Dumm bleiben

von Verena Radkau

Frauen, wie geht's? (Ausgabe IV/2007)


„Tabu“ bezeichnet ursprünglich Dinge, die dem weltlichen Zugriff entzogen und damit „unberührbar“ sind im übertragenen Sinne dann ein gesellschaftliches Verbot. In zentralisierten Bildungssystemen können die Erziehungsministerien durchaus solche Verbote aussprechen. Dazu gehört zum Beispiel das Leugnen des Völkermords an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs. Die Bezeichnung als Genozid wird auf der politischen Ebene in der Türkei nach wie vor abgelehnt und ist dementsprechend auch nicht in den Geschichtsbüchern zu finden. Hier kann man in der Tat von einem Tabu sprechen.

In Westeuropa allerdings unterliegen Schulbücher keiner Zensur. Auch das in den deutschen Bundesländern (noch) übliche Zulassungsverfahren kann nicht als solche bezeichnet werden. Es handelt sich eher um den Versuch, bestimmte Qualitätsstandards zu wahren und sicherzustellen, dass als gesellschaftlich relevant eingestufte Themen die Schülerinnen und Schüler wirklich erreichen. Zulassungsinstanzen sind die Kultusministerien, welche die Gutachter bestellen. Diese achten auf Lehrplankonformität und die angemessene didaktische Umsetzung der Inhalte, aber auch auf Details der Gestaltung.

In die Schulbuchmärkte Ost- und Südosteuropas ist nach 1989 Bewegung gekommen. Geldspritzen der EU und der Weltbank haben zu einer Diversifizierung geführt das Schulbuch ist als Wirtschaftsfaktor erkannt. Auch hier dient staatliche Zulassung in erster Linie der Qualitätssicherung. Gesichert werden soll auch, dass früher vernachlässigte Themen, wie zum Beispiel Menschenrechte oder Genderfragen, in den Schulbüchern verankert werden.

Schulbücher entstehen in einem spezifischen gesellschaftlichen Kontext, in dem es Konsens darüber gibt, was – zumindest aus Sicht der Eliten – an künftige Generationen weitergegeben werden soll. Es kann ebenso ein „negativer“ Konsens darüber bestehen, was nicht behandelt werden darf, ohne dass überhaupt Verbote ausgesprochen werden müssten. Es gibt also eine subtile Selbstzensur der an der Produktion von Schulbüchern Beteiligten.

Die Frage, ob Schulbücher und gerade Geschichtsschulbücher instrumentalisiert werden, kann man bejahen: Sie vermitteln Selbst- und Fremdbilder, sie machen Deutungs- und Orientierungsangebote und sind damit nicht die neutrale Autoritätsinstanz, die auch Lehrer und Schüler in ihnen sehen möchten. Diese Instrumentalisierung kann sowohl selbstkritisch als auch affirmativ sein.

Einige Beispiele dazu: In Frankreich wurde der Algerienkrieg jahrzehntelang offiziell verschwiegen oder hinter euphemistischen Formulierungen versteckt. Erst 1999 bekannte sich die Nationalversammlung zu der Bezeichnung „Algerienkrieg“. Dies gab den Anstoß zu einer regen öffentlichen Debatte, die nach 2001 auch die Geschichtsbücher erreichte. Aktuelle italienische Schulbücher blenden Massenerschießungen und Giftgasattacken auf die Zivilbevölkerung während des Italienisch-Äthiopischen Krieges in den 1930er Jahren nicht mehr aus – wie das noch in den 1950er oder 1960er Jahren geschah von einer neuen Dimension kolonialer Gewalt ist in diesem Zusammenhang heute sogar die Rede.

Weitere Beispiele für Selbstzensur und ihre spätere Aufhebung bietet die Arbeit der Gemeinsamen deutsch-polnischen Schulbuchkommission, an der das Georg-Eckert-Institut in Braunschweig beteiligt ist. Zwar gelang es ihr, auch in Zeiten des Kalten Krieges 1976 offizielle „Empfehlungen“ zur zukünftigen Gestaltung von Geschichts- und Geografiebüchern sowohl auf polnischer als auch auf deutscher Seite zu publizieren, die durchaus ihren Zweck erfüllt haben. Bestimmte Themen wie „Vertreibung“ oder der „Hitler-Stalin-Pakt“ konnten jedoch zu diesem Zeitpunkt in Polen nicht beim Namen genannt werden und tauchten in polnischen Geschichtsschulbüchern bis zu den 1990er Jahren nicht auf.

Im Jugoslawien Titos wiederum wurde die Ermordung italienischer Zivilisten, zum Beispiel in Dalmatien, in Schulbuchtexten dadurch verbrämt, dass man sie zur gerechtfertigten Verteidigung gegen Faschisten umdeutete. Im heutigen Nachfolgestaat Kroatien dagegen wird die Notwendigkeit, dieses Thema in die Schulbücher zu bringen und sich so einer konfliktiven Vergangenheit zu stellen, diskutiert. Und auch in der anfangs erwähnten Türkei gibt es Bewegung. Was die Politik totschweigt, ist in der Geschichtswissenschaft und in Intellektuellenkreisen durchaus Gegenstand von Diskussionen. In absehbarer Zeit werden diese Impulse nicht mehr abgewehrt werden können und die Inhalte von Geschichtsschulbüchern verändern.

Verdrängen, Verschweigen und selbst auferlegte Verbote haben viel mit nationalen Vorstellungen zu tun und sind zählebig. Den eigenen positiven Gründungs- oder Erneuerungsmythos, das nationale Selbstbild als Sieger-, aber auch als Opfervolk infrage stellen zu müssen ist ein äußerst schmerzhaftes Unterfangen, das offensichtlich einem Tabubruch gleicht. 



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