Mit Haien spielen

Rai Chaze

Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Ausgabe IV/2009)


Es ist Samstagmorgen, der Himmel strahlend blau. Nach einer Woche harter Arbeit als Lehrer, Hafenarbeiter, Taxifahrer oder Schriftsteller suchen wir Entspannung. Um unseren Körper von dem angestauten Stress zu erholen, gibt es nichts Besseres als ein Bad im Meer. Wir gehen zum Strand und nehmen das Surfbrett mit. In unseren Korb packen wir ein kleines scharfes Messer, ein paar Zitronen und Zündhölzer. Auch die Angelrute dürfen wir nicht vergessen. Auf dem Weg, der zum Strand führt, pflücken wir Urus, Brotbaumfrüchte, und lesen einige trockene Zweige auf. Am Strand machen wir ein Feuer und legen die Uru-Früchte auf die Glut. Während wir unsere Surfbretter ins Meer schieben, garen die Früchte.Die Wellen sind herrlich. Kraftvoll, aber nicht zu hoch, und sogar die Kinder können sich in ihnen nach Herzenslust austoben. Wir reiten über die Wellen und zeichnen Figuren ins Wasser. Ein Gefühl der Freiheit und des Glücks überkommt uns. Wir bemerken nicht, wie die Zeit vergeht und gleiten Welle für Welle auf dem Glück des Meeres.


Es ist Mittag, die Sonne brennt fast. Einer von uns ist aus dem Wasser gestiegen, um die Uru-Früchte vom Feuer zu holen, und wickelt sie in die Blätter eines Purau-Baums (Hibiskus), die den Strand umsäumen. Wir nehmen die Angelruten, ziehen ein paar Fische aus der Lagune und legen sie aufs Feuer. Der Ozean hat die Müdigkeit unserer Körper fortgespült. Uns erwartet ein typisch polynesisches Mahl: gegrillter Fisch an Uru-Mus. Satt und rundum zufrieden, legen wir uns in den Schatten der Purau-Bäume. Eine leichte Meeresbrise streichelt uns.


Nach einem kurzen Mittagschlaf zieht es uns wieder ins Wasser. Einige springen mit ihrem Surfbrett gleich wieder ins Meer, andere setzen sich am Strand ins flache Wasser und verweilen still in Muße, bis die Sonnenscheibe hinter dem Horizont versinkt. Nun ist es Zeit aufzubrechen. Die Sonne hat das Salzwasser auf unserer Haut getrocknet und unsere Kräfte erneuert.


Auf dem Rückweg halten wir an einem Fluss, um uns mit aus den Bergen kommendem Süßwasser abzuspülen. Am Flussufer tummeln sich große Garnelen. Am Abend, während andere Tahitianer ausgehen oder fernsehen, kehren wir zum Fluss zurück, um die Krabben zu fangen. Wir harpunieren sie oder werfen unser Korbnetz aus, um mehrere gleichzeitig aus dem Wasser zu ziehen. So geht ein erfüllter Tag zu Ende. Der wohlverdiente Schlaf wird tief und fest sein.


Den Sonntag beginnen wir in der Kirche mit unserer Gemeinde. Die Tahitianer sind sehr fromm und immer darum bemüht, Gott, dem Schöpfer, zu danken für alles, was er erschaffen und dem Menschen zur Verfügung gestellt hat. Nach dem Gottesdienst halten wir uns gerne im Kirchhof auf und unterhalten uns mit den Freunden und Familienmitgliedern, die wir sonst nie sehen.


Wir beschließen, mit unseren Kindern einen Ausflug zu machen. Wir wollen das Vallée de Fautaua erkunden und fahren in einem klappernden Citroën vorbei an Häusern, Läden, Werkstätten in Richtung Stadtrand von Papeete. Wir kommen durch Industriegebiete und Viertel mit Sozialbauten, bis wir endlich den Taleingang erreichen.


Wir stellen das Auto am Ufer des Fautaua ab. Der Fluss wurde durch den Roman „Rarahu“ des französischen Schriftstellers Pierre Loti bekannt. Das Buch ist eine Liebeserklärung an die tahitische Frau. In Lotis Roman heißt sie Rarahu. Wenn man am Fluss steht, meint man die Anwesenheit des berühmten Paares, Rarahu und Loti, immer noch zu spüren. Täglich kommen Kinder aus der Nachbarschaft hierher. Sie klettern die steilen Felsen, die über den Fluss ragen, hoch und springen ins Wasser. Manchmal machen sie eine Pause, ruhen sich auf einem Stein in der Sonne aus und essen eine vom Baum gepflückte Mango.


