Für Selbstversorger: Supergas

Rasmus Nielsen, Ausgabe I/2008, Ganz oben. Die nordischen Länder



Das dänische Designbüro Superflex hat einen Ballon konstruiert, der aus Abfall Energie macht. Ein Gespräch mit Rasmus Nielsen, einem der Erfinder von „Supergas“

Sie haben 1997 Supergas erfunden, einen tragