Warum hassen die sich?

von Bahman Nirumand

Iraner erzählen von Iran (Ausgabe III/2014)


Seit Jahren warnt Israel vor den Gefahren einer nuklearen Bewaffnung Irans und droht, die Atomanlagen des Landes zu bombardieren. Zwar haben diese Drohungen in den letzten Monaten ein wenig nachgelassen. Aber sollten die zurzeit laufenden Verhandlungen über das iranische Atomprogramm scheitern, wäre die militärische Option wieder auf dem Tisch. Die Folgen eines Krieges wären verheerend. Dabei waren Iran und Israel jahrzehntelang eng miteinander verbunden. Sie bildeten gemeinsam die Achse Teheran–Tel Aviv, die als unverzichtbarer Bestandteil des geostrategischen Konzepts des Westens für den Nahen und Mittleren Osten galt. Israel als Brückenkopf des Westens und Iran als Gendarm am Persischen Golf sicherten während der Zeit des Kalten Krieges die reichen Energiequellen in der Region und die Grenzen zwischen der westlichen und der sowjetischen Einflusssphäre.

Iran gehörte zu den ersten Staaten, die den 1948 neu gegründeten Staat Israel anerkannten. Doch die Beziehungen zwischen Iranern und Juden gehen auf biblische Zeiten zurück. Im 6. Jahrhundert vor Christus retteten die iranischen Könige Kyros II., Darius I. und Artaxerxes I. die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft. Schon damals suchten viele Juden in Iran Zuflucht, wo sie als gleichberechtigte Bürger leben konnten. Die jüdische Gemeinde in Iran bildete bis zur Islamischen Revolution 1979 die zweitgrößte jüdische Gemeinde außerhalb Israels. Nach der Revolution verließ zwar ein größerer Teil der Juden das Land, doch es leben immer noch rund 30.000 Juden in Iran. Die jüdische Gemeinde ist in der Islamischen Republik als religiöse Minderheit anerkannt. Sie ist auch neben der christlichen Gemeinde im islamischen Parlament vertreten.

Nach der Gründung des Staates Israel wurden die Beziehungen zwischen den beiden Staaten vielfältig ausgebaut; politisch, militärisch, wirtschaftlich und kulturell. Nach dem erfolgreichen, von den USA und Großbritannien geführten Putsch von 1953 gegen den damaligen Ministerpräsidenten Mohammad Mossadegh, den einzigen Demokraten in der jüngeren Geschichte Irans, sorgten die USA gemeinsam mit Israel für den Aufbau einer Militärdiktatur unter der Führung des Schahs. Eine modern ausgerüstete, schlagkräftige Armee und ein gut organisierter Geheimdienst gewährten der Schah-Diktatur die Möglichkeit, das Land unter Kontrolle zu halten und zugleich als zuverlässiger Verbündeter des Westens dessen Interessen in der Region durchzusetzen. Zahlreiche iranische Offiziere wurden in Israel ausgebildet. 1977 wurde das gemeinsame Projekt „Flower“ zur Entwicklung von Mittelstreckenraketen für die iranische Luftwaffe in Angriff genommen.

Die Zusammenarbeit zwischen Iran und Israel bestand aber nicht nur auf militärischem Gebiet. Israel unterstützte Iran bei der Durchführung großer landwirtschaftlicher und industrieller Projekte, Iran versorgte Israel mit Öl. Zudem fand ein reger kultureller Austausch zwischen den beiden Ländern statt. Auch außenpolitisch gab es zwischen Teheran und Tel Aviv keinerlei Differenzen. Beide Staaten hatten gemeinsame strategische Interessen im Bezug auf die arabischen Nachbarstaaten, deren Feindschaft zu Israel mehrmals in militärische Auseinandersetzungen mündete. Auch Irans Beziehung zu den arabischen Staaten war mit territorialen und religiösen Konflikten sowie Rivalitäten um die Macht in der Region am Persischen Golf belastet.

Die Iranische Revolution von 1979 und die Machtübernahme durch den schiitischen Klerus setzten diesen vielfältigen Beziehungen ein Ende. Die neue Macht kündigte sämtliche Verträge mit Israel und brach die diplomatischen Beziehungen zu Tel Aviv ab, weil sie Israel als eine Besatzungsmacht betrachtete, die ungeachtet des internationalen Rechts die Palästinenser aus ihrer Heimat vertrieben hatte. Die gesamte unter der Ägide der USA konzipierte geostrategische Nah- und Mittelost-Architektur brach zusammen. Während die Islamische Republik sich von Anbeginn auf die Seite Palästinas stellte und ein Bündnis mit den radikalen arabischen Staaten beziehungsweise Organisationen anstrebte, stand Israel ziemlich isoliert da. Für den Westen machte die neue Machtkonstellation eine Neuordnung der Beziehungen zu den Staaten der Region erforderlich. Mit dem Versuch, Irak mit modernsten, auch chemischen und biologischen Waffen auszurüsten und das Land zu einem Krieg gegen den iranischen Nachbarn zu ermuntern, hoffte der Westen auf einen baldigen Sturz des herrschenden Klerus in Iran. Doch das Gegenteil wurde erreicht. Der achtjährige Krieg zwischen den beiden Golfstaaten, den Ajatollah Khomeini als Geschenk des Himmels bezeichnete, verhalf dem neuen Regime in Teheran zur Stabilisierung seiner Macht. Die Verteidigung des Vaterlandes gepaart mit der islamischen Märtyrerideologie ebnete den von den Ajatollahs angestrebten Weg zur Islamisierung der bis dahin säkularen Staatsordnung.

