Kurzgeschichte | Wasser

Durst, Wissen, Liebe

Drei Parabeln über das Wasser

1 Durst

Eines Tages war eine Frau zu ihm gekommen, weil sie ihm einige Male geschrieben und er nie geantwortet hatte. Sie saßen auf seinem Sofa, während sie ihn befragte.

„Warum hast du mir nicht geschrieben?“

Er blieb stumm.

„Ich bin den ganzen Weg hergekommen, um dich zu sehen.“ „Was willst du?“
„Deine Freundin sein.“
„Glaubst du, dass das möglich ist?“
„Warum sollte es nicht möglich sein?“

Er sah sie erneut an.

„Du sagst halt nichts.“ Er sah sie stumm an.

„Dein Schweigen macht einen verrückt.“ Endlich begann er zu sprechen.
„Freundschaft bedeutet mir alles. Ich kann sie nicht mehr leichtnehmen. Es ist, als vertraute man jemandem sein Herz an.“

Er hielt inne.

„Wenn ich mein Herz herausreißen und dir geben würde, damit du dich darum kümmerst, könntest du das?“

Er machte eine reißende Bewegung und reichte ihr sein Herz. Sie starrte auf seine Hand.

„So eine Frage macht einem ja Angst.“
„Ich weiß.“
„Würdest du das für mich tun?“ „Ich würde es mit meinem Leben verteidigen, wenn du meine Freundin wärest.“ „Hast du viele Freunde?“
„Nein.“
„Das kann ich gut verstehen.“

Er lächelte.

„Meine Mutter hat mir eine Geschichte über einen einsamen Prinzen erzählt. Weil er ein Prinz war, war es für ihn nicht leicht, echte Freunde zu finden. Er bat einen Weisen um Hilfe. Der Weise sagte: Finde heraus, welcher deiner Freunde nur mit seinen Händen Wasser aus dem Fluss über eine lange Strecke tragen kann, ohne es zu verschütten. Sie hat die Geschichte nicht zu Ende erzählt.“

„Was meinte sie damit?“
„Ich weiß es nicht genau.“
„Ich würde es gerne ausprobieren.“
„Wirklich? Wo?“
„Hier. Hast du einen Eimer?“
„Ja.“
„Füll ihn bis zum Rand mit Wasser und dann lass uns nach draußen gehen. Ich stelle mich an das eine Ende des Kanals und du postierst dich auf halber Strecke. Zuerst werde ich ausprobieren, ob ich dir Wasser mit bloßen Händen bringen kann. Dann versuchst du es.“

„Muss ich das?“
„Ja, es geht um deine Bedingung für eine Freundschaft. Ich will sie erfüllen.“ „Aber es ist nicht deine Bedingung, sondern meine. Du must deine eigene haben.“ „Ich bin nicht so weise wie dein Volk. Ich werde deine übernehmen.“

Er stand auf und holte Wasser in einem Eimer. Sie gingen zum Kanal hinunter.
Sie fanden eine Stelle, an der sie stehen sollte. Er lief ein gutes Stück den Kanal hinunter, bis sie ihm zuwinkte, er solle anhalten. Einen Augenblick später ging sie mit hastigen Schritten auf ihn zu. Als sie bei ihm ankam, war nur noch eine kleine Menge Wasser in ihren hohlen Händen.

„Was willst du damit?“

„Die Nachbarn bemerkten seinen tranceartigen Zustand"

„Nehmen wir an, ich würde verdursten und du hättest mir dies gebracht.“
Sie hob ihre Hände an sein Gesicht und er trank. Dann war er an der Reihe.
Als Kind hatte seine Mutter ihn gelehrt, wie man mit den Händen eine Schale bildet, damit kein Wasser entrinnt.

