Zurück zum Mond

Huidi Ma

Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Ausgabe IV/2009)


Chinesische Gelehrte der Vergangenheit verknüpften Freizeit oftmals mit Naturphilosophie, der Kultivierung des Selbst, ästhetischem Geschmack, Kunst und Literatur und der Kultivierung der Langlebigkeit. Diese Weisheit hat zur Entstehung großer Literatur beigetragen, zum Beispiel des Buchs der Lieder, der Tang Gedichte oder der Song Lyrik. Aber auch die einfachen Leute entwickelten zahlreiche traditionell chinesische Freizeitbeschäftigungen wie die Atem- und Konzentrationsübungen Qi Gong, das Schattenboxen, die Vogelzucht, die Jagd oder die chinesische Malerei. In allen diesen Aktivitäten steckt die Intelligenz und Weisheit der Chinesen, ihre Moral und Ethik sowie ihr Fleiß und ihre Güte. 


Es ist allgemein bekannt, dass chinesische Schriftzeichen von Piktogrammen abgeleitet wurden. Das Wort „Freizeit“ (?? „xiuxian“) besteht aus zwei Schriftzeichen. Das erste Zeichen im Wort „Freizeit“ (= „xiu“) setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen: dem Bestandteil für „Mensch“ und dem Bestandteil für „Baum“. Somit veranschaulicht dieses Zeichen eine Szene, in der der Mensch im Einklang mit der Natur ist – eine Person lehnt sich an einen Baum. Die ursprüngliche Form des zweiten Zeichens (= „xian“) beinhaltete ein Symbol für „Mond“ und lässt eine poetische Szenerie entstehen, in welcher der Mensch den Mond in einer gemächlichen und entspannten Stimmung würdigt – ein Moment der Harmonie des Menschen mit sich selbst und mit der Natur. Deshalb erinnert uns das Wort „Freizeit“ daran, dass der Mensch Teil der Natur ist und die Natur in Ehren halten sollte. Im alten China beschrieben die Chinesen die Natur mit dem Begriff „Himmel und Erde“ und verehrten sie als göttlich. Die Erde im traditionellen Verständnis ermöglichtes den Menschen, gut zu leben, weil sie Essbares hervorbringt. Der Himmel seinerseits spendet Sonnenlicht und Regen sowie die vier Jahreszeiten – alles in seiner besonderen Schönheit. Im traditionellen Verständnis zeigen alle Dinge, die der Mensch in seiner Freizeit tut, seine tiefe Liebe zur Natur und die Spiritualität, die der Mensch der Natur entgegenbringt. 


Das Ideal der Freizeit findet sich in der chinesischen Philosophie, dem konfuzianischen und dem daoistischen Denken, das seit vielen Jahrhunderten die chinesische Kultur und Gesellschaft prägt.


Die konfuzianische Tradition akzentuierte das Regieren mithilfe von Riten und die Errichtung einer gütigen Herrschaft. Sie folgte dem Leitgedanken „beginnend bei der Dichtung durch Riten eine gesunde Grundlage für die Gesellschaft zu schaffen und mittels Musik die ideale Gesellschaft zu erlangen“. Der Erholung kam dabei große Bedeutung zu. In Zeiten der Muße widmete man sich den sechs Künsten – den Riten, der Musik, dem Bogenschießen, dem Wagenlenken, der Kalligrafie und der Rechenkunst. Für die Konfuzianer war ein reiches und abwechslungsreiches Freizeitleben die erhabenste Form ästhetischer Betätigung. 


Die Daoisten ihrerseits betonten die „stille Wahrnehmung des Mystischen“ als Pfad des Dao (des Weges). Sie hoben die nach innen gewandte Natur des Menschen und die Fähigkeit des Individuums zur Einsicht und zum Begreifen hervor. Die Daoisten waren der Ansicht, dass wir „immer dem Dao folgen“ sollen, um mithilfe der „Goldenen Mitte“ die Harmonie zwischen der Innenwelt des Menschen und der äußeren Umwelt zu realisieren. 


Das „Fasten des Herzens“ und das „gedankenversunkene Sitzen“ sollten nach Zhuangzi – neben Konfuzius und Laozi einer der wichtigsten klassischen Denker im Alten China – die innere Aufgeregtheit und Spannung beruhigen, um sich im Einklang mit der Zeit zu bewegen, sich mit der Welt zu identifizieren und sich an sie anzupassen. Dieser Tradition folgend wurde das „freie und unbekümmerte Herumstreifen“ – bei dem man „über die vier Weltmeere hinauswandert“ und die „grandiose Schönheit von Himmel und Erde genießt“ – zur ultimativen chinesischen Weisheit über die Bedeutung der freien Zeit. 


Im praktischen Sinne besteht das Ziel der Freizeit darin, die physischen, psychischen und spirituellen Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, ihren Charakter zu formen und zu fördern. Freizeit ist in der chinesischen Tradition unterhaltsame Erziehung, die der ganzheitlichen Entwicklung des Individuums dient. So wird Freizeit zu einer kulturellen Ressource, einem wichtigen humanistischen kulturellen Phänomen.


In ihrem Kern macht Freizeit die Bedeutung des Lebens erfahrbar, eines Lebens voller Freude. Die Freizeit ist die Bühne, auf der das Drama des menschlichen Werdens gespielt wird. Sie ist das wunderbare Heim des menschlichen Geistes und der beste Ort, eine zivilisierte Gesellschaft zu entwickeln.


