Auf die Mischung kommt es an

von Karl-Josef Kuschel

Frauen, wie geht's? (Ausgabe IV/2007)


Leicht geht einem die Redewendung „Nichts Menschliches ist mir fremd“ über die Lippen. Doch kennt man ihren Ursprung? Das neueste Buch des in Princeton lehrenden Philosophie-Professors Kwame Anthony Appiah über die „Philosophie des Weltbürgertums“ klärt darüber auf. Es ist nicht die einzige überraschende Information, die wir diesem Buch verdanken. Der Satz stammt aus der Komödie „Der Selbstquäler“ von Publius Terentius Afer, den wir unter dem Namen Terenz kennen. Die Schreibweise des Terenz – seine freie Einarbeitung mehrerer griechischer Stücke in ein einziges lateinisches Stück – wurde von den römischen Literaten als „contaminatio“ bezeichnet, als Vorgang der „Verunreinigung“ also. Für Appiah ist dies ein Schlüsselbegriff des Kosmopolitismus. Vom Kontaminatoren sei er erfunden worden, von Menschen also, die Trennungen und Reinheiten verabscheuen und Mischungen und Vermischungen lieben. Kulturelle Reinheit? Ein Widerspruch in sich! Wir alle lebten bereits, meint Appiah, „ein kosmopolitisches, durch Bücher, Kunstwerke und Filme aus anderen Weltreligionen bereichertes Leben“.

Appiahs eigene afrikanische Herkunft ist wichtig für sein Buch. Denn Diskurse über Kosmopolitismus für philosophisch geschulte europäische Intellektuelle sind bekannt. Die europäische Tradition, insbesondere die Errungenschaften der Aufklärung, darunter die Menschenrechtserklärung von 1789 und Immanuel Kants Werk und nicht zuletzt Christoph Martin Wielands kosmopolitische Betrachtungen spielen auch in diesem Buch durchaus eine wichtige Rolle. Aufregend ist aber weniger, was hier an Zitaten von europäisch-amerikanischen Schriftstellern und Philosophen zusammengetragen ist. Mich haben vor allem die Passagen in den Bann geschlagen, in denen der Verfasser von seiner afrikanischen Herkunft berichtet und diese zum Katalysator des eigenen kosmopolitischen Denkens macht, und zwar derart, dass Appiah „keinen Widerspruch zwischen lokaler Parteilichkeit und universeller Moral“ erkennen kann. Die letzte Botschaft seines Vaters an ihn und seine Schwester? „Denkt daran, dass ihr Bürger der Welt seid!“ Der väterliche Satz wird zum Vermächtnis des jungen Appiah.

Er wächst in Kumasi auf, der Hauptstadt der Asante-Region in Ghana. Lebensmittel verkauft in dieser Stadt ein Inder, Reis bezieht man bei „Irani Brothers“, Kleidung bei einem „philosophischen Drusen“ namens Hanni. Häufig besucht man libanesische und syrische Familien. Es sind Muslime und Maroniten. Zu alldem kommen noch „vereinzelte Europäer“: ein griechischer Architekt, ein ungarischer Künstler, ein irischer Arzt, ein schottischer Ingenieur, ein paar englische Anwälte und Richter und an der Universität das bunte internationale Gemisch der Professoren. Gespräche über kulturelle Grenzen hinweg sind von Kindheit an eine Selbstverständlichkeit für den Mann aus Ghana. Reinheit? Trennungen? In Kumasi ist davon keine Spur: „England, Deutschland, China, Syrien, Libanon, Burkina, Elfenbeinküste, Nigeria, Indien – aus jedem dieser Länder könnte ich Ihnen eine Familie nennen, die in Kumasi lebt. Ich könnte Asante-Familien für Sie finden, die seit Jahrhunderten dort leben, aber auch Hausa-Familien, die gleichfalls seit Jahrhunderten dort ansässig sind. Es gibt in Kumasi Menschen aus sämtlichen Regionen Ghanas, die alle erdenklichen ghanaischen Sprachen sprechen.“

Das alles liest man als westlich-europäisch geprägter Leser mit größter Spannung. Wir haben in der Regel keine Ahnung von dem, was interkulturelles Miteinander seit Jahrhunderten in Afrika bedeutet, längst bevor die Begriffe „Multikulturalismus“ und „Globalisierung“ unsere westliche Diskussion bestimmten. Doch zugleich findet sich im selben Land, das ein Kumasi-Lebensgefühl kennt, nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt eine agrarisch geprägte Lebensweise, die weitgehend auf Homogenität beruht. Diese Gleichzeitigkeit von „kosmopolitischer Kontamination“ und „Nischen der Homogenität“ wird für den Autor zum Deutungsschlüssel heutiger Lebenswelten, ob in Asante oder in New Jersey.

