Wenig Worte machen

Outi Tuomi-Nikula, Ausgabe I/2008, Ganz oben. Die nordischen Länder



Finnen schweigen gern. Damit haben nur andere ein Problem

Ein guter Europäer muss gesprächig sein wie ein Finne, behauptet die Postkarte „The perfect European“ von J.N. Hughes, auf der er im Jahr 1988 auf humorvolle Weise stereotype nationale Eigenschaften der damals 15 EU-Mitgliedsstaaten darstellte. Auf der Postkarte wird ein finnisches Pärchen abgebildet, das mit säuerlichem Gesichtsausdruck und Pflastern über dem Mund in einem Restaurant sitzt. Dargestellt wird das Klischee vom Finnen, der den Mund nicht aufbekommt und anders als die Kontinentaleuropäer nicht in der Lage ist, sich ungezwungen zu unterhalten oder seine Gefühle zu zeigen. Den finnischen Grundcharakter beschreiben auch andere Attribute wie mürrisch, naturverbunden, introvertiert, bescheiden, dem Schnaps zugetan, aber freundlich und auf jeden Fall grundanständig. Dies zumindest ergab eine Umfrage unter Studenten der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock im Frühjahr 2007. Als die Studierenden außerdem nach Namen von bekannten Finnen befragt wurden, nannten sie nicht etwa die Präsidentin Tarja Halonen, die Komponisten Jean Sibelius und Eino Juhani Rautavaara oder den Architekten Alvar Aalto. Erwähnt wurden dagegen die Rockband Apocalyptica, deren Solist Eicca Toppinen sowie Ville Valo und Lordi, der Sieger des Eurovision-Liederwettbewerbs 2006. Am häufigsten genannt wurden aber der Formel-Eins-Fahrer Mika Häkkinen, der als bescheiden und sympathisch bezeichnet wurde, und der Filmregisseur Aki Kaurismäki, dessen Figuren ihre Gefühle ausdrücken, ohne ein einziges Wort zu sagen.