Auch die Entwicklung der nächsten Jahre nach dem Krieg begünstigte Irans Position in der Region. Der von den USA und ihren Verbündeten geführte Krieg gegen Afghanistan und Irak, der die beiden Iran gegenüber feindlich gesinnten Regime der Taliban und Saddam Husseins zu Fall brachte, das Erstarken der islamischen Bewegung und zuletzt der sogenannte Arabische Frühling führten zu einer enormen Steigerung der Einflussnahme Irans in den Ländern der Region. Auch die Bildung der „Widerstandsfront“ unter der Teilnahme Syriens, der libanesischen Hisbollah und der radikalen palästinensischen Gruppen erlaubten Iran, sich als eine regionale Großmacht zu fühlen.

All dies wurde in Tel Aviv mit Argwohn beobachtet und als Bedrohung empfunden. Israel genoss zwar die uneingeschränkte finanzielle, militärische und politische Unterstützung des Westens, doch ihm war es nie gelungen, sich als ein normaler Staat neben anderen Staaten des Nahen Osten zu etablieren. Offensichtlich war das auch nie das Ziel israelischer Regierungen gewesen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, dachte die israelische Führung nie ernsthaft daran, den Palästinensern einen eigenen Staat zuzugestehen. Die militärische Stärke, über die Israel dank der massiven Unterstützung aus dem Westen verfügte, erlaubte dem Staat, seine Interessen ungeachtet des internationalen Rechts mit Gewalt durchzusetzen. So wurden die von der UNO festgesetzten Grenzen weit überschritten und die Palästinenser durch Besetzungen und Siedlungsbau in die Enge getrieben. Aber Israels militärische Macht nahm mit der Entstehung des sogenannten asymmetrischen Krieges, den sich radikale Gruppen zueigen machten, allmählich ab. Dies musste Israel spätestens 2006 beim Angriff auf Libanon feststellen. Dieser Krieg, der nach 33 Tagen mit einem durch die Hisbollah erzwungenen Rückzug der israelischen Luftwaffe endete, zeigte zum ersten Mal, dass Israels Existenz trotz überragender militärischer Stärke in Gefahr geraten könnte. Der Arabische Frühling, der zu einem Machtzuwachs islamischer Bewegungen führte, die Konflikte mit der Türkei und der Aufstieg Irans zu einer regionalen Großmacht verstärkten Israels Isolation im Nahen Osten. Auch die Unterstützung des Westens ließ nach, weil erstens die Kritik gegen die Siedlungspolitik lauter wurde. Aber auch weil der Westen sich den arabischen Staaten, allen voran Saudi-Arabien annäherte, um eine Front gegen Iran aufbauen und eigene Interessen in der Region wahrnehmen zu können.

Es ist diese Entwicklung, welche die Existenz Israels bedroht, und nicht, wie Tel Aviv behauptet, eine mögliche nukleare Bewaffnung Irans. Israel verfügt über ein – auch atomares – Waffenarsenal, dessen Schlagkraft weitaus größer ist als das der iranischen Streitkräfte. Diese Militärmaschinerie würde sich bei einem Angriff, unterstützt von der Nato, in Bewegung setzen und Iran in die Schranken weisen.

Angesichts dieses ungleichen Kräfteverhältnisses ist es unvorstellbar, dass Iran solch ein abenteuerliches Risiko wagen und Israel, mit oder ohne Atombomben, militärisch angreifen würde. Ob Iran tatsächlich den Bau von Nuklearwaffen plant, ist ungewiss. Bislang sind die Vermutungen nicht bewiesen. Aber selbst wenn es so wäre, würde das Land Jahrzehnte brauchen, um jene Stärke zu erreichen, die Israel heute bereits besitzt. Wenn also Iran dem Land schaden oder es gar vernichten wollte, dann wird es dies eher durch Isolierung Israels und durch den asymmetrischen Krieg mithilfe radikaler Gruppen im Nahen Osten versuchen.

