„Magie hilft zweifellos“

ein Interview mit Akif Poroy

Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Ausgabe IV/2008)


Herr Dr. Poroy, wie viel Vertrauen haben die Türken in ärztliche Behandlungsmethoden?

Das ist sehr unterschiedlich: Auf dem Land nennt man einen gefährlichen Tumor oft einfach „Abszess“, drückt Tabak darauf, der angeblich die Wunden schneller heilen lässt, und damit hat es sich. Man verlässt sich auf das Schicksal. Dementsprechend gibt es in ländlichen Gebieten kaum medizinische Vorsorge, dazu fehlt die Mentalität. In den Städten ist der Umgang mit Krankheit stärker durch den Intellekt geprägt, man ist sensibler und ängstlicher. Neuerdings setzen sich die sogenannten „Rechte der Kranken“ immer mehr durch. Es gibt in den Krankenhäusern jetzt sogar eigene Büros dafür, die den Patienten neue juristische Möglichkeiten geben. Ein Beispiel: In einem Krankenhaus in Ankara sind vor ein paar Wochen Dutzende Babys gestorben. Der Grund war, dass das Krankenhaus zehnmal mehr problematische Geburten und Neugeborene aufgenommen hat, als seine Kapazitäten zulassen. Jetzt ziehen die Eltern vor Gericht. Allerdings fragt niemand, warum das Krankenhaus so viele Babys aufgenommen hat. Das Problem ist, dass es in der Türkei kein Überweisungssystem gibt. Hätten wir ein solches System, könnte etwa ein Kranker aus Südostanatolien zunächst einmal nach Mersin oder Erzurum geschickt werden. Stattdessen kommen die Patienten alle gleich in die Großstädte, weil sie wissen, dass die besten Ärzte in Istanbul, Ankara und Izmir tätig sind.

Welche Rolle spielt der Islam bei der ärztlichen Behandlung?

Ich bin seit 30 Jahren Arzt. In den 1970er-Jahren habe ich keinen einzigen Fall erlebt, in dem eine Frau nur von einer Ärztin untersucht werden wollte oder ein Mann nur von einem Arzt. Die Medizin galt als geradezu erhabener Beruf. Ob ihn eine Frau oder ein Mann ausübte, spielte keine Rolle. Aber seit einigen Jahren versucht man, bei der Bevölkerung eine andere Einstellung zu propagieren. Krankenhäuser werben damit, dass Frauen nur von Ärztinnen behandelt werden. Diese Tendenzen sind nach der islamischen Revolution im Iran Ende der 1970er-Jahre entstanden. Davor war so etwas undenkbar.

Vertrauen die Patienten in der Türkei neben der modernen Schulmedizin auch auf traditionelle, nicht westliche Behandlungsmethoden?

In der Türkei gehen sogar Leute, die in den USA studiert und gelebt haben, zu traditionellen Magiern und Heilern. Das hat mit der schamanischen Tradition zu tun. Wie die Araber haben auch wir Türken vieles aus vorislamischen Zeiten übernommen. Man fürchtet sich zum Beispiel vor den „Albasti“, bösen Geistern, die Neugeborene und ihre Mütter bedrohen: Ein Neugeborenes lässt man nicht allein im Raum, damit die bösen Kräfte dem Baby nichts anhaben können. Es gibt auch sehr alte medizinische Bücher, die während der Türkenzüge im 11. Jahrhundert aus Zentralasien in die Türkei gelangten. In ländlichen Regionen finden sie noch Verwendung, etwa die Rezepturen des legendären Lokman Hekim, der eine Formel gegen die Sterblichkeit gefunden haben soll. Seine homöopathischen Medikamente kamen am ottomanischen Hof zum Einsatz und werden in Anatolien heute noch benutzt. Diese Dinge bestehen neben der modernen Medizin. Und die sogenannte Magie hilft ohne Zweifel: Wenn der Patient daran glaubt, kann sie sein Immunsystem und seine innere Dynamik stärken.

Gibt es für den Besuch in Krankenhäusern feste Regeln oder dürfen die Angehörigen jederzeit zu den Patienten?

Es gibt ein besonderes System der Krankenbetreuung: In den Krankenhäusern steht jedem Patienten neben seinem eigenen Bett noch ein weiteres zur Verfügung. Ein Freund oder Verwandter kann also über Nacht bei dem Patienten bleiben. Dieses System wurde aus der Not geboren. Früher gab es einfach nicht genügend Krankenschwestern. Aber im Endeffekt finde ich es psychologisch positiv. In ländlichen Gegenden bekommen Patienten häufig viel Besuch. Da sitzen manchmal 30 Leute um das Bett! In einem solchen Fall hängt man einfach das Schild „schwer krank“ an die Tür und lässt niemanden mehr rein. Generell gibt es in den staatlichen Krankenhäusern feste Besuchszeiten, in den privaten ist die Besuchszeit nicht beschränkt.

Das Gespräch führte Selçuk Caydi



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