Das „Große Wörterbuch der modernen chinesischen Sprache“ erklärt das moderne Wort „xiuxian“ so: „eine Fläche Ackerland für eine Saison oder ein ganzes Jahr brach liegen lassen“. Obwohl diese Erklärung etwas aus der Natur erläutert, offenbart sie doch auch ein objektives Gesetz für alle Dinge: ohne Ruhepause – oder eben Freizeit – kann keine Lebensform existieren, geschweige denn in all ihrer Pracht gedeihen. Leider wurden die traditionellen Werte der Freizeit in der heutigen Zeit mit ihren tiefgreifenden sozialen Veränderungen mehr und mehr verstümmelt und der Kern dieser Werte zunehmend vom Materialismus verdorben. Das moderne Verständnis von Freizeit ist auch in China zu eng, zu seicht und zu vulgär. Die meisten Leute setzen Freizeit einfach mit Bier trinken und Bowling gleich, mit Entertainment und Einkaufen, mit dem, was gerade in Mode ist und womit die Reichen prahlen. 


Im Oktober 1999 führte die chinesische Regierung landesweit drei siebentägige Ferien ein, die drei „Goldenen Wochen“: eine Woche zum Frühlingsfest zu Beginn eines Jahres, eine Woche zum 1. Mai und eine Woche zum 1. Oktober, dem chinesischen Nationalfeiertag. Diese drei Wochen nutzen die Chinesen zu exzessivem Tourismus und landesweiten Shoppingtouren. In ihrer Ausrichtung war diese Ferienverordnung zu utilitaristisch. Sie hat die besitzgierigen Wünsche der Leute entfesselt und zum Wahnsinn der Gegenwart mit 180 Millionen vergnügungssüchtigen Chinesen im Massenurlaub geführt. 


Laut offiziellen Statistiken werden auf dem chinesischen Festland immer mehr ausländische Luxusgüter verkauft. Wenn sich die Entwicklung der letzten Jahre fortsetzt, ist China im Jahr 2015 weltweit der zweitgrößte Markt für Luxusartikel. Seit einigen Jahren gibt es sogenannte Haussklaven, Autosklaven und Kreditkartensklaven. Das sind Leute, die sich durch Anschaffungen so stark verschuldet haben, dass sie Tag und Nacht arbeiten müssen. Diese Menschen können nicht mehr innehalten. Verloren gegangen ist ihnen die Fähigkeit „gemächlich dem eigenen Herzen zu folgen“ und ebenso die Sorglosigkeit, die Klarheit und Reinheit des Herzens. 


Es fehlen uns Weisheit und Spiritualität. Statt aufzuwachen, irren wir umher und entfernen uns zunehmend von den Beschäftigungen, die für unsere Entwicklung gesund sind. 


Untersuchungen haben gezeigt, dass unter den gut ausgebildeten Chinesen die Zahl derer steigt, die kaum mehr lesen. In ganz China gibt es weniger als 3.000 öffentliche Bibliotheken. Viele haben schon jahrelang keine neuen Bücher mehr angeschafft und verzeichnen nur noch wenige Besucher. Im Durchschnitt liest ein Chinese im Jahr nicht einmal ein halbes Buch (0,4 Bücher).


Der berühmte chinesische Reisende Xu Xiake aus dem 16. Jahrhundert widmete sein Leben dem „Lesen von 10.000 Büchern und dem Reisen von 10.000 Meilen“. Seine Reisen waren noch reich an spiritueller Befriedigung. Heute hingegen reisen die meisten Menschen, um damit ihre soziale Stellung, ihren Status und Wohlstand zu zeigen. Der heutige Massentourismus belastet die natürlichen Ressourcen und die Umwelt sehr stark. Die gesamte Fixierung auf den Konsum hat zum Verlust der mäßigenden Effekte der traditionellen Freizeitwerte geführt. Die Jagd nach Wohlstand hat uns zu Sklaven des Wohlstandes gemacht und uns unserer traditionellen Weisheit beraubt. Unsere Situation heute zwingt uns, über den Wert der Freizeit neu nachzudenken.


Wenn wir die Werte der traditionellen Formen von Freizeit in unserer kurzlebigen Gesellschaft suchen, dann geht es keinesfalls darum, sie einfach zu reflektieren, zu ihnen zurückzukehren oder sie schlicht zu imitieren. Vielmehr verhelfen uns traditionelle Freizeitwerte dazu, dass wir eine entspannte und ruhige Einstellung zum Leben haben und unseren Gedanken Raum geben. Freizeit sollte eine Quelle kreativer Inspiration sein und es uns ermöglichen, frei zu sein, Dinge zu schätzen, zu erleben und zu erschaffen. Freizeit sollte unser Leben reicher und farbenfroher machen, zum Beispiel durch die Teilnahme an freiwilligen Aktivitäten wie Wohltätigkeitsveranstaltungen und Sozialarbeit oder durch die Beteiligung am Umweltschutz und Anti-Kriegs-Aktivitäten. Unsere Freizeit könnte auch geprägt sein von einem einfachen Leben, von Vegetarismus, der Tier- und Pflanzenliebe. Durch die Wiederentdeckung traditioneller Freizeitwerte werden wir in der Lage sein, der Gier zu widerstehen. Wir werden uns Zeit nehmen können, das Leben zu erleben, die Schönheit zu würdigen und uns an der Einsamkeit zu erfreuen. Wir werden weder vergessen, Gott zu dienen, noch, in der freien Zeit ein Geschenk zu sehen, das die Menschen ehrenwert und großartig machen kann.
 

Aus dem Englischen von Falk Hartig



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