Das weitgehend unberührte Fautaua-Tal ist ein Naturschutzgebiet. Zwei Stunden dauert die Wanderung den Hügel hinauf bis zu dem Fautaua-Wasserfall. Auf dem Weg sammeln wir Farnkraut, um uns eine Krone zu winden, die uns vor der Sonne schützt. Denn sehr schnell steigt die Sonne an den Zenit und ihre Strahlen durchdringen sogar das dichte Blätterdach der Bäume. Mit der Zeit wird es immer heißer und wir halten regelmäßig an von der Natur geformten Wasserbecken, um uns zu erfrischen. Unsere Wegzehrung pflücken wir von den tief hängenden Ästen der Bäume: Mangos, Papayas, Bananen, Orangen, Zitronen und Pampelmusen. Plötzlich spüren wir einen Windstoß. Der muss vom Wasserfall kommen! Wir schlagen uns durch ein Bambuswäldchen und stehen vor dem majestätischen Katarakt. Kaum haben wir ihn entdeckt, rennen wir auf ihn zu wie kleine Kinder. Unsere Sachen lassen wir auf Steinen zurück und springen ins Wasser. Wie schön ist es doch, sich den Kopf von den Kaskaden massieren zu lassen! Wie schön, sich den Rücken im strömenden Wasser abreiben zu lassen! Unsere Kinder schreien vor Freude. Sie lieben es, ihre Stimmen von den Felswänden widerhallen zu hören. Nach dem Bad setzen wir uns auf Steine und lassen uns trocknen. Dann wandern wir gemütlich wieder zurück.


Der Tag ist noch nicht zu Ende, die Nacht noch fern. Zu Hause nehmen wir Gitarren, ukelele (kleine Gitarre), pahu (Trommel) und toere (Trommel) und singen den ganzen Abend lang: zeitgenössische tahitische Lieder, aber auch Gesänge unserer Vorfahren, denn wir wissen, dass sie in diesem Moment da sind, ganz nah und glücklich, bei uns zu sein. Vielleicht singen auch sie. Die Petroleumlampen verströmen ein warmes, beruhigendes Licht. Die Nacht bricht sternenklar und nach Jasmin und Vanille duftend herein. Die Liebe zu allem, was uns umgibt, zum Leben und zu dem, der uns geschaffen hat, erfüllt uns.


Wenn die Zeit des „Heiva“-Festivals kommt, können wir uns Tanzgruppen oder einer vaà-Mannschaft anschließen. „Vaà“ bezeichnet auf Tahiti die Piroge, einen einfachen, einbaumähnlichen Bootstyp. Und wenn wir einen Tanz wählen, um dem Körper und der Seele die so wertvolle Harmonie wiederzugeben? Wir können eine Tanzgruppe aus unserer Nachbarschaft wählen oder eine aus dem etwas versnobteren Papeete, der Hauptstadt. Unsere Zeit wird also mit Freuden den Tanzstunden gewidmet oder dem Üben der Instrumente, die die Choreografien rhythmisch begleiten. Erneut durchwandern wir Berge und Täler auf der Suche nach natürlichen Materialien für unsere Tanzkostüme. Diejenigen, die sich für die vaà entschieden haben, werden das Wettrennen rund um die Insel machen, in einer Piroge gegen Hunderte andere. Jeder gibt alles, was er kann, um seiner Mannschaft und seinem Volk die Ehre zu erweisen.


Ich mag es, die Schönheit aller Freizeitaktivitäten und -freuden anzupreisen, die in unserer Traumlandschaft offen stehen: die Strände, das Surfen, die Pirogen, das Tauchen, das Angeln und Fischen, die Ausflüge in die Berge und die Täler, das Früchtesammeln, das Baden im Wasserfall, an den Flussquellen, die Besteigung der hohen Gipfel, mit den Delfinen baden, mit den Haifischen spielen, singen, tanzen, musizieren, Drachen bei maraàmu (Südwind) steigen zu lassen. Die Schöpfung bewundern, die uns umgibt, die Sonnenauf- und -untergänge, von denen einer prachtvoller ist als der andere.


Man muss kein reicher Tourist sein, um das Leben zu genießen, wenn man auf Tahiti ist. Die von der Natur angebotenen Freizeitmöglichkeiten sind zahlreich. Wenn wir ihr mit Respekt begegnen, schenkt uns die Natur Glück und Lebensfreude. Wir glauben deshalb, dass in unserem Herzen eine wahre Kunst heranwächst, in Harmonie mit der Schöpfung zu leben – eine diskrete Kunst, die sich dem anbietet, der sie in ihrer Einfachheit empfängt.
 

Aus dem Französischen von Birgit Hoherz



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