein Übergangsritus und eine Prüfung zugleich. Der Abschied ist Anlass zu Freude, aber auch zu Angst. Freude, in ein Abenteuer aufzubrechen, sich mitten in der Fremde unter Gleichen wiederzufinden und ein neues Land zu entdecken, von dem sie viel erwarten. Aber auch Angst, dass sie sich von ihren Freunden und der Familie entfernen, dass sie ihre Bezugspunkte verlieren und ins Unbekannte aufbrechen. Sie gehen also mit gemischten Gefühlen.
Werden manche süchtig nach Auslandsaufenthalten und reisen immer wieder rastlos durch die Gegend?
Das erste Mal im Ausland kann die Sehnsucht wecken, sein weiteres Leben dort zu verbringen. Einige wollen, weil sie die Rückkehr deprimierend finden, gleich wieder weg. Das ist eine Methode, die Trauerarbeit zu vermeiden. Es ist eine Art Flucht nach vorn. Die Psychologen sprechen von einer „manischen Abwehr“, um die Depression abzustreiten. Eine Reise ist an sich aber keine Krankheit, alles hängt davon ab, welchen Sinn sie ergibt. Für manche ist das Reisen allerdings eine Droge. Die Frage ist: Machen sie das, weil sie einfach gerne unterwegs sind, oder ist es eine Flucht aus der Realität?
Viele Menschen blicken auf die eigene Studentenzeit als sehr glückliche Lebensphase zurück. Wie verhält es sich mit Erasmus-Studenten?
Eines ist klar: Die Studenten sind sehr oft glücklich und zufrieden über ihre Erasmus-Erfahrung. Sie bedeutet eine einzigartige Öffnung, indem man das Andere entdeckt, lernt man sich selbst besser kennen.
Verhalten sich Studenten anders als etwa Arbeitsmigranten, wenn sie in ihre Heimatländer zurückkehren?
Ich weiß nicht, ob man Erasmus-Studenten mit ausländischen Arbeitskräften vergleichen kann, denn die Gründe für ihren Aufbruch sind nicht dieselben. Die Studenten haben es sich ausgesucht, ins Ausland zu gehen. Aber wollten ausländische Arbeiter wirklich aufbrechen und ihre Familien verlassen? Die soziale und wirtschaftliche Problematik ist keinesfalls dieselbe.

Das Interview führte William Billows



Ähnliche Artikel

Körper (Magazin)

„Ohne Bildung können wir nichts bewegen“

Hachim Haddouti

"Brain Redrain: Wie Exil-Marokkaner neues Wissen in ihre alte Heimat transferieren. Ein Gespräch mit Hachim Haddouti vom Deutsch-Marokkanischen Kompetenznetzwerk"

mehr


Kauf ich. Ein Heft über Konsum (Top Ten)

Die Studiengänge mit den besten Jobaussichten in China

1 Architektur (Einstellungsrate: 98,3 Prozent)
 
2 Sicherheitstechnik (96,9 Prozent)
 
3 Ingenieurgeologie (96,7 Prozent)
 
4 Maschinenbau (96,6 Prozent)
 
5 Krankenpfl... mehr


Neuland (Die Welt von morgen)

Russland: Studieren für's Vaterland

Das russische Parlament arbeitet an einem Gesetz, das die Abwanderung russischer Hochschulabsolventen ins Ausland beschränken soll. So sollen Absolventen, die Russland den Rücken kehren, etwa nachträglich für die durch ihre akademische Ausbildung verursachten Kosten aufkommen. Es besteht sogar die Möglichkeit, dass Abwanderer zukünftig kategorisch keine höheren öffentlichen Ämter in Russland mehr bekleiden dürfen. Laut dem russischen Ministerium für Bildung und Wirtschaft verlassen momentan 15 Prozent der Hochschulabsolventen das Land.

mehr


Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Hochschule)

„Ich will für Frauen dolmetschen“

Emel Erdem

Der Studiengang zur Ausbildung deutsch-türkischer Dolmetscher an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz geht in sein viertes Semester. Die Studentin Emel Erdem zieht Bilanz

mehr


Toleranz und ihre Grenzen (Bücher)

Studentenaustausch

Gudrun Czekalla

Hoher Pflichtstundenanteil und Anwesenheitspflicht in Frankreich, selbst organisiertes Studium und hohe Eigenverantwortung in Deutschland – wer bereits ein Ausl... mehr


Menschen von morgen (Themenschwerpunkt)

Ich sehne mich nach Europa

Salah El-Din Omar

Salah El-Din Omar erzählt, warum er in Saudi-Arabien nicht studieren kann

mehr