Mehr noch: Neben interkulturellen Grenzerfahrungen gibt es in derselben ghanaischen Stadt ein interreligiöses Miteinander. In Kapitel neun setzt sich der Autor unter dem Stichwort „Gegenkosmopoliten“ mit den Fundamentalismen islamischer und christlicher Provenienz unserer Zeit auseinander. Den Osama bin Ladens der islamischen Welt stehen die Eric Rudolphs und Timothy McVeighs gegenüber. Der eine ließ während der Olympischen Spiele 1988 in Atlanta eine große Rohrbombe explodieren, der andere tötet bei einem Bombenanschlag auf das Federal Building in Oklahoma City mehr als 150 Menschen. Religiöse Hintergründe auf der einen wie auf der anderen Seite. Ein gegenkosmopolitisches Denken, das von der dualistischen Aufspaltung der Welt lebt: in Gläubige und Ungläubige, Erlöste und Unerlöste. Konkurrierende Universalien also prägen unsere Weltgesellschaft. Kosmopolitisches Denken ist keineswegs überall akzeptiert, geschweige denn gesichert. Der Kosmopolit sieht sich verneint, verlacht, verspottet. Er muss sich immer wieder argumentativ und politisch durchsetzen – gegen spalterische Radikalismen aller Art.

Gegen dieses spalterische Denken setzt Appiah noch einmal ein Gegenbild, das er seiner ghanaischen Heimat verdankt. Eines der anrührendsten Kapitel im Buch trägt die Überschrift: „Eid al-Fitr bei den Safis“. Gemeint ist das muslimische Fest, das am letzten Tag des Monats Ramadan nach Sonnenuntergang beginnt. Appiah hat es als Kind bei seinen muslimischen Vettern gefeiert und so erfahren, was die „großzügige arabische Tradition“ der „Gastfreundschaft“ an Menschlichkeit ausstrahlt. Seinen Onkel Aviv aus dem Libanon erlebt er als einen „frommen Muslim“, der außerdem auch „tolerant und freundlich“ ist. Unter den Muslimen gibt es dort – bemerkt Appiah – „sunnitische und schiitische Gemeinschaften, die wiederum in Alaviten, Ismaeliten, Zwölfer-Schiiten und Drusen unterteilt sind bei den Christen gibt es Römisch-, Armenisch- und Syrisch-Katholische, Griechisch-, Armenisch- und Syrisch-Orthodoxe, Chaldäer, Maroniten und diverse protestantische Kirchen“. Doch Onkel Awiv? Er scheint „offen für Menschen aller Glaubensrichtungen“. Das macht ihn für den Verfasser zu einem „typischen Muslim, wie man ihn in vielen Ländern und Zeiten zu finden vermag“.

Appiah schaut auf die Praxis der Menschen und prüft vom Alltag her, wozu Religion Menschen inspiriert: „Ich nehme an, wenn wir in Amerika gelebt hätten, wäre es irgendwann einmal notwendig erschienen, uns christlichen Vettern die Bedeutung des Ramadan zu erklären. Aber wir waren in Ghana, einem Land, in dem Christen, Muslime und Anhänger der traditionellen Religionen Seite an Seite lebten und die andersartigen Bräuche der Nachbarn akzeptierten, ohne sonderliche Neugier darauf zu zeigen. Tante Grace ging auch während des Ramadan jeden Sonntag in die Kirche.“ Onkel Aviv und Tante Grace: Grenzüberschreiter im Kleinen, die im Neffen Großes bewirken: den Glauben nämlich daran, dass trotz allem ein leidenschaftliches Plädoyer für Weltbürgertum heute Sinn macht.

Ohne alle Illusionen über den Zustand unserer vielfach zerrissenen Welt werden solche Kindheits-Erfahrungen nicht anekdotisch verklärt oder narzisstisch verabsolutiert, sondern, Ur-Bildern gleich, zu Leitbildern des Denkens. Wer in Verbindungen denkt, in Vernetzungen und Verknüpfungen, dem ist Kosmopolitismus keine schöne Parole, sondern ein Ansporn für Verantwortung aus der „Freundlichkeit gegenüber Fremden“. Im zehnten und letzten Kapitel wird das präzisiert, was der Verfasser „Verpflichtungen gegenüber Fremden“ nennt. Jetzt wird er politisch und ökonomisch konkret und spricht die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Probleme Afrikas offen an. Einem Zynismus wird widersprochen, der „Entwicklungshilfe“ als illusionäre Selbsttäuschung abtut. Zwei Millionen Menschen sterben jährlich an Malaria, 240.000 monatlich an AIDS, 136.000 an Diarrhoe. Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, zu ausreichender Bildung und notwendigster Krankenversorgung. Wer kosmopolitisch denkt, denkt zugleich kosmosozial. Der Leitgedanke, in den dieses „Plädoyer für Weltbürgertum“ mündet, lautet denn auch: „Eine wirklich kosmopolitische Reaktion beginnt mit dem Versuch, die Frage zu klären, warum dieses Kind stirbt. Weltbürgertum hat ebenso viel mit Intelligenz und Neugier zu tun wie mit Engagement.“

Der Kosmopolit. Philosophie des Weltbürgertums. Von Kwame Anthony Appiah. Aus dem Englischen von Michael Bischoff. C.H. Beck, München 2007.



Ähnliche Artikel