„Abschied vom Scharia-Denken“

Ekin Deligöz

Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Ausgabe IV/2008)


Frau Deligöz, wie viel Modernisierung trauen Sie der Türkei zu?
 Ich traue der Türkei eine Menge Modernisierung aus eigener Kraft zu, wenn sie es schafft, den Menschen Teilhabe an Bildung zu ermöglichen und die Armut zu bekämpfen. Dazu muss das Bildungssystem massiv ausgebaut werden. Und die Politiker sollten weniger ideologische Scheuklappen anlegen, sondern sich eher an pragmatischen Lösungen orientieren.
 
Welche Rolle spielt die EU?
 In der Türkei gibt es viele Bedenken gegenüber der EU. Man befürchtet eine starke Einmischung in die Innenpolitik. Doch Politik und Zivilgesellschaft müssen sich damit auseinandersetzen, dass ein Vertrag mit anderen Staaten immer bedeutet, dass andere sich einmischen. Das ist noch nicht deutlich genug angekommen. Auch die Regulierungsbestrebungen und die Bürokratie fallen negativ auf. Vor allem kleine Unternehmen befürchten, dass sie damit verbundene Investitionen nicht leisten können. Doch gerade die Familienunternehmen, die Arbeits- und Ausbildungsplätze schaffen, sind die Basis einer prosperierenden Wirtschaft in der Türkei. Auch wenn man sehr lange auf Großprojekte gesetzt und Kleinunternehmer vernachlässigt hat. 
 
Was hat die EU Positives bewirkt?
 Der sanfte Druck der EU hat in der Türkei die Demokratisierung verstärkt: Die Todesstrafe wurde abgeschafft, die Menschenrechtslage hat sich verbessert, die Wirtschaft blüht und der technische Fortschritt geht voran. Die EU sollte aber nicht nur die Wirtschaft fördern, sondern auch die zivilgesellschaftliche Entwicklung, die Forschung und den kulturellen Austausch.
 
Wo sehen Sie in der momentanen Entwicklung Defizite?
 Es fehlt noch immer der Mut, eine Vielfalt politischer Meinungen zuzulassen. Das passiert in der Wissenschaft, aber auch in der Kunst- und Kulturszene. Nehmen Sie die Debatte um die Armenier. Warum wird das so tabuisiert, warum kann man nicht offen damit umgehen? Zwischen Deutschland und Frankreich gab es mehr als 700 Jahre Krieg. Jetzt gibt es einen regen Austausch. Die Regierungspartei AKP kann man ja kritisieren – ich gehöre auch zu den Kritikern –, man muss aber auch den Mangel an Opposition feststellen. Die größte Schwäche des Landes ist nicht, dass überall AKP gewählt wird, sondern dass es keine Alternativen gibt. Oder dass die Alternativen sehr schnell durch die Justiz und die traditionelle politische Klasse unterbunden werden, während gleichzeitig der Mangel an Alternativen kritisiert wird. Das erzeugt natürlich ein Misstrauen der Bürger gegenüber der politischen Klasse.
 
Wer betreibt in der Türkei Modernisierung?
 Früher hatte man ein schönes Schwarz-Weiß-Schema: Modernisierung hieß lange politisch gewollte Modernisierung – eine kemalistische Modernisierungsideologie, die breite Gesellschaftsschichten nicht einbezog. Das gibt es heute nicht mehr. Menschen an Universitäten, aber auch in der Wirtschaft, haben großes Interesse an Modernisierung und gesellschaftlichem Weiterkommen. Und es gibt unzählige zivilgesellschaftliche Vereinigungen, Frauenrechtsvereine, Menschenrechtsvereine oder Institute. Nur bei den Parteien und den Gewerkschaften findet eine Entwicklung in dieser Form nicht statt.
 
Ist die Türkei auf dem Weg zu einem modernen Islam?
 Die Türkei ist ein islamisches und gleichzeitig säkulares Land. Die Mittel- und Oberschicht hat eine sehr freie Auffassung von Religion. Doch es gibt auch Beispiele, wo Religion in Fundamentalismus umschlägt, wo traditionelle Strukturen, auch im Verhältnis der Geschlechter, zurückkehren. Das ist dort der Fall, wo Menschen nicht teilhaben oder wo Exklusion und Segregation gelebt werden: am Rande der Großstädte und auf dem Land. Wir sind in einer spannenden Phase: Wird es der Türkei gelingen, einen modernen Islam zu entwickeln und zu gestalten? Einen Islam, der Geschlechtergerechtigkeit zulässt, Frauenrechte verwirklicht und sich vom Scharia-Denken verabschiedet? Das einzige Land, dem so etwas gelingen kann, ist die Türkei. Deshalb müssen wir sie unterstützen – auch als Zeichen gegenüber anderen islamischen Staaten.

Das Interview führte Timo Berger



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