»Sich selbst mächtig fühlen«

Parichehr Scharifi, Ausgabe III/2019, Nonstop



Ein Gespräch über Menschen im Straßenverkehr mit der Verkehrspsychologin Parichehr Scharifi

Frau Scharifi, worum geht es in der Verkehrspsychologie?
Die Geschichte der Verkehrspsychologie begann im frühen 19. Jahrhundert, als die erste Straßenbahn entwickelt wurde. Ein Lokführer damals trank gerne einen über den Durst. Man musste sich überlegen, wie man ihn davon überzeugen konnte, sein Verhalten zu ändern. Er musste einsehen, dass sein Verhalten auch die Passagiere gefährdete.

Spielt heute immer noch vor allem Alkohol eine Rolle?
In Deutschland ist Alkohol tatsächlich das schwerwiegendste Thema. Manche Klienten kommen auch zum Punkteabbau. Es geht aber immer um das eigene Verhalten: Wer wiederholt gegen Regeln verstößt, dem wird eine Therapie ans Herz gelegt.

Eigentlich weiß ja jeder, dass man sich an Verkehrsregeln halten sollte. Warum werden sie so oft gebrochen?
Wo die Kontrolle fehlt, da bekommen Gewohnheit und Bequemlichkeit eine große Macht. In Deutschland wird nur ein Verkehrssünder von 10.000 erwischt. Darum denken viele: Mir passiert schon nichts, ich schreibe nur schnell eine SMS. Dabei sind neunzig Prozent aller Verkehrsunfälle auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen. Natürlich müssen die Technik und die Verkehrsplanung funktionieren. Doch selbst, wenn diese beiden Aspekte perfekt sind, ist das größte Sicherheitsrisiko immer noch der Mensch.

Dennoch haben viele Menschen vor allem Angst vor ­­technischem Versagen im Flugverkehr oder vor neuen Technologien wie dem selbst fahrenden Auto ...

Es ist immer die gleiche Dynamik: Das, was man nicht kennt, macht Angst. Die moderne Technik bietet eigentlich viel mehr Sicherheit als je zuvor. Doch Technik kann man nie bis zum letzten Punkt kontrollieren. Wenn ich als Mensch einen Fehler mache, ist es nur allzu menschlich, dass ich ihn lieber auf die Technik schiebe. Die meisten ernsten Verkehrssünden geschehen nicht einfach so, sondern sind Symptome anderer Probleme. Aufs Gaspedal zu treten bedeutet für viele Raser einfach Stressabbau.

Warum ist es ausgerechnet der Straßenverkehr, in dem so viele Menschen unverhältnismäßig aggressiv reagieren?
Hintergrund von Aggression ist immer Frustration, zum Beispiel wegen Machtlosigkeit in anderen Lebensbereichen. Diese extremen negativen Gefühle müssen irgendwo rausgelassen werden. Und wo geht es einfacher als im eigenen Auto. Dort fühlen sich viele Menschen unantastbar. Man ist abgeriegelt und kann hemmungslos schimpfen. Das hilft. Und man glaubt, die absolute Kontrolle über das Fahrzeug zu haben. Man kann es als Waffe einsetzen, jemanden bedrohen: durch nahes Auffahren oder aggressives Hupen.

Und dieses Verhalten soll die Frustration ausgleichen?

Genau. Das Gefühl, bedrohlich zu erscheinen, kann entlastend wirken. Wenn ich mich selbst mächtig fühle, lässt mich das für einen kurzen Moment vergessen, dass ich mich sonst als machtlos wahrnehme. Allerdings ist das natürlich keine nachhaltige Lösung für Probleme.

Kann Straßenverkehr auch psychische Probleme ­auslösen?

Natürlich. Gerade in den Städten nimmt der Verkehr zu, was sehr stressen kann. Ich selbst komme aus Teheran, einer Großstadt mit wahnsinnigen Staus und ganz schrecklichen Statistiken zu Verkehrstoten. Als ich realisiert habe, dass ganz viel, was mit Verkehrssicherheit zu tun hat, durch Verhaltensänderungen erreicht werden kann, war das ein wahrer Erkenntnismoment für mich. Das Problem ist, dass viele nicht wissen, wie sie mit dem Stress umgehen sollen. Stress kann man nicht einfach wegschnipsen, man muss ihn abbauen, lernen, damit umzugehen. Ein ganz einfaches Beispiel ist das Zeitmanagement, also dass man sich für alle Wege einen gewissen Puffer einrechnet. Oft sind es wirklich naheliegende Dinge, die Wunder wirken.

Das Interview führte Gundula Haage

 

 

 

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