„Man weiß nie, wann selbst wenige Tropfen Wasser einem Menschen das Leben retten können“, hatte sie gesagt.
Er war am Wassereimer angekommen, legte seine Handflächen aneinander und schöpfte Wasser aus dem Eimer. Dann ging er auf die Frau zu. Die Welt flirrte wie eine Fata Morgana in der Wüste. Die Gebäude, die Autos und die Straße waren verschwunden. Da war nur noch die Frau, die verdurstete. Er hatte keine Eile. Seine Mutter hatte ihm geraten, in solchen Situationen Ruhe zu bewahren. Er lief mit gleichmäßigen Schritten weiter. Kein Tropfen fiel von seinen Händen. Die Nachbarn bemerkten seinen tranceartigen Zustand. Autos fuhren an ihm vorbei. Er spürte die Sonne überdeutlich. Schweiß rann ihm in die Augen, aber er kniff sie nicht zu. Dann stand er vor ihr. Sie senkte den Kopf und trank. Das Wasser schien nicht enden zu wollen. Sie trank, bis ihr Durst vollends gestillt war. Dann hielt sie inne Sie sah, dass noch Wasser in seinen Händen war.

„Bist du fertig?“

„Ja.“
Er trank den Rest.

„Wo hast du das gelernt?“
„Was?“
„Das Wasser immer weiter aus den Händen laufen zu lassen?“
„Es war dein Durst.“
„Und?“
„Es war ein großer Durst. Du hast aus dem Wenigen, das ich mitgebracht habe, ein Vielfaches gemacht.“
„Ich hatte Durst. Du hast dir Zeit gelassen. Bis du bei mir ankamst, hätte ich tot sein können.“ „Ich hätte mich beeilen und dir nichts bringen können.“
„Du hast keine Ahnung, wie heiß es war. Wie in der Wüste.“
„Kennst du die Wüste?“
„Ja“, sagte sie und sah sich um.

2 Wissen

Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Seit Wochen war über den Vortrag spekuliert worden. Noch nie hatte die Universität eine solche Persönlichkeit eingeladen, um vor der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu sprechen. Der Dekan hatte gehofft, eine derartige Person könne in diesen atheistischen Zeiten eine nützliche Debatte über den Stand des Wissens in der Welt anstoßen.

Bei ihrem Erscheinen war der Dekan überrascht, dass sie jünger war, als sie auf den ersten Blick schien. Sie sah wirklich beunruhigend jung aus. Was, wenn ihr Vortrag eine absolute Katastrophe würde? Er würde wie ein Narr dastehen und möglicherweise seinen Posten verlieren. Doch der Moment war gekommen. Er hielt seine einführenden Worte so unverbindlich wie möglich und verließ fluchtartig das Podium. Im Vorfeld hatte sie nur eine einzige Bitte geäußert. Sie wollte kein Rednerpult. Sie wollte nur eine Schale mit Wasser und ein Glas auf einem Tisch.

Sie trat einen Schritt nach vorn und ließ ihren Blick über die Menschen im Saal schweifen. Die Verachtung stand vielen offen ins Gesicht geschrieben. Zweifel und sogar unverhohlener Spott lagen in der Luft. Sie lächelte.

„Können mich alle gut sehen?“, fragte sie.
Jemand lachte höhnisch. Ansonsten ging ein dumpfes Gemurmel der Zustimmung durch den Saal. „Gut“, sagte sie. „Dann können Sie sich hinterher nicht beschweren.“
Sie hielt die Schale mit Wasser hoch, als wolle sie ein Wunder vollbringen. Dann goss sie Wasser aus der Schale in das erhobene Glas. Sie füllte das Glas. Das Wasser schoss aus der Schale wie aus einem sprudelnden Hahn. Das Wasser schien kein Ende zu nehmen. Es lief aus dem Glas auf den Tisch und tropfte auf den Boden. Bald bedeckte das Wasser den gesamten Boden. Noch immer sagte niemand ein Wort. Zuerst amüsierte sich das Publikum über die offenkundige Dummheit, dann schaute es ihr mit Verwunderung und schließlich voller Sorge zu. Das Wasser stieg und kroch immer weiter die Wandverkleidung hinauf. In Bodennähe gab es mehrere Steckdosen. Unbekümmert goss sie weiter.

„Welches Wasser?“, fragte sie. „Welches Verschütten?“

Ein Wissenschaftler aus dem Fachbereich Philosophie konnte es schließlich nicht mehr ertragen. „Um Gottes willen!“, rief er. „Sehen Sie nicht, dass Sie das ganze Wasser verschütten?“

In diesem Moment hielt die Frau inne. Irgendetwas in der Luft klärte sich.
„Welches Wasser?“, fragte sie. „Welches Verschütten?“

Der Boden zu ihren Füßen war trocken. Sie stellte die Schüssel ab und trank das Wasser aus dem vollen Glas. Sie starrte in den Saal, der mit den klügsten Köpfen der wissenschaftlichen Welt besetzt war. Unverständnis und kaum verhüllte Verwunderung standen ihnen ins Gesicht geschrieben.

