Zum Anbeten: Frauen in den Weltreligionen

Nicole Graaf, Ausgabe IV/2007, Frauen, wie geht's?



Buddhismus: Yeshe Tsogyal

In einer patriarchalen Gesellschaftsordnung entstanden, finden sich in der Geschichte des Buddhismus nicht viele Frauen, die es zu Rang und Namen als Gelehrte oder Heilige gebracht haben. Eine dieser Ausnahmeerscheinungen aus den tibetischen Traditionen des Dharma ist Yeshe Tsogyal, die im 8. Jahrhundert in Zentraltibet lebte. Schon bei ihrer Geburt geschah Wundersames: Die Erde bebte und ein See in der Nähe schwoll an. Mehrere Male verweigerte sie sich einer arrangierten Ehe, um den Weg als buddhistische Nonne zu wählen. Als ein Heiratsanwärter sie entführte, konnte sie mithilfe spiritueller Kräfte fliehen. Schließlich wurde sie eine der Königinnen am Hof des Herrschers Trisong Detsen. Er erkannte ihr spirituelles Potenzial und gab sie zu Padmasambhava, einem heute noch in Tibet verehrten indischen Guru, der den Buddhismus in Tibet lehrte. Tsogyal wurde seine Schülerin und Gefährtin und erhielt seine höchsten Unterweisungen. Der Guru und seine Gefährtin stehen für die Vereinigung des weiblichen und des männlichen Prinzips und damit für die Überwindung weltlicher Dualismen, die den Weg zur Erleuchtung behindern. Nachdem sie die höchste spirituelle Verwirklichung erlangt hatte, scharte Tsogyal unzählige Schüler um sich und etablierte Klöster und Meditationszentren. Als Padmasambhava ins Nirwana eingegangen war, gab sie seine Lehren weiter und festigte den Buddhismus in Tibet. Im ganzen Land versteckte sie Terma, geheime Schätze, welche die Lehren des Guru enthielten. Jeder von ihnen wird irgendwann wiederentdeckt und der Gemeinschaft der Buddhisten zugänglich gemacht. So kann die Lehre ständig erneuert werden. Damit spielte Tsogyal eine entscheidende Rolle in der Verbreitung des Dharma in Tibet.
Heute sind Frauen im tibetischen Buddhismus den Männern immer noch nicht gleichgestellt. Sie gelten als unrein und minderwertig, und es heißt, Frauen könnten keine Erleuchtung erlangen. Auch Tsogyal stieß als Frau auf Hindernisse und Argwohn: sie musste sich einer Heirat erwehren, wurde beschuldigt, den König zu verhexen, sie wurde vergewaltigt und ausgeraubt. Doch sie verwandelte das Unheil in etwas Positives. Indem sie diese Grundtugend des Buddhismus zur Perfektion brachte, erlangte sie selbst Erleuchtung und führte sogar ihre Feinde auf den Pfad dorthin.

 

Ähnliche Artikel

Der Marsch durch die Institutionen

Ausgabe I/2007, Was vom Krieg übrig bleibt, Shin Heisoo

Wie die „Trostfrauen“ um ihr Recht auf Anerkennung und Entschädigung kämpfen
 

mehr


Die erfolgreichsten Romanschriftsteller Frankreichs 2012

Ausgabe II/2013, Was machst du? Wie Menschen weltweit arbeiten

1 Guillaume Musso
1.710.500 verkaufte Bücher
Bekanntester Roman: "Et après?" ("Ein Engel im Winter")

2 Marc Levy
1.433.000
"Et si c'était vrai..." ("Solange du ... mehr


Freiwillige vor!

Ausgabe II/2007, Unterwegs. Wie wir reisen, Pekka Mustonen

Weil Menschen helfen wollen, boomt eine neue Form des sanften Tourismus: der Freiwilligendienst

mehr


„Sie sehen gar nicht wie eine Feministin aus“

Ausgabe IV/2007, Frauen, wie geht's?, Jessica Valenti

Die amerikanische Autorin Jessica Valenti über alte Rollenbilder, junge Frauen und die Frage, ob Emanzen besseren Sex haben

mehr


Der Mini-Koran

Ausgabe I/2007, Was vom Krieg übrig bleibt, Ariane Sadjed

Im Iran werden religiöse Devotionalien zunehmend kommerzialisiert

mehr


Die Vermessung der Welt

Ausgabe II/2008, Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert, Annette Hornbacher

Die Menschen haben versucht, die Natur rein rational zu begreifen. Auch das hat zur ökologischen Krise geführt

mehr