„Wir Isländer sind ich-bezogen“

Sjón, Ausgabe I/2008, Ganz oben. Die nordischen Länder



Ein Interview mit dem Autor Sjón über seine kleine Heimat und die große Welt

Island hat 300.000 Einwohner, die Zahl der Auswanderer steigt, doch kehren früher oder später fast alle wieder in ihre Heimat zurück. Warum?
 Natürlich gehen wir erst mal alle weg. Es ist ein wesentlicher Teil der isländischen Mentalität, ins Ausland zu gehen, um dort zu studieren, zu arbeiten und Erfahrungen zu sammeln. Wir sind fest davon überzeugt, dass es wichtig ist, in die Welt hinauszugehen. Trotzdem bekommen wir Heimweh. In einer kleinen Gesellschaft aufzuwachsen gibt einem nicht nur ein Gefühl von Sicherheit, sondern macht es einem auch leicht aufzufallen. Ich kenne allerdings auch viele Leute, die heimkehren, weil sie Kinder bekommen. Der zur Verfügung stehende Entdeckungsradius für Kinder ist schlichtweg größer als in London, wo der Nachwuchs weder auf der Straße noch im Garten unbeaufsichtigt spielen kann. 
 
Wohin zieht es Isländer besonders?
 Geschichtlich gesehen, ist Kopenhagen der erste Stopp für jeden Isländer. Da es für lange Zeit unsere Hauptstadt war, ist es bis heute meist die erste ausländische Stadt, die ein Isländer zu Gesicht bekommt. Weil wir Dänisch in der Schule lernen, ist es für uns leicht, in Dänemark zurechtzukommen. London ist ebenfalls seit Langem eine bedeutende Haltestelle für uns. Berlin steigt in der Beliebtheitsskala stetig nach oben. Dabei spielen die niedrigen Kosten eine weniger wichtige Rolle als die kulturelle Nähe.
 
Deutschland ist Island ähnlich?
 Ja. Da Island 600 Jahre lang unter dänischer Krone stand, ist ein Großteil unserer kulturellen Vergangenheit durch deutsches Gedankengut geprägt, das über Kopenhagen nach Island gelangte. Deutschland – Island ist somit bereits seit Langem eine durchaus gängige Route.
 

Nicht nur die Anzahl der Emigranten steigt in Island, auch die Zahl der Immigranten hat sich in den letzten zehn Jahren verfünffacht. Wie geht die isländische Gesellschaft mit der Zuwanderung um?
 Unsere Gesellschaft verhält sich bis zum heutigen Tag äußerst tolerant. Es ist aber offensichtlich, dass die Regierung auf diese Entwicklungen nicht vorbereitet war. Die Zuwanderung geht weitaus schneller vonstatten, als eine nötige Infrastruktur aufgebaut werden kann. Bei den Wahlen im letzten Frühjahr gab es eine Partei, die darauf hinwies, dass die zunehmende Einwanderung negative Folgen mit sich brächte, und obwohl die Umfragewerte der Partei kurzzeitig stiegen, ließ die darauf folgende Diskussion diese Stimmen vollständig verstummen. Dies verdeutlicht die klare Einstellung der Isländer gegenüber Immigranten. Das starke wirtschaftliche Wachstum der letzten Jahre kann nur mit ihrer Hilfe fortgesetzt werden.
 
Wie offen ist man für neue kulturelle Einflüsse?
 Aufgrund unserer geringen Einwohnerzahl sind wir unweigerlich auf kulturelle Einflüsse von außen angewiesen, um Stagnation zu vermeiden. Andererseits waren wir schon immer gut darin, neue Ideen und neue Denkrichtungen mit in die Heimat zurückzubringen. 
 
Wie fühlen sich die Isländer heute? Immer noch abgeschottet von der Welt oder als Teil des globalen Netzwerks? 
 Wir hatten eine lang andauernde Geschichte des Verlassens und Zurückkehrens. Zudem hatten wir immer eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber dem dänischen König. Wir betrachten uns als Isländer, und dieses Selbstbild hat recht alte Wurzeln. In Zeiten des Internets ist es natürlich selbst auf einer Insel beinahe unmöglich, isoliert zu bleiben. So fühlen sich auch die Isländer als Teil des globalen Netzwerks. Ein nicht zu unterschätzender Grund für dieses Zugehörigkeitsgefühl ist der Erfolg einiger unserer Künstler im Ausland. 
 
Wie wichtig ist der kulturelle Export? Wie stolz sind die Isländer auf Björk, Halldór Laxness oder Sjón?
 Die Menschen sind extrem stolz, wenn es einer Isländerin oder einem Isländer gelingt, weltweit erfolgreich zu sein. Als kleine Gesellschaft ist es oft schwer, seinen eigenen Urteilen zu trauen. Daher ist ein Erfolg im Ausland für den Künstler ebenso wie für die Leute zu Hause eine unglaublich wichtige Bestätigung der isländischen Kunst und Kultur. 
 
