Das Geheimnis unseres Erfolgs

Mikael R. Lindholm, Ausgabe I/2008, Ganz oben. Die nordischen Länder



Die nordischen Modelle waren nie marktwirtschaftlich gedacht sondern als gesellschaftliche Visionen

Das kleine Land im Norden zählt zu den Staaten mit den weltweit höchsten Steuersätzen, den kürzesten Wochenarbeitszeiten, den meisten Urlaubstagen, den höchsten Gehältern und öffentlichen Ausgaben, den meisten Gewerkschaftsmitgliedern und ganz allgemein dem schlechtesten Wetter. Paradoxerweise steht Dänemark trotz alledem Jahr für Jahr ganz oben in fast allen internationalen Rankings über die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit einzelner Staaten. Das gilt unter anderem für die Bewertungen des Weltwirtschaftsforums (WEF), des International Institute for Management Development (IMD), des Economist Intelligence Unit (EIU) und der Weltbank.Was das Paradox noch rätselhafter macht: Wenn man Erhebungen wie dem World Values Survey Glauben schenken darf, gehören die Dänen zu den glücklichsten und zufriedensten Menschen der Welt. Wie kommt das, fragte die Herald Tribune in einem großen Leitartikel, dass Dänemark – und andere nordische Länder, die ebenfalls weit oben in den internationalen Rankings auftauchen – solche Supernationen des freien Marktes wie die USA und Singapur in Sachen Wettbewerbsfähigkeit, einer der Grundfesten des Kapitalismus, hinter sich lassen? Oder, wie es die Herald Tribune formulierte: „Warum kann die Hummel so gut fliegen?“ Tatsache ist, dass Dänemark und die anderen nordischen Länder heute als Erfolgsmodelle gesehen werden, denen es in der globalen Wirtschaft besser geht als den meisten anderen. Sogar in Dänemarks führender Wirtschaftszeitung Børsen, die normalerweise über das dänische Modell samt seiner angeblich furchtbaren Steuerlast schimpft, war in einem bemerkenswerten Artikel zu lesen: „Das dänische Modell ist das erfolgreichste der nordischen Modelle und es hat bewiesen, dass die Verbindung von Wirtschaftswachstum und Wohlfahrt möglich ist.“  

 Worin besteht das Erfolgsgeheimnis? Merkwürdigerweise hat man momentan weder in Dänemark noch in den anderen nordischen Ländern eine überzeugende Antwort auf die Frage parat. Traditionelle Überlegungen zu makroökonomischen Faktoren scheinen hier nicht zu greifen. Es gibt keine einfache Erklärung für den Erfolg des Nordens, zumal sich die Länder im Hinblick auf geografische Bedingungen, industrielle Strukturen und wirtschaftshistorische Entwicklungen unterscheiden. Folglich kommen der Erfolg und das Lob überraschend und bleiben für viele ein Geheimnis – nicht zuletzt für Ökonomen.Tatsächlich waren die nordischen sozioökonomischen Modelle von Anfang an nie als Paradebeispiele der Marktwirtschaft gedacht, sondern als gesellschaftliche Visionen. Und deshalb hat der durch und durch kapitalistische Erfolg vor allem des letzten Jahrzehnts für Verwirrung im Weltbild einiger Ideologen gesorgt. So hat etwa der dänische Industrieverband für seine Jahrestreffen mit Tausenden führenden Wirtschaftkräften eine Agenda mit dem Ziel zusammengestellt, eine dänische Erfolgsstrategie zu finden, die Wachstum garantiert und Dänemark zu einer Siegernation machen könnte. Dabei wird die Tatsache völlig ignoriert, dass der Rest der Welt Dänemark und die anderen nordischen Länder ohnehin schon als Erfolgsmodelle sieht: Wir erzielen bereits Ergebnisse, von denen andere nur träumen können. Das Problem des dänischen Industrieverbandes ist, dass sich die Erfolge trotz der hohen Steuern und Gehälter und trotz des wachsenden Staatsapparates eingestellt haben. Denn genau davor warnt der Verband seit Jahren mit dem Hinweis auf einen drohenden Staatsbankrott. Schon deshalb ist das Interesse nicht sehr groß, die Gründe für Dänemarks spektakulären Erfolg zu erforschen.

