„Ohne Forschung keine Seele“

von Martin Roth

Ganz oben. Die nordischen Länder (Ausgabe I/2008)


Wie viele neue Museen braucht die Welt, da bereits an die 6.000 Museen exisitieren? Es verbietet sich, diese Frage zu beantworten, wenn man political correct bleiben möchte. Dennoch, woher kommt die Tendenz, möglichst viele Kunstobjekte möglichst häufig auf Reisen um die ganze Welt zu schicken, sodass man auch „die schönsten Franzosen aus New York“ in Berlin sehen kann? Gibt es einen Nutzen aus dieser Tendenz der Kunstmigration und wenn ja, ist dieser wirtschaftlich, kulturell oder politisch motiviert? Und es stellt sich die Frage: Wie sieht die Zukunft einer solchen Kulturmobilität aus?

Der Kunsttransport gehört zur Geschichte des Kunsthandels und somit zur Geschichte der Museen. Wenn der Staatssekretär für Kultur in England das Kunstmuseum vor allem über die Reisefähigkeit seiner Sammlungen definiert, um sie zu Institutionen der Diplomatie zu machen, kommt selbst der Museumslaie ins Grübeln. Selbstverständlich gibt es eine eigene europäische Entwicklung im Bereich des Kulturaustauschs. Der wirtschaftliche und politische Erfolg der großen Landesausstellungen, ein Identitätsindikator der 1960er- und 1970er- Jahre, der aus Österreich nach Deutschland kam, löste nicht nur den Museumsboom aus, sondern setzte auch die massenhafte Verschickung von Objekten und ganzen Ausstellungen in Gang. Und nicht nur das: Spätestens Mitte der 1980er- Jahre realisierte die Politik, dass für das neue Format der großen kunst- und kulturhistorischen Ausstellung keine Behausung zur Verfügung steht, und so wurden der Martin-Gropius-Bau in Berlin oder die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn unter anderem nach dem Vorbild der Londoner Royal Academy gegründet.

Weil die Museumsdirektoren der berühmten großen europäischen Kunstmuseen nicht wirklich willens waren, solche kunst- und kulturhistorischen Großproduktionen mit wertvollen Leihgaben zu unterstützen, gründete Anfang der 1990er-Jahre die damalige Direktorin der Musées de France, Irène Bizot, eine Planungsgruppe, aus der mittlerweile eine feste Arbeitsgruppe der 40 größten Kunstmuseen weltweit hervorging, die sich zweimal jährlich trifft. Während die Leihgabenfrage längst zur Selbstverständlichkeit geworden ist, wird heute die zunehmende Masse an Leihanfragen kritisch diskutiert, welche die Museen Millionen von Euro kosten, wenn man Restaurierung, Konservierung, Logistik und Transport aufrechnet. Ein heikles und noch nicht gelöstes Thema, zumal niemand wirklich Leihgebühren in Rechnung stellen möchte, da es sich um ein Geben und Nehmen handelt. Natürlich gibt es Länder, die eine andere Tradition haben, Japan zum Beispiel, wo es bis 1945 nahezu keine Museen gab. Erst durch die amerikanischen Besatzer wurden in großen japanischen Tageszeitungen Organisationsbüros eingerichtet, die fremde Kulturen in Japan zeigen sollten, das sich bis zu dieser Zeit kulturell relativ abgeschottet hatte. Diese Organisationsbüros gibt es bis heute ihre Arbeit ist sehr erfolgreich. Was gibt es daran zu kritisieren?

Nichts, aber die Verhältnisse müssen ausbalanciert sein. Ein Museumsverbund wie in Dresden – insgesamt rund ein Dutzend Museen, Sammlungen und Forschungsinstitutionen – zeigt seit einigen Jahren großes Interesse am internationalen Kulturaustausch. Dabei haben die jeweiligen Museen nur dann beiderseitigen Nutzen, wenn Großausstellungen in Kooperation vorbereitet werden. Aber das Austauschgeschäft funktioniert nur, wenn genügend Arbeitsleistung in die Forschungs- und Restaurierungsprogramme gesteckt wird, alles andere wäre ein seelen- und inhaltsloses Verschicken von Highlights – Etikettenausstellungen mit wenig Sinn und Verstand. Dabei leben die Konzepte der Museen von der Forschung, diese ist das verbindende Element in den Sammlungen, ohne Forschung werden Museen „seelenlos“. Eine eigene Sammlung kann man natürlich nur verschicken, wenn man überhaupt eine besitzt und diese aufgrund der Forschungsarbeit auch wirklich gut kennt.

Somit konzentrieren wir uns auf authentische, gut erforschte und auch überblickbare Schauen. Der Erfolg gibt uns dabei recht und zeigt, dass sich die Allgemeinheit heute nicht nur für große Wanderaustellungen interessiert. Wir versuchen vor allem drei Programmschwerpunkte umzusetzen: Die Sammlungen müssen bei uns stabilisiert werden: Sicherheit, Baumaßnahmen und Konservierung haben Vorrang. Auch Ankäufe, sofern die Mittel vorhanden sind, zählen zu solchen Sicherheitsmaßnahmen. Ferner wird die Zukunft der Dresdner Museen nur garantiert werden können, wenn adäquate Forschungs- und Wissenschaftsergebnisse auch weiterhin vorliegen. Erst wenn diese Bedingungen erfüllt sind, leisten wir uns Ausstellungen im Ausland. Ausstellungen aus gut fundierten Forschungskontexten zusammenzustellen ist ein Bildungsgenuss, alles andere nur Dekoration. Schon Harald Szeemann sprach vor Jahren von Bildern, die aufgrund ihrer Reisetätigkeit „erfolgszerstört“ sind. Das kann sich niemand ernsthaft wünschen.



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