Betrachten die Isländer die Globalisierung als eine positive Entwicklung?
 Ich denke schon. Aber wir sind eine ziemlich Ich-bezogene Nation. Eine Kultur der Verpflichtung und Verantwortung gegenüber anderen Nationen oder der nachkommenden Menschheit existiert nicht. Es kommt beispielsweise so gut wie nicht vor, dass wir politischen Flüchtlingen Asyl gewähren. Wir waren nie an einem Krieg beteiligt, und wir mussten nie politische Unterdrückung oder gar eine Diktatur erleiden. Einerseits profitieren wir von der Globalisierung, gleichzeitig müssen wir aber anfangen umzudenken, mehr Verantwortungsgefühl zu entwickeln und uns die Auswirkungen der globalen Entwicklung in ärmeren Ländern verdeutlichen. Wir hoffen, dass die Menschen, die in den letzten zehn Jahren in unser Land gekommen sind, uns bezüglich dieser Verantwortungslosigkeit die Augen öffnen. 
 
Was sind aus Ihrer Sicht die Vorteile einer kleinen Gesellschaft?
 Einer der größten Vorteile einer kleinen Gesellschaft ist unweigerlich die Möglichkeit, die Dinge zu tun, die man gerne tun möchte. Wenn man eine Idee hat, ist es bei uns üblich, diese auch auszuleben und nicht darüber nachzudenken, ob man es wirklich machen sollte. Von diesem hohen Maß an Furchtlosigkeit und Waghalsigkeit profitieren besonders die Künste in Island. Man trifft auf Unterstützung oder auf Worte wie: „Was kann schon passieren? Es wird niemand daran sterben.“ Ungefähr so funktioniert die isländische Denke.
 
Norwegen ist knapp 1000, Schottland rund 800 Kilometer entfernt. Wer Island verlassen will, muss einen richtig großen Schritt machen.
 Daher springen wir. Unsere Stärke liegt darin, Dinge ins Laufen zu bringen. Wir haben allerdings Schwierigkeiten damit, sie dann am Laufen zu halten. Daher geht die Firmengeschichte eines isländischen Unternehmens auch nur selten mehr als 70 Jahre zurück, und ein solches Durchhaltevermögen gilt bereits als herausragend. Sobald etwas nicht ganz so gut läuft, macht man eben etwas anderes und versucht, sich in eine andere Richtung zu bewegen. 
 
Wo sehen Sie in Zukunft Konfliktpotenzial, wo Chancen für Ihr Land?
 Die großen Chancen sehe ich nicht nur im künstlerisch-kulturellen Bereich, sondern auch im wirtschaftlichen Sektor. In Dänemark sind isländische Geschäftsleute sehr erfolgreich, weil sie unglaublich schnell unternehmerische Entscheidungen treffen. Der größte Konflikt, der uns bevorsteht, ist sicherlich die Auseinandersetzung mit der Frage: EU-Beitritt – ja oder nein? Zurzeit werden bei uns immer mehr Stimmen laut, die sich dafür aussprechen, den Euro in Island als Zahlungsmittel einzuführen. Die Währung wäre in diesem Fall ein Trojanisches Pferd, um die Menschen auf einen bevorstehenden EU-Beitritt einzustimmen. Ich bin davon überzeugt, dass dies der richtige Weg ist. Hier sehe ich aber auch besonders bei Identitätsfragen Potenzial für Konflikte. 
 
Wird die ausgeprägte kulturelle Identität im Falle eines EU-Beitritts zu einer Abwehrhaltung?
 Wir haben eine so lange Geschichte des Kultur- und Spracherhalts hinter uns, dass die Menschen den heutigen Zustand als selbstverständlich ansehen. Auch in Zukunft sollten wir versuchen, unsere Sprache zu erhalten, indem wir ausländische Wörter in unsere Sprache übersetzen, anstatt sie einfach zu übernehmen. Im Falle eines EU-Beitritts kann ich mir gut vorstellen, dass sich die defensive Haltung der Isländer noch verstärken könnte. Wir müssen auf jeden Fall behutsam die vielen Möglichkeiten nutzen, um das, was wir als isländische Identität bezeichnen, zu schützen, ohne defensiv und unüberlegt zu handeln.
 
Zum Beispiel?
 Etwa in der Art, wie wir das Gedankengut verschiedener Nationen aufgenommen haben, uns davon inspirieren ließen und es an unsere Lebenswelt anpassten. Diese Fähigkeit zur Adaption ist ein sehr wirksames Instrument und sollte uns eigentlich die Angst vor einem überhand- nehmenden Einfluss von außen nehmen.
 
 
 
 

Das Interview führten Sebastian Kubitschko und Nikola Richter

 

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