 Doch wir müssen eine Antwort finden. Sollte es uns nicht gelingen, den nordischen Erfolg zu erklären und unsere Stärken zu analysieren, kann das Modell dem Rest der Welt nicht als Anregung dienen. Wenn wir die Grundvoraussetzungen und Aussichten falsch einschätzen, laufen wir im schlimmsten Fall Gefahr, politische Initiativen zu ergreifen, die ungewollt unsere dänischen Stärken unterminieren, statt sie zur Förderung der globalen Wettbewerbsfähigkeit weiterzuentwickeln. Augusto Lopez-Claro, der Chefökonom des Weltwirtschaftsforums, kommentierte die nordischen Länder im World Competitiveness Report von 2005 folgendermaßen: „Die nordischen Länder sind Vorbilder für den Rest der internationalen Volkswirtschaften. Sie haben ein paar Gemeinsamkeiten, die sie extrem wettbewerbsfähig machen. Dazu gehören eine sehr gesunde makroökonomische Grundstruktur und ausgesprochen transparente und effiziente öffentliche Einrichtungen einschließlich eines gesamtgesellschaftlichen Konsenses über die Prioritäten bei den Staatsausgaben. Theoretisch könnten hohe Steuersätze ein Problem sein, doch gibt es keine Beweise dafür, dass sie die internationale Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder oder den Lebensstandard der Bevölkerung, der zu den höchsten der Welt zählt, negativ beeinflussen. Tatsächlich waren die hohen Steuereinnahmen die Voraussetzung für den Ausbau eines der weltweit besten Bildungssysteme, für ein hohes Maß an Sicherheit und für die enorme Motivation einer hoch qualifizierten Arbeitnehmerschaft.“ Das alles kommt einer Infragestellung vieler herrschender Konventionen und Lehrmeinungen gleich. Hohe Steuersätze und eine hohe Staatsquote sind wirtschaftlich betrachtet aber nicht unbedingt negativ, sie können sogar zum Wachstum beitragen. Und obwohl es fast ketzerisch klingen mag, das zu sagen: Womöglich bietet das kollektiv finanzierte Sozialgefüge Dänemarks und anderer nordischer Länder mit ihrer sehr egalitären Auffassung von der menschlichen Natur bessere Strukturen hinsichtlich einer innovationsgetriebenen Ökonomie der Zukunft als das amerikanische Modell, das stärker auf Eliten fixiert ist und auf die individuelle Finanzierung durch den Verbraucher, oder als das autoritäre Modell Singapurs. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang – und ein Teil des dänischen Paradoxes – scheint, dass die Zahl der neu gegründeten Unternehmen pro Einwohner so hoch ist wie in den USA. Mit anderen Worten, die eingebaute Sicherheit, die sich in Dänemark, im internationalen Vergleich betrachtet, einem großzügigen, steuerfinanzierten sozialen Netz verdankt, verringert nicht die Motivation oder den Willen der Menschen, Risiken einzugehen. Im Gegenteil, die Kombination aus einer großen Bandbreite an Qualifikationen und einem engmaschigen Sicherheitsnetz erhöht die allgemeine Risikobereitschaft.Die gleiche Sicherheit zeichnet auch den dänischen Arbeitsmarkt aus. Das Modell der sogenannten flexicurity, der „Flexicherheit“, verbindet Flexibilität in den Anstellungsverhältnissen mit einem hohen Maß an Sicherheit.

In Dänemark gibt es einen Art gesamtgesellschaftlichen Konsens, der auf Vereinbarungen – statt auf Gesetzen – beruht. So können Arbeitnehmer zwar einfach eingestellt und auch einfach wieder entlassen werden, doch bekommt man dann ein hohes Arbeitslosegeld und gute Weiterbildungsmöglichkeiten, die von den Arbeitnehmern, den Arbeitgebern und dem Staat gemeinsam finanziert werden. Das führt zu einer erstaunlich anpassungsfähigen Arbeitnehmerschaft. Man ist es gewöhnt, öfter den Job zu wechseln, sich veränderten Anforderungen anzupassen und neue Gelegenheiten zu ergreifen. Die OECD nennt dieses Modell „das beste der Welt“ und empfiehlt seine Nachahmung.

