Unabhängig durch Sex

Amir Valle

Frauen, wie geht's? (Ausgabe IV/2007)


Vor 15 Jahren brach die Prostitution verstärkt in den Alltag des Inselstaates Kuba ein. Seitdem gibt es den Jineterismo, – so der kubanische Begriff für Prostitution – sowie ein breites Netz der Korruption, das aus hunderttausenden Kubanern aller sozialen Schichten besteht. Ein Grund dafür ist die schwierige soziale und wirtschaftliche Lage, die sich bekanntlicherweise seit den 1990er Jahren mit den Veränderungen in den internationalen Machtverhältnissen (einschließlich des Wirtschaftsembargos der USA gegen Kuba) verschlimmert hat. Seitdem ist der Tourismus zur wichtigsten wirtschaftlichen Einnahmequelle der Insel geworden. Die Leichtfertigkeit internationaler Tourismusunternehmen, Kuba weiterhin als ein Land der schönen Strände, Musik und Frauen wie auch der zügellosen Unterhaltung anzupreisen, hat dazu geführt, dass Kuba immer häufiger zum Ziel von Sextourismus wird.
War die Prostitution aufgrund von Kampagnen zu Beginn der Revolution zurückgegangen, ist sie nun wieder angestiegen und die Prostituierten haben sich stetig an die neuen ökonomischen Verhältnisse auf der Insel angepasst. In den 1970er Jahren gab es nur einige wenige Prostituierte. Heute sind es um die 20.000, gut organisiert. In jeder Epoche hatten sie andere Namen: Titimaníacas (Liebhaberinnen der politischen „Bosse“ mittleren Ranges), Putishas (Jugendliche, die ihren Körper an die Tausenden von Arbeitern aus der ehemaligen Sowjetunion auf Kuba verkauften), Afroputas (Prostituierte, die sich an die mehr als zehntausend Studenten aus afrikanischen Ländern auf der Insel richteten) und eben Jineteras.
Die heutige Bezeichnung für Prostituierte geht auf eine Assoziation mit der Geschichte der Insel zurück. In den Unabhängigkeitskriegen Kubas gegen die spanische Kolonialherrschaft im 19. Jahrhundert ritten die Kubaner zu Pferd und kämpften mit Macheten, einer säbelähnlichen Waffe, gegen die spanischen Truppen, um ihre Unabhängigkeit zu erlangen. Daher heißt es im Volksmund humorvoll, dass die heutigen kubanischen Prostituierten die Touristen (von denen ein Großteil Spanier sind) „reiten“ (auf Spanisch: jinetear), um ihre ökonomische Unabhängigkeit durch den Sex zu erhalten. So kommt es zu der Bezeichnung „jinetera“ (Reiterin, Kavalleristin), welche die weibliche Form von „jinete“ ist. Allein die einfache Tatsache, dass es zu einem Spaß geworden ist, einem Mädchen zu sagen: „Wenn du groß bist, musst du Jinetera werden, damit deine Eltern wie Könige leben können”, oder dass schallend gelacht wird, wenn man ein vierjähriges Mädchen fragt, was sie einmal werden will und sie frech „Jinetera” antwortet, zeigt, wie dieses Phänomen das soziale und familiäre Leben bereits gedanklich durchdrungen hat.
Vor einigen Jahrzehnten brachte die einfache Erwähnung im Kreise der Familie, dass ein Mädchen oder eine Frau ihren Körper verkaufe, eine Rüge oder auch eine strenge Strafe mit sich. Sich zu prostituieren ist aber leider im täglichen Leben der Kubaner zu einer Möglichkeit geworden zu überleben. Und das in einer Gesellschaft, in der den Theorien des Sozialismus zufolge ein Übel wie die Prositution unvorstellbar ist. Die harte Realität zeigt die zwei schrecklichen Seiten einer schmutzigen und rostigen Medaille.

Denn das Problem lässt sich nicht verharmlosen – auch wenn die kubanische Regierung versucht, das Bild der Reinheit des kubanischen Sozialismus aufrechtzuerhalten. Die fehlende politische Objektivität einem Phänomen gegenüber, das sich in rasender Geschwindigkeit ausbreitet, sofern es nicht bereits in seinen Anfängen aufgehalten wird, ist der Grund dafür, dass in Kuba eine alarmierende Prostitutionsindustrie entstanden ist. Sie umfasst neben den Jineteras und Jineteros auch die Zuhälter und Betreiber von Bordellen, die von der Regierung verboten sind, daneben Restaurants, Travestie-Shows für Touristen, die Wohnungen der Jineteras, das Netz von Anwälten und Staatsfunktionären, die Papieren einen legalen Anstrich verleihen, um das Leben derjenigen, die sich am Geschäft mit dem Körper bereichern, rechtmäßig zu erleichtern, und die unter diesem Deckmantel für einen noch besseren Handel mit den Körpern der Frauen und Männer sorgen, die sich prostituieren. Eine Reihe weiterer Dienstleistungen tragen dazu bei, dass dieser teuflische Mechanismus funktioniert. In dieses Geschäft sind auch einige Minister verwickelt, ebenso eine Gruppe Militärs mit großem Einfluss in der Politik und Regierungsvertreter von hohem Rang, wie es die vielen (öffentlichen oder geheimen) Gerichtsverfahren und Amtsenthebungen wegen Unzucht auf Kuba in den vergangenen 15 Jahren gezeigt haben.
Es ist richtig, dass die kubanische Frau zahlreiche Alternativen zur Prostitution hat. Denn der Staat garantiert den Frauen, die heute 70 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung ausmachen, gleiche Einkommens- und Arbeitsmöglichkeiten. Aber leider reichen die Löhne noch nicht einmal, um die elementaren Bedürfnisse zum Überleben zu befriedigen. Die schlechten Arbeitsbedingungen, die niedrigen Löhne und die unzureichenden sozialen Unterstützungen haben darüber hinaus dazu geführt, dass viele kubanische Frauen von ihren realen Entfaltungsmöglichkeiten in der kubanischen Gesellschaft enttäuscht sind. Hinzu kommt, dass der kubanische Staat es leider Jahrzehnte lang vorgezogen hat, das Bild der Vollkommenheit der Revolution zu bedienen, anstatt die Existenz von Prostitution öffentlich anzuerkennen. Die Politik reagierte erst, als das Übel schon Wurzeln geschlagen und einen Großteil der Gesellschaft in Mitleidenschaft gezogen hatte. Bis heute gibt es weder eine starke offizielle Politik noch eine soziale Bewegung gegen Prostitution.

Jede wirtschaftliche Depression lässt soziales Übel – Gewalt, Kriminalität und Prostitution – aufkeimen. Doch das ist nicht der einzige Grund. Möchte man gerecht und objektiv urteilen, sollte man sich ein paar Fragen stellen: Warum prostituieren sich nicht alle Kubanerinnen, die durch geringe oder eingeschränkte Lebensqualität beeinträchtigt sind? Aus welchem Grund zieht es der größte Teil der weiblichen Bevölkerung Kubas vor zu arbeiten, anstatt sich zu prostituieren, wenn doch die häuslichen Verpflichtungen ungefähr im Alter von 22 Jahren beginnen? Wenn es stimmt, dass ein hoher Prozentsatz der kubanischen Jineteras Studentinnen sind oder über eine höhere Schulbildung verfügen, warum ist es der größere Anteil an Frauen mit Berufsausbildung, der sich nicht prostituiert?

Es verbietet sich für sie aus moralischen Gründen. Aus Gründen, die mit Würde und Selbstachtung verbunden sind, nach der – das ist nicht von der Hand zu weisen – schon immer gestrebt wurde, und die in gewisser Weise eine Errungenschaft der kubanischen Familie ist, die den eigentlichen Kern der Gesellschaft darstellt.
Was die größte Sorge bereitet, ist die offizielle Rhetorik, die diese komplexe und dunkle Angelegenheit auf zwei Wegen zu verharmlosen versucht: Erstens, indem sie die Ansicht vertritt, es beträfe nur eine vereinzelte, zahlenmäßig kleine Gruppe an Personen, und zweitens, indem sie der Meinung ist, diese Personen werden von der Gesellschaft verabscheut, abgelehnt und verurteilt.
Es ist keine vereinzelte Gruppe, soviel weiß man. Und weiterhin hat die große Mehrheit der Kubaner die Jineteras inzwischen in ihrem Kampfgeist und als Mädchen, die tatkräftig nach Lösungen suchen, akzeptiert. Man darf nicht vergessen, dass dies auf Kuba eine Art Überlebenskampf bedeutet. Die Mädchen gelten heutzutage als wichtige Persönlichkeiten, die für ihre Errungenschaften im Lebensstandard und für die Gegenden, in denen sie wohnen, sogar bewundert werden. Die Jinetera ist auf der Insel heute Synonym für eine Person, die es in ihrem Leben zu etwas gebracht hat, sie gibt ein gutes und erstrebenswertes Beispiel ab.

Aus dem Spanischen von Sarah Otter



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