Plätze für ein Rendezvous

Sofiane Adjali, Ausgabe III/2010, e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert



Warum es in Algerien leichter ist, sich im Internet als im Café zu verabreden

Chat-Foren sind in Algerien sehr beliebt. Selbst bei internationalen Partnerforen wie Tchatche.com findet man bemerkenswert viele algerische Abonnenten. Die Nutzer würde ich in zwei Kategorien unterteilen: Es gibt diejenigen, die ganz ernsthaft nach einem Partner zum Heiraten suchen. Es gibt aber auch die anderen, meist jüngeren Leute, die einfach diskutieren und ihren Freundeskreis erweitern wollen.


In Algerien kann im Grunde genommen jeder ins Internet. 2005 wurde das Programm „Ousra Tic – ein PC pro Haushalt“ vom Ministerium für Information und Kommunikation initiiert und sorgt dafür, dass jeder Haushalt mit einem Computer und einem DSL-Internetzugang zu einem niedrigen, eher symbolischen Preis ausgestattet wird. Natürlich wird damit ein Markt eröffnet, der in Zukunft Geld einbringen soll. Dass Algerien aber auch ein modernes Land sein will, dessen Bevölkerung vernetzt und technisch gewandt ist, scheint dem Staat ebenfalls wichtig zu sein: Mittlerweile bekommen Grundschulkinder Informatikunterricht samt Einführung über die Nutzung des Internets.


Bei dieser Neuerung gibt es allerdings einen Generationskonflikt. Denn es ist oft so, dass die Eltern nicht verstehen, wie das Internet überhaupt funktioniert, und sich nicht vorstellen können, was da alles abgeht. Aber selbst wenn sie es verbieten würden, können die Kids ins nächste Internetcafé gehen, die es hier an jeder Straßenecke gibt. Da herrscht weder elterliche noch staatliche Kontrolle darüber, wer welche Seiten besucht.


Es gibt Leute, die meinen, dass Chatten im Internet zu keiner ernstzunehmenden Beziehung führt, dass dort nur oberflächliches Gequatsche stattfindet und dass es nichts mit der realen Welt zu tun hat. Ich bin zwar selbst kein Fan von diesen Foren, aber diese Meinung kann ich nicht uneingeschränkt teilen: Um mich herum habe ich oft das Gegenteil bemerkt, dass eben Chatten zu echten Rendezvous führt. Ein Freund von mir hat auf diesen Weg seine jetzige Freundin kennengelernt. Außerdem kann man sich im Internet freier ausdrücken, teilweise sogar besser kennenlernen. Es gibt keine Tabus mehr, man redet viel ehrlicher über sich selbst, seine Träume und Wünsche, manchmal auch über Sexualität. Dabei spielt das Aussehen zunächst eine geringe Rolle, denn man sieht sich nicht: Es zählen erstmal die Gemeinsamkeiten, ob man dieselben Sachen mag, dieselben Ansichten teilt.


Ich habe gehört, dass die Kontrolle nun verstärkt werden soll. Ob wegen staatlicher Zensur oder um sich den Industrieländern und ihren Standards anzuschließen, weiß ich nicht. Sich illegal Filme, Musik und teure Software über das Internet zu besorgen, ist fast schon zum Nationalsport geworden. Das liegt daran, dass geistiges Eigentum und Urheberrechte in Algerien nicht geschützt werden. Jeder weiß, dass sogar staatliche Unternehmen die gesamte Microsoft-Produktpalette gratis benutzen. Trotz aller jetzigen Vorteile wäre es vielleicht fairer, Urheberrechte zu respektieren. Darüber hinaus würde die Gefahr bekämpft, dass Kinder auf pornografische Seiten stoßen, die ja auch frei zugänglich sind. Das finde ich wichtig, vor allem, wenn Eltern keinen Durchblick haben. Internet kann auch den negativen Einfluss haben, dass manche Jugendliche gar kein Leben mehr außerhalb des Computers haben, keine sportlichen oder kulturellen Aktivitäten mehr ausüben. Die werden hier „No-Life“ genannt. Ich selbst nutze den Computer am liebsten für interkulturellen Austausch, vor allem zwischen Algerien und Frankreich. Auf diese Weise habe ich Leute kennengelernt, die uns besucht haben und positiv überrascht wurden: Sie dachten, wir wären sehr verschlossen. Doch das Gegenteil stimmt: Die Jugend mag es, zu feiern und Spaß zu haben. Ausgerechnet während des Ramadans finden hier die meisten Rendezvous statt. In dieser Zeit gibt es auch sehr viele Konzerte, von denen wir erst gegen drei oder sogar vier Uhr in der Frühe nach Hause kommen. Wann und wo so ein Konzert stattfindet, erfährt man übrigens im Internet! Wir sind in einem Alter, wo die Entdeckungslust groß ist. Die algerische Jugend ist aber arm und kann nicht so einfach reisen. Das Internet ist daher unser offenes Fenster in die Welt.
 
 

Protokolliert von Elise Graton

 

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