Die Frage ist natürlich, ob sich das dänische Modell oder andere nordische Modelle überhaupt kopieren lassen. Eine wichtige Grundlage für das Arbeitsmarkt- und Sozialmodell sind das herrschende Menschenbild und eine Reihe von Werten und Einstellungen, die man nicht so leicht nachmachen oder übernehmen kann. Es ist in der Tat ein Glücksfall für die nordischen Länder, dass sich ausgerechnet ihre Werte und Einstellungen so gut für eine globalisierte, sich ständig verändernde Wirtschaft eignen.Zu diesem Schluss kommt auch ein Bericht mit dem Titel „Die nordische Region als eine globale Siegerregion“, den der Nordic Council of Ministers (Ministerrat der Nordischen Länder) und The House of Monday Morning, ein Kopenhagener Thinktank, herausgegeben haben. Der Bericht geht aus einer Serie von Interviews mit nordischen Meinungsführern hervor – Wirtschaftsbossen, Wissenschaftlern und Kulturschaffenden. Zu den Meinungsmachern aus Dänemark gehören: Jørgen Lindegaard, der Direktor von SAS Lars Kolind, Vorstandsvorsitzender von Grundfos Stine Bosse, Topmanager von Tryg Professor Ove Kaj Pedersen, Leiter des International Centre for Business and Politics der Copenhagen Business School Professor Nina Smith von der Aarhus School of Business Tor Nørretranders, Autor, und viele andere. Für diese Meinungsführer basiert das nordische Modell auf einer Reihe typisch nordischer Werte wie Gleichheit, Vertrauen, Integration, Flexibilität, Respekt, Arbeitsethik, Ästhetik und den relativ geringen Unterschieden zwischen Arbeitnehmern hinsichtlich ihres Sozialstatus und ihres gesellschaftlichen Einflusses. Diese Werte und Einstellungen wirken sich nicht nur allgemein auf das gesellschaftliche Zusammenleben aus, sondern sie dienen auch als Grundlage für eine ganze Palette an wirtschaftlichen Stärken. Die relativ wenig ausgeprägten Statusunterschiede etwa bringen es mit sich, dass mehr und weniger gut Ausgebildete sich untereinander austauschen können ein großes Maß an Vertrauen bedeutet, dass sich die Menschen in den nordischen Ländern grundsätzlich aufeinander verlassen können. Das sind sehr gute Voraussetzungen für eine Kooperation und für Innovationsleistungen in den nordischen Kulturen und mit Blick auf die Weltwirtschaft, in der ein schneller Austausch von Ideen und Innovationen einen Wettbewerbsvorteil bedeuten. In anderen Kulturen ist es oft schwieriger für jemanden mit einem geringeren Sozialstatus, seine Gedanken und Ideen etwa einem Topmanager mitzuteilen. Integration heißt, dass jeder dazugehört und das Recht auf eine gute Ausbildung hat, was wiederum der Ausbildungsqualität der Arbeitnehmerschaft zuträglich ist. Die protestantische Ethik – es zählt nicht, wer du bist, sondern, was du tust – führt zu einer Steigerung der Produktivität und dazu, dass sich neue Technologien und neues Know-how einfacher in die Arbeitsprozesse einbauen lassen. Die Faktoren, bei denen die nordischen Länder im internationalen Vergleich hervorragen, betreffen meist Stärken in der Gestaltung von Arbeitsprozessen und Arbeitsbeziehungen. Schon heute nutzen wir diese kulturbedingten Vorteile im wirtschaftlichen Wettbewerb – und sie sind einer der wichtigsten Gründe für die beeindruckenden Ergebnisse nordischer Länder.In Dänemark findet die Zukunft täglich statt. Falls, und ich sage falls, da zum jetzigen Zeitpunkt noch kein Wirtschaftsexperte empirische Beweise für meine Annahmen vorgelegt hat – falls diese kulturellen Stärken also wirklich einen Wettbewerbsvorteil bringen sollten und zugleich, da kulturbedingt, schwer nachzuahmen sind, dann sind die Aussichten für Dänemark und die anderen nordischen Länder in einer zunehmend globalisierten Ökonomie hervorragend.

