Was die Türken gerne …

von Kemal Çalik

Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Ausgabe IV/2008)


„Die Trennung ist ein halber Tod“

Türken lieben jede Art von Musik. Sie läuft ständig – auf der Straße, in Teestuben oder im Auto – und am besten laut. Jede Generation und jede soziale Schicht konsumiert ihre eigene Musikrichtung: Volksmusik, Arabesk, Popmusik, Jazz, Punkrock oder Weltmusik.Volksmusik ist nach wie vor sehr populär, da sie nicht nur von den Freuden und dem Leid des Volkes erzählt, sondern auch von ungerechten Machtverhältnissen. Diese Tradition reicht Jahrhunderte zurück, in denen sich Dichter wie Karacaoglan, Dadaloglu und Pir Sultan Abdal gegen die Unterdrückung durch die osmanischen Herrscher richteten. Trotzige Zeilen wie „Dem Sultan seine Erlasse, die Berge sind unser“ (Dadaloglu) oder „Sollten die Richter und Mufti mich verurteilen / Sollten sie mich erhängen / Sollten sie mich köpfen / Ich werde von meinem Weg nicht kehren“ (Pir Sultan Abdal) werden immer wieder neu vertont.

Zeki Müren kennt in der Türkei jeder, aber im Ausland niemand. Er gilt als der unerreichte König der türkischen Kunstmusik, der Musik für die anspruchsvolle Elite. Am ehesten ist die Musikart mit dem französischen Chanson zu vergleichen. Die exzentrische Bülent Ersoy (Foto) wurde dieses Jahr in Deutschland nicht als weitere wichtige Vertreterin dieser Musikrichtung bekannt, sondern mit dem Satz: „Für diesen Krieg der Anderen würde ich mein Kind nicht unter die Erde schicken.“ Sie hatte als Jurorin der Castingshow „Popstar alaturka“ den Einmarsch der türkischen Armee im Irak kritisiert. Die beherzte Diva war früher ein Mann. Geblieben ist ihre tiefe Stimme. Und wenn sie auf der Bühne die Schlager „Weine nicht, meine Liebe“ oder „Die Trennung ist ein halber Tod“ zum Besten gibt, verzeihen die Türken ihr fast alles.Die Musik von Orhan Gencebay wird wegen ihrer persisch-arabischen Wurzeln Arabesk genannt. In den 1970er-Jahren entstanden, beschreibt sie die Irrungen und Wirrungen der städtischen Neubürger. Titel wie „Es gibt keinen Menschen ohne Fehler“ (Orhan Gencebay) oder „Lass uns in unser Dorf zurückgehen“ (Ferdi Tayfur) sind immer noch gern gehörte Hits. Ibrahim Tatlises, dessen Künstlername „Tatlises“ „süße Stimme“ bedeutet, Müslüm Gürses und Mahsun Kirmizigül sind weitere berühmte Vertreter der Arabeskmusik. Weder die Geringschätzung durch Feingeister noch das jahrzehntelange Auftrittsverbot bis in die 1980er-Jahre im öffentlichen Fernsehen TRT haben den Durchmarsch der Arabeskmusik verhindern können.Die jungen Menschen lieben den Türkpop. Tarkan, Mustafa Sandal, Sertap Erener und Serdar Ortaç sind ihre Stars. Die unbestrittene Popikone ist jedoch Sezen Aksu. Auf ihrem Meisterwerk, dem Album „Ex oriente Lux“ (1995), präsentiert sie türkische Musik mit all ihren Facetten, von der Kunstmusik über das anatolische Klagelied bis zu islamischen Mystikern. Ihr aktuelles Album „Meeresstern“ hielt sich dieses Jahr wochenlang an der Spitze der türkischen Charts.

Istanbul Modern

Die wichtigsten Impulse der Gegenwartskunst kommen aus den extremen Gegensätzen der türkischen Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne. Zu den bedeutendsten Künstlern gehören die Malerin Ipek Duben, die Videokünstlerin Nil Yalter, die Künstlergruppe Hafriyat, die Installationskünstlerin Ayşe Erkmen und die Künstlerin Gülsün Karamustafa. In den vergangenen Jahren haben insbesondere private Unternehmen den Kunstmarkt in Bewegung gebracht. Sie haben in Istanbul zum Beispiel Museen wie das Pera Museum oder das Istanbul Modern (Foto) eröffnet. In diesen sind die Werke (Stillleben, Landschaftsmalerei, abstrakte Kunst) der bedeutendsten Künstler der türkischen Moderne zu sehen: Ibrahim Çalli, Avni Lifij, Nurullah Berk, Abidin Dino, Fikret Mualla, Komet, Avni Arbas, Bedri Rahmi Eyüboglu, Orhan Peker, Nuri Iyem, Ergin Inan. Besonders sehenswert sind die farbenprächtigen Bilder des Malers, Dichters und Lehrers Eyüboglu (1913-1975). Inspirationsquelle für seine Arbeiten war die türkische Volkskunst: Kelims, kunstvolle Emaillearbeiten oder gestickte Decken. Er hat auch beeindruckende großflächige Wandbilder geschaffen.