Sie verneigte sich und verließ das Podium. Donnernder Applaus brandete hinter ihr auf.
Sie ging zur Tür hinaus, verließ die Universität und kehrte nie wieder zurück.
Der Dekan, der sie eingeladen hatte, wurde Leiter des Colleges und zwei Jahre später für seine Verdienste um die Bildung zum Ritter geschlagen.

3 Liebe

Als Kind sprach ich immer mit dem Fluss in meiner Heimatstadt. „Wie geht es dir?“, fragte ich einmal.
„Nicht so gut.“
„Warum nicht?“

„Es gab einmal eine Zeit, in der dein Volk mich wie eine Göttin verehrte. Damals war mein Wasser sauber und rein und die Kinder liebten es, in mir zu spielen, und schöne junge Mädchen kamen, um Wasser zu holen. Die Stadt besang mich in Liedern und feierte mich jedes Jahr. Damals war ich ein großer Fluss.“ „Was ist passiert? Jetzt bist du wirklich ein Rinnsal.“
„Die Fabriken leiteten Schadstoffe in mich ein. Ich wurde träge und die Meerjungfrauen kamen nicht mehr, um an meinen Ufern zu spielen. Die Stadt hörte auf, mich in ihren Liedern zu besingen. Dann vergaßen sie mich völlig.“

„Ich nicht. Du bist immer noch meine Freundin.“

„Deshalb bin ich noch da. Aber ich ziehe fort. Ich habe meinen Weggang nur hinausgezögert, weil ich darauf gewartet habe, dass du erwachsen wirst.“

„Wohin gehst du?“
„Ist das wichtig? Wenn man einmal eine Göttin war, will man keine Pfütze werden, wie ich es bin.“ „Aber ich werde dich vermissen.“
„Wenn du an deine Kindheit in dieser vergesslichen Stadt denkst, wirst du dich zumindest immer an mich erinnern, als ich noch ein echter Fluss war. Ich will fortziehen, solange diese Erinnerung einer Person noch frisch im Gedächtnis ist.“

„Das tut mir wirklich leid. Sag mir, wohin du gehst, damit ich dich dort besuchen kann.“

„Der Fluss schwieg eine Weile"

„Ich werde frei sein. Wenn etwas da ist, erachten die Menschen es für selbstverständlich. Doch sie respektieren Dinge, die nicht mehr da sind. Sie schaffen Religionen rund um sie. Wenn dein Volk etwas als gegeben voraussetzt, richtet es Schreckliches an.“     

„Was zum Beispiel?“

„Es leitet seine Abwässer darin ein. Das nennt es dann Wertschätzung. Es ist besser für dein Volk, wenn die Dinge nicht mehr da sind.“

„Gehst du deswegen fort, weil du nicht richtig gewürdigt wirst? Wenn das so ist, könnte ich ...“

„Dinge bestehen nur fort, weil sie geliebt werden. Gleichgültigkeit kann ich nicht ertragen. Sie ist die Ursache all meines Leids, all des Giftmülls, der in mich gekippt wurde. Niemand hasst mich. Es ist ihnen einfach egal.“

Der Fluss schwieg eine Weile.

„Du siehst mich zum letzten Mal. Unsere Schicksale sind miteinander verbunden. Wenn ich fort bin, wirst du nie mehr zurückkehren.“

„Wieso nicht?“

„Eines Tages werden deine Eltern sterben. Was bleibt dann? Nur das Gefühl, dass sich hier niemand für dich interessiert. Ich bin die Einzige, die dich wiegen könnte, wie ich es tat, als du klein warst. Wenn ich verschwinde, wird diese Stadt sterben.“

Das war das letzte Mal, dass ich die Stimme des Flusses hörte. Ich wurde erwachsen und bereiste die Welt. Als ich das letzte Mal zurückkam, war der Fluss verschwunden. Die Stadt war geschrumpft.

Ich suche diesen Fluss noch immer, wohin ich auch gehe.

Aus dem Englischen von Claudia Kotte