 Die Finnen nehmen solche Darstellungen von sich mit stoischer Ruhe und leichter Erheiterung auf, denn das Bild vom wortkargen und schweigsamen Finnen verbreiten nicht nur andere, sondern auch die Betroffenen selbst. So zum Beispiel auch Studenten der Europäischen Ethnologie an der Universität Turku, die der Liste der finnischen Charakteristika außerdem noch mangelndes Selbstwertgefühl hinzufügten. Ihrer Meinung nach verträgt es sich sehr schlecht mit der finnischen Mentalität, Lob anzunehmen, sich in den Vordergrund zu spielen, sich mit seinen Verdiensten zu brüsten oder sich über sich selbst lustig zu machen. Auf dieses Verhalten passt deswegen sehr gut der Ausdruck „Untertreibung”, das dem englischen „understatement” entspricht. Untertreibung wird dabei besonders in Bezug auf das eigene Aussehen und die eigenen Fähigkeiten angewendet. Bezeichnend sind hier Aussagen wie „Ich spreche doch nur vier Sprachen!” oder die Reaktion einer finnischen Frau, deren Freundin ihren neuen, gut sitzenden Mantel bewundert. Eine Kontinentaleuropäerin würde sich in einem solchen Fall geschmeichelt fühlen und für das Kompliment danken. Die Finnin dagegen erklärt, dass sie den Mantel im Ausverkauf für einen Spottpreis erworben habe, und setzt damit dessen Wert herab. Die Studenten fanden auch, dass es den Finnen Schwierigkeiten bereitet, ihre Gefühle auszudrücken. Das Verschicken von SMS ist für sie zu einem wichtigen Mittel zum Ausdruck von Gefühlen geworden, bei dem man seinem Kommunikationspartner nicht persönlich gegenüberstehen muss. Die Finnen schreiben genauso viele SMS wie die Japaner, und es ist sicher kein Zufall, dass die SMS gerade in Finnland erfunden wurde und hier ihren Durchbruch erlebte. Die oben erwähnten Eigenschaften sind den Finnen vertraut, denn sie sind längst Teil des kollektiven Selbstbildes geworden. Die Gründe dafür sucht man in der finnischen Natur, der langen Dunkelperiode im Winter, dem rauen Klima und der geringen Bevölkerungsdichte, welche die Menschen nicht gerade dazu zwingt, ihre kommunikativen Fähigkeiten zu entwickeln. Auch die protestantische Ethik erzieht mit ihren Wertvorstellungen zu Demut und Bescheidenheit und untergräbt das Selbstwertgefühl. All diese Faktoren haben einzeln und in ihrem Zusammenspiel eine Art der Kommunikation entstehen lassen, die für Außenstehende manchmal schwer zu deuten ist. Vor einigen Wochen machte ein kurzer Artikel in der größten finnischen Tageszeitung Helsingin Sanomat diese mangelnde Expressivität und schwere Interpretierbarkeit zum Thema. Dem Text wurden zur Veranschaulichung drei absolut identische Zeichnungen hinzugefügt, die einen Mann mit völlig ausdruckslosem Gesicht und schlaff neben dem Körper hängenden Armen zeigen. Sie sollten einen verliebten, einen hungrigen und einen vor Wut fast platzenden Finnen darstellen. Spätestens seit dem Jahr 1870 vererbt sich in der finnischen Literatur, dem Film und der Dichtung das simplifizierte, starre Bild des wortkargen Waldmenschen von einer Generation auf die andere weiter. Damals erschien der Entwicklungsroman „Die sieben Brüder“ („Seitsemän veljestä“) des ersten finnischsprachigen Romandichters Aleksis Kivi. Denselben Grundtyp, den die Hauptfigur des Romans Juhani oder Jukolas Jussi verkörpert, stellte auch der Historiker und von den finnischen Kindern geliebte Märchenonkel Zacharias Topelius 1875 in seinem Werk „Das Buch von unserem Land“ („Boken om vårt land“) dar: einen schweigsamen, verantwortungsvollen, prinzipientreuen und als grundehrlich charakterisierten Südfinnen aus der Region Häme. Dieses Buch gehörte in seiner finnischsprachigen Ausgabe jahrzehntelang zum Lesekanon der Volksschule und stand bei fast jeder finnischen Familie im Bücherregal auf dem Ehrenplatz gleich neben der Bibel. Unter dem Einfluss von Topelius zeichnete zehn Jahre später der schwedische Volkskundler Gustaf Retzius in seinem deutschsprachigen Buch „Finnland”, in dem er die finnische Kultur und das finnische Volk aus volkskundlicher Sicht beschrieb, ein stark reduziertes Bild der Finnen. Dieses Werk war lange die Grundlage des Finnlandwissens in Deutschland.An Vorbildern aus der neueren Literatur ist Väinö Linnas „Unbekannter Soldat“ („Tuntematon Sotilas“, 1954) an Bedeutung unübertroffen. Dieses Buch ist in Finnland das meistverkaufte nach der Bibel. Seine Verfilmung wird jedes Jahr am Unabhängigkeitstag, dem 6. Dezember, im Fernsehen gezeigt. Mit dem Vorbild der zentralen Figur des Buches, Leutnant Vilho Koskela, identifiziert sich jeder finnische Mann. Koskela ist ein außerordentlich guter Soldat und eine allseits respektierte Führerfigur. Er ist gerecht, rechtschaffen und erträgt keine Liebedienerei. Seine eigenen Leistungen spielt er immer herunter, außer, wenn er betrunken ist. Unter anderem aus diesen literarischen Vorbildern hat das stereotype Finnenbild dann seinen Weg in Reiseführer, Touristeninformationen und Literatur gefunden. Vor allem durch Filme geben die schweigsamen, bescheidenen Kaurismäki-Figuren mit ihrem Glauben an das Gute das Finnenbild an die heutige Jugend weiter.