„Recep Beeildich“

Die ersten Filme entstanden in der Türkei schon in den 1920er-Jahren. Der Theaterschauspieler und Regisseur Muhsin Ertugul, der durch den deutschen Film und den sowjetischen Revolutionsfilm beeinflusst wurde, inszenierte rund vierzig Filme. Die Literaturverfilmung „Das Flammenhemd“ der Schriftstellerin Halide Edip Adivar aus dem Jahr 1923 über den nationalen Befreiungskrieg (1919-1922) ist eines seiner wichtigsten Werke. Dem folgten später der erste türkische Tonfilm (1929) und der erste Farbfilm (1953). Weitere hochkarätige Filme entstanden Ende der 1960er- Jahre. Einer der herausragendsten Regisseure dieser Zeit war der Filmemacher Metin Erksan, der sich in seinen Spielfilmen mit dem Landleben beschäftigte. „Sommer ohne Wasser“ war der erste türkische Film, der 1964 auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. Zwei Jahre zuvor war ein weiteres wichtiges Werk von ihm, „Die Rache der Schlangen“, in den Kinos gelaufen. Mit gesellschaftskritischen Arbeiten machte der Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur Yilmaz Güney internatio-nal auf sich aufmerksam. Seine bekanntesten Werke sind „Der Weg“, für den er in Cannes die Goldene Palme (1982) erhielt, „Hoffnung“ (1970), „Der Freund“ (1974).

In den vergangenen zehn Jahren ist es dem türkischen Kino gelungen, gerade im kommerziellen Bereich wieder auf sich aufmerksam zu machen. Früher strömten Familien oder Paare in die Lichtspielhäuser, heute sind die Kinogänger vor allem junge Leute. Dieses Jahr sahen innerhalb von nur wenigen Wochen über 4,2 Millionen Zuschauer die Komödie über die beliebte Kunstfigur „Recep Ivedik“ („Recep Beeildich“). Damit überholte der Streifen (Bild) den in Deutschland heftig kritisierten Actionfilm „Tal der Wölfe“. Knapp dahinter folgen die Science-Fiction-Komödie „G.O.R.A“ und das Melodram „Mein Vater und mein Sohn“. Die letztgenannte Produktion war ein Überraschungserfolg und löste in den Familien heftige Debatten über die Zeit nach dem Militärputsch von 1980 aus.

„Städte aus Frauen“

Eine überraschende Vielfalt an Themen und Genres zeichnet die türkische Literatur seit 30 Jahren aus: Es gibt triviale Unterhaltungsbelletristik, Krimis, Science-Fiction, nationale und religiöse Literatur, Thriller, erotische Literatur und Fantasy. Zwar werden die Klassiker wie das Epos „Menschenlandschaften aus meinem Land“ des Avantgardisten Nazim Hikmet (1902-1963), Gedichte von Orhan Velis (1914-1950), die Satiren von Aziz Nesin (1915-1990) oder die Meistererzählungen von Sait Faiks(1906-1954) noch immer gelesen, jedoch gibt es einen Trend hin zu historischen Büchern, die über die Blütezeit und den Untergang des Osmanischen Reiches, die Kriege und die politischen Tragödien berichten. Ilber Ortaylis „Den Osmanen wiederentdecken“ (2006) und „Diese verrückten Türken“ (2005) von Turgut Özakman über den Befreiungskrieg nach dem Ersten Weltkrieg gehörte in den vergangenen Jahren zu den Bestsellern. Dieser Entwicklung haben sich auch gestandene Literaten angeschlossen.

In „Der Eroberer“ (2003) beschreibt Nedim Gürsel die Einnahme des damaligen Konstantinopel im Jahre 1453 aus der Sicht der Sieger und Besiegten. Ahmet Altans „Liebe in Zeiten der Rebellion“ (2001) erzählt von den letzten Tagen des Osmanischen Reiches.Der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk ist der bekannteste türkische Schriftsteller in Europa. Murathan Mungan (Bild), der „Poet von Mardin“, ist dagegen der Kultautor der Türkei. Sein aktuelles Werk „Städte aus Frauen“ (2008) ist seit Langem auf der türkischen Bestsellerliste. In diesem Buch erzählt er rührende Geschichten aus dem Leben anatolischer Frauen in den Metropolen. Der vielseitige Autor hat zahlreiche Gedichtbände, Romane, Erzählungen und Drehbücher veröffentlicht. Elif ?afak ist eine weitere Bestsellerautorin. Ihr viel diskutiertes Buch „Der Bastard von Istanbul“, das von der armenisch-türkischen Geschichte, von Vaterlosigkeit und Inzest handelt, hat sich 2006 in der Türkei über 85.000 Mal verkauft. Dies ist beachtlich für ein Land, in dem die Erstauflage vieler Bücher bei nur 2.000 Exemplaren liegt.



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