In den kommenden Jahrzehnten könnten diese Vorteile noch sehr positive Auswirkungen haben. Eine dänische Studie zeigt zum Beispiel, dass 60 Prozent der dänischen Unternehmen „flach“ im Sinn eines horizontalen Netzwerkes organisiert sind, also nicht hierarchisch und autoritär. Die Anzahl der Dänen, die heute in selbst organisierten „high performance teams“ („Hochleistungsteams“) arbeiten, ist so groß, dass die Gewerkschaften sich sogar schwertun, ungelernte Kräfte in der Rolle von einfachen Angestellten zu halten: Immer mehr Arbeitnehmer sehen sich als Manager, betrachten ihre ganze Arbeitssituation aus der Perspektive eines Managers. Anders gesagt, die Unternehmenstypen, welche die Harvard Business Review noch analysiert und als Zukunftsmodelle preist, sind in Dänemark schon heute weit verbreitet.Dieses Bild wird durch eine amerikanische Untersuchung von Frank Dobbin und Terry Boychuk untermauert, derzufolge ein dänischer Vorarbeiter im industriellen Sektor an seinem Arbeitsplatz so autonom und unabhängig agiert wie ein US-Topmanager an seinem. Ein einfacher dänischer Industriearbeiter wiederum wird als Spezialist in seinem Arbeitsbereich gesehen und entscheidet so unabhängig wie ein Vorarbeiter in den USA. Derartige Faktoren spielen eine wichtige Rolle hinsichtlich einer Kultur der Innovation. In einer Studie aus dem Jahr 2000 gaben 69 Prozent der dänischen Angestellten an, ihre Ideen häufig in den Arbeitsprozess eingebracht und wichtige Aufgaben geplant zu haben weitere 20 Prozent meinten immerhin, sie hätten das von Zeit zu Zeit getan. Das heißt, bis zu 90 Prozent aller Angestellten bemühen sich um die Innovationsleistungen, die ihr Unternehmen braucht. Das kommt einer Mobilisierung der gesamten Bevölkerung gleich. Die Bedeutung dieser Mechanismen ist in dem Maß gewachsen, in dem sich der Konkurrenzdruck erhöht hat. Dennoch sind sie noch kaum herausgestellt worden. Tatsächlich finden viele dänische und nordische Manager heute amerikanische Managementmethoden und Organisationsformen attraktiver als nordische. Eine Umfrage aus dem Jahr 2004 zeigt, dass 25 Prozent der dänischen und schwedischen Manager finden, nordische Unternehmen sollten sich stärker amerikanischen angleichen nur neun Prozent meinten das Gegenteil.Solange also die dänischen und nordischen Stärken nicht hervorgehoben werden, können wir und andere nicht im vollen Maß von diesen Stärken profitieren. Wir laufen sogar Gefahr, diese Stärken zu unterminieren und sie durch etwas Schlechteres zu ersetzen. Mit anderen Worten, es gibt einen großen Bedarf an einer systematischen und professionellen Analyse des dänischen Modells. Zugleich sollten wir – auch nach Einschätzung nordischer Meinungsführer – in Dänemark und den anderen nordischen Ländern, sofern wir zu den zukünftigen Gewinnern in der globalen Wirtschaft zählen wollen, offensiv eine neue nordische Gesellschaftsvision formulieren. Sie sollte nicht die alte Vision vom Wohlfahrtsstaat ersetzen, sondern darauf aufbauen und dazu beitragen, dass die einzigartigen nordischen Stärken im globalen Zusammenhang greifen können.

Aus dem Englischen von Loel Zwecker

 

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