„Stalin wird positiv gesehen“

ein Gespräch mit Irina Scherbakowa

Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Ausgabe IV/2008)


Sie sammeln seit 30 Jahren Berichte von Opfern politischer Repressionen. Wie kamen Sie dazu?

Ich habe in den 1970er-Jahren Texte russischer Autoren über den Gulag gelesen, die als Untergrundliteratur kursierten, und wollte mehr über die tabuisierten Lager erfahren. So begann ich in meinem Bekanntenkreis Interviews mit Gulag-Überlebenden zu führen. Daraus sind Hunderte von Interviews mit Zeitzeugen geworden. Anfang der 1990er-Jahre konnte ich zusätzlich zur Oral History auch in Archiven über stalinistische Repressionen forschen. 
 
Was wurde aus den vielen Zeitzeugenberichten, die Sie gesammelt haben?

Es war am Anfang kein wissenschaftliches Projekt, sondern mein persönliches Anliegen. Ich wollte die Zeit begreifen, in der so etwas möglich war. Vielen der Gulag-Überlebenden hatte ich versprochen, dass ich zumindest vorläufig nichts veröffentliche. Jedem Besuch habe ich so viel Zeit gewidmet, wie ich wollte. Nicht wie bei Spielbergs Shoa-Projekt: drei Stunden pro Interview. Ich habe die Interviews nicht mal transkribiert, weil Manuskripte sich viel schwerer verstecken ließen als die Kassetten, die ich als Musikkassetten beschriftete. Ich gehörte zum Sympathisantenkreis der Dissidenten und hatte Angst vor Hausdurchsuchungen, Verhaftung und den Lagern der neuen Zeit.
 
Wie forschen Sie heute?

Ich leite bei der Internationalen Gesellschaft für historische Aufklärung, Menschenrechte und Soziale Fürsorge „Memorial“ in Moskau ein Oral History Zentrum. Wir sammeln noch immer Interviews mit Zeitzeugen. Das sind jetzt meistens die Kinder, die zweite Generation, die offiziell auch zu den Opfern der politischen Repressalien gehören, weil sie oft stärker traumatisiert sind als die Eltern. Sie haben ein völlig zerrissenes Bewusstsein, das geprägt ist durch die sowjetische Erziehung in den Heimen, in die sie gesteckt wurden, und die Gewissheit, dass mit ihren Eltern etwas ganz Schlimmes passiert ist. Darüber hinaus haben wir uns einer besonderen Gruppe genähert, denjenigen, die Opfer zweier Diktaturen geworden sind, weil sie früher bereits als sowjetische Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene in Deutschland waren. Ein Buch über die Geschichten sowjetischer Zwangsarbeiterinnen bereite ich gerade vor. 
 
Sie interessieren sich aber auch für das Geschichtsbild der heutigen Jugend in Russland.

Ja. Ich leite seit zehn Jahren einen Schülerwettbewerb zur Geschichte Russlands. Wir bekommen jährlich zwischen 2.000 und 3.000 Arbeiten, die uns einiges über das Geschichtsbewusstsein der Jugendlichen zeigen. Sie verfallen zunehmend einer neuen patriotischen Rhetorik. Jeder Aufsatz beginnt mit den Beschwörungsformeln des Vaterlandes und der Liebe zu Russland. Die herrschende Politik instrumentalisiert die Vergangenheit. Aus ihren Bausteinen wird bei uns derzeit ein Zukunftsmodell konstruiert, das alles andere als ein demokratisches ist. Es ist das Modell eines starken nationalen Großstaates, einer Großmacht mit sehr begrenzten Freiheiten. Die Jugendlichen passen sich dieser Ideologie an.
 
Welches Vergangenheitsbild bekommen Kinder in der Schule vermittelt?

Ein Geschichtsbuch, das jetzt neu in die Schulen kommt, ist sehr von dieser patriotischen Rhetorik durchdrungen. Vergangenheitsbilder werden so konstruiert, dass der Eindruck entsteht, Russland wäre immer dann aus Krisen heraus oder zu Siegen gekommen, wenn es autoritär regiert wurde. In diesem Sinn wird die russische Geschichte dargestellt. 
 
Gibt es in Russland keine autonome Geschichtswissenschaft, die einen Gegenpol zur staatlichen Ideologie bildet?

Doch. Heute gibt es gute Bücher von ernstzunehmenden Historikern, aber viel zu wenige. Die Arbeiten sind noch sehr stark empirisch. Es gibt keine Monografien oder Arbeiten, die Zugang zum allgemeinen Verständnis der Geschichte, zu den wirklich großen Problemen und entscheidenden Fragen, geben. Es fehlen uns die vielen Wissenschaftler, die an westliche Universitäten gegangen sind. Und es fehlt an staatlicher Unterstützung. Der Staat hat kein Interesse an einer Aufarbeitung der Vergangenheit. 
 
Welche Folgen hat es für die heutige Generation in Russland, dass die Vergangenheit nicht reflektiert wird?

Wir befinden uns in einem Teufelskreis. Stalins Bild entsteht als Bezugsfigur automatisch dort, wo man den starken Staat bejaht, wo der Mensch so wenig bedeutet und der Staat alles. Die Umfragen sind entsetzlich: Über 50 Prozent der Menschen – und das betrifft nicht nur die alten, sondern in zunehmendem Maße die jüngeren – meinen, dass Stalins Rolle in der russischen Geschichte positiv zu bewerten sei. Über 25 Prozent würden für ihn stimmen, wenn er heute kandidieren würde. Daran kann man als Historikerin eigentlich nur verzweifeln.

Das Interview führte Karola Klatt



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