Über diese Umstände sind sich sowohl Israel als auch Iran im Klaren. Somit haben die gegenseitigen Attacken zwischen Teheran und Tel Aviv ganz andere Gründe als vorgegeben. Iran strebt nach einem größeren Einfluss in der arabischen Welt und spielt daher die Rolle des Vorreiters in der Widerstandsfront gegen Israel. Zudem haben die Islamisten bei dem Versuch, das Volk durch totale Islamisierung der Gesellschaft an sich zu binden, versagt. Das Regime hat zwar nach außen seine Macht ausbauen können, nach innen aber die eigene Basis, vor allem die Jugend, weitgehend verloren. Die Folge ist, dass es seine Macht dem eigenen Volk gegenüber nur noch unter Anwendung von massiver Gewalt und Terror behaupten kann. Die propagierte Feindschaft gegen den Westen und Israel dient somit auch als Ablenkung von dieser bedrohlichen Lage, in der sich das Regime befindet.

Demgegenüber hofft Israel mit der Behauptung, Iran gefährde seine Existenz, den ehemals uneingeschränkten Beistand des Westens wieder herstellen zu können. Zudem versucht Israel, eine Beilegung des Atomkonflikts zwischen Iran und dem Westen zu verhindern. Denn eine Lösung des Konflikts würde eine Annäherung Irans an die USA und die EU zur Folge haben und Israels Position im Nahen Osten weit mehr als bisher schwächen. Der Westen ist aber an einer solchen Annäherung in höchstem Maße interessiert. Denn abgesehen von den reichen Öl- und Gasquellen und den lukrativen Märkten, die Iran zu bieten hätte, könnte das Land zur Lösung wichtiger Konflikte im Nahen und Mittleren Osten, vor allem in Syrien, Afghanistan, Irak und Libanon einen wichtigen Beitrag leisten.

Allerdings müsste die Islamische Republik im Falle einer engen Kooperation mit dem Westen ihre seit Jahrzehnten propagierte ideologisch verbrämte Feindschaft gegen diesen, und wohl auch gegen Israel, aufgeben, was zu einem erheblichen Legitimationsverlust der herrschenden Macht im eigenen Land und in der Region führen würde.

Es ist also nicht der Atomkonflikt, der die beiden Staaten zu feindseligen Attacken veranlasst, es sind vielmehr substanzielle Probleme beider Staaten, die aus einer jahrzehntelangen Entwicklung resultieren. Sie zu lösen, setzt einen grundlegenden Wandel voraus. Die Islamische Republik müsste ihre fundamentalistische Ideologie aufgeben und die Rechte und Freiheiten der Bürger akzeptieren, um die reichhaltigen Ressourcen des Landes für Entwicklung und Wohlstand einsetzen zu können. Und Israel müsste auf die seit seiner Gründung beanspruchte Sonderstellung verzichten und als ein normaler Staat mit den Nachbarstaaten in Frieden leben. Ob die Gefahren, die die Existenz beider Regime bedrohen, sie zu solch einer radikalen Wende zwingen werden, ist mehr als fraglich.

Beide Regime ziehen es jedenfalls bislang vor, die gegenseitige Feindschaft aufrechtzuerhalten. Der israelischen Führung ist es gelungen, in der eigenen Bevölkerung die Angst vor einer möglichen atomaren Bewaffnung Irans so weit zu verbreiten, dass bei einer vor zwei Jahren durchgeführten Umfrage 65 Prozent der Befragten einem Militärschlag gegen die Atom- und Militäranlagen der Islamischen Republik zustimmten. Und in Iran werden nicht selten Massenkundgebungen veranstaltet, bei denen israelische Fahnen verbrannt werden. Dies besagt aber keineswegs, dass die propagierte Feindschaft auch zwischen beiden Völkern als Hass empfunden wird. Nicht einmal die radikalsten Islamisten in Iran bezeichnen Juden als Feinde. Ihre bekundete Feindschaft gilt immer nur der „zionistischen Besatzungsmacht“. Auch in Israel genießen die Iraner als Kulturvolk hohes Ansehen.

2012, als die Attacken zwischen Iran und Israel einen Höhepunkt erreichten, tauchte auf Facebook das Foto eines jungen Mannes mit einem Kind auf dem Arm auf. „Wir werden euer Land nie bombardieren. Wir lieben euch“, lautete seine Botschaft an die Iraner. Innerhalb weniger Stunden schlossen sich viele Israelis dem jungen Mann an. „Egal was unsere Regierung sagt, wir wollen nicht in den Krieg ziehen, das solltet ihr wissen“, hieß es. „Iran loves Israel“ schrieben Tausende Iraner zurück. Es war eine wunderbare Kampagne, die fernab aller politischen Machtkämpfe für den Frieden zwischen den Völkern warb.



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