 Wie passt aber dieses Bild zu der Hightech- und Pisa-Sieger-Nation, als die man Finnland heute kennt? Wie lässt es sich mit einer globalisierten Welt vereinbaren, in der gute kommunikative Fähigkeiten die Grundlage jeglichen Handelns sind? Wird das finnische Understatement nicht zum Hindernis in einem Europa des gnadenlosen Wettbewerbs, in dem immer die im Vorteil sind, die am besten Werbung für sich machen? Man könnte sich vorstellen, dass das beschriebene Finnenbild eher als Stigma empfunden wird, gegen das sich die finnischen Männer in geschlossener Front auflehnen. Die Männer deswegen, weil die meisten Eigenschaften als maskulin gelten und nur in Ausnahmefällen den finnischen Frauen zugeschrieben werden. Von einem Aufstand ist aber nichts zu spüren, im Gegenteil: Das Bild des schweigsamen Finnen lebt und gedeiht. Man könnte sich fragen, ob das finnische mürrische Wesen tatsächlich existiert oder nur ein Mythos ist, das die Finnen selbst absichtlich aufrechterhalten und nähren – als finnische Exotik und Unterscheidungsmerkmal gegenüber den anderen Europäern.Ausländer, die mit Finnen zusammenarbeiten, empfinden den Ausdruck „Understatement“ als sehr passend. Dabei wird „Understatement“­ oft als eine von den Gewohnheiten der Deut­schen und anderer­ Kontinentaleuropäer abweichende Art der Kommunikation in internationalen Zusammenhängen verstanden. Typisch für die finnische Art zu kommunizieren ist unter anderem der Verzicht auf Small Talk, das gute Ertragen von Stille, langsames Sprechen und lange Sprechpausen, sparsame Mimik und Gestik sowie das Vermeiden von starken Gefühlsausdrücken. Der Gesprächspartner wird nicht unterbrochen. Das eigene Anliegen wird in einem gut begründeten und vorbereiteten Monolog vorgebracht. Dieses Kommunikationsmodell ist dem der Japaner sehr nahe, weswegen Finnen und Asiaten in der Kommunikation wenig Schwierigkeiten haben. Dies ist für die finnische Wirtschaft ein unschätzbares Potenzial. Zudem ist für die finnische Kommunikation die Kraft des gesprochenen Wortes bestimmend. Das Gesagte ist konkret und real. Dies bedeutet, praktisch gesehen, eine Zuverlässigkeit, die viele internationale Studien einstimmig für die wichtigste und bekannteste Eigenschaft finnischer Geschäftspartner halten. Zuverlässigkeit ist eine gute Grundlage für den Handel. Unter diesen Umständen stört es nicht, wenn der Verhandlungspartner sich nicht nach dem Befinden von Frau und Kindern erkundigt und keine Zeit auf das Verwenden leerer Phrasen verschwendet. Es ist nicht zu leugnen, dass die finnische Understatement-Mentalität auch ihre Probleme hat. Warum nämlich weiß die Welt von den finnischen Errungenschaften in Technologie, Wissenschaft, Kunst und Bildung so wenig? Als Beispiel dient hier eine Umfrage zum Wissen der Amerikaner über und zu ihrer Einstellung zu Finnland, welche die finnische Botschaft in den USA 2001 beim Roper Starch Worldwide Institut in Auftrag gab. Die Ergebnisse der als Telefonumfrage durchgeführten Studie sind keine angenehme Lektüre. In Bezug auf das Wunderkind der finnischen Technologieentwicklung, den Handyhersteller Nokia, zeigte sie, dass nur drei Prozent der Amerikaner dieses mit Finnland verbinden, 63 Prozent hielten die Firma für japanisch. Nur ein Prozent der Amerikaner assoziiert das Betriebssystem Linux mit Finnland. Auch die Sauna als finnisches Produkt war nur wenigen ein Begriff, ganz zu schweigen von Xylitol-Kaugummis gegen Löcher in den Zähnen oder der cholesterinsenkenden Benecol-Margarine. Der Weihnachtsmann wurde in Grönland lokalisiert, und der Großteil der Befragten hatte noch nie etwas von Marimekko-Stoffen oder Iittala-Glas gehört. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine von der Finnischen Zentrale für Tourismus im Jahr 2003 durchgeführte Untersuchung, deren Fragen 2.000 Teilnehmer aus sieben europäischen Ländern beantworteten. Obwohl viele Finnland wegen seiner hoch entwickelten Hightechindustrie und der guten Ergebnisse in der Pisa-Studie kannten, landete die bekannteste finnische Produktmarke Nokia erst auf den Plätzen zehn bis 20 der Liste der am häufigsten erwähnten Begriffe. Für die weitestgehend unbekannte Herkunft dieser Produkte im Ausland kann man die geographische Lage am äußersten Rand Europas und das geringe Interesse anderer Länder an Finnland vor dessen EU-Beitritt verantwortlich machen. Es gibt aber auch andere Gründe. Fraglich ist, ob die Finnen selbst wollen, dass Nokia und andere Spitzenprodukte als finnisch wahrgenommen werden. Das zeigt sich auch in Werbekampagnen von Nokia, die eher auf Internationalität als auf finnisches Know-how anspielen. Man kann diese Tatsache aber auch vom Blickwinkel der Understatement-Mentalität aus verstehen. Dann erscheint auch sie als Beispiel für das Herabsetzen eigener Verdienste, für Bescheidenheit und mangelnden Glauben daran, dass Finnland als Hightechland ein positives Image besäße und somit „Made in Finland“ schon an sich ein Verkaufsargument sein könnte. Ein weiser Mensch hat auch einmal behauptet, das Grundproblem der Finnen sei, dass „sie sich zwar selbst sehr genau bewusst sind, in vieler Hinsicht Weltspitze zu sein, aber stark bezweifeln, dass auch der Rest der Welt das weiß“. Der wortkarge, aber freundliche und zuverlässige Waldmensch wird weder in Finnland noch anderswo als besonders negatives Stereotyp empfunden. Man macht ihn sogar auf verschiedene Weise produktiv. In der finnischen Fernsehwerbung tritt der Typus beinahe täglich auf, und er ist im finnischen Film eine ähnlich zentrale Figur wie der lustige Kerl im Western. In Deutschland ließ die Deutsche Bahn AG in einer Werbekampagne aus den Jahren 1997 und 1998 den schweigsamen Finnen sogar ihre Verlässlichkeit verkörpern. In dem TV-Werbespot tritt ein Ruhe ausstrahlender Tankstellenbesitzer in Pelzmütze auf, der den Figuren von Kaurismäki zum Verwechseln ähnelt. Er steht inmitten einer öden Landschaft vor einer Tankstelle aus den 1950er-Jahren und spricht, den Blick auf den Zuschauer gerichtet, nur einen einzigen Satz (der auch noch grammatikalisch falsch ist): „Hyväksymme myös BahnCard“ (in etwa: „Wir nehmen auch das BahnCard“). Assoziiert werden hier die finnische Zuverlässigkeit, Exotik und die schwierige Sprache.

 Die Finnen selbst verstehen es sehr gut, sich über ihre typischen Eigenschaften lustig zu machen. Sie profilieren sich auch selbst nach wie vor über diese alten und zum Großteil schon abgelebten Klischees, obwohl sie sehr gut wissen, dass es neben dem wortkargen und sich selbst herabsetzenden Finnen schon lange einen anderen Typ gibt: finnische Frauen und Männer, die in internationalen Arbeitsfeldern nicht nur große Professionalität, sondern auch außerordentliche Sprachgewandtheit und tadellose soziale Umgangsformen an den Tag legen. Das Klischee vom bescheidenen Schweiger lebt weiter, weil es wirksam ist und Vorteile mit sich bringt. Ein Beispiel hierfür ist der finnische Formel-Eins-Weltmeister Kimi Räikkönen: Er hat sein Image als „Mann aus Eis“ zu einem Markenzeichen ausgebaut und damit seine mangelnden sozialen Fähigkeiten zur Tugend erhoben. Und das scheint gut zu funktionieren.

Aus dem Finnischen von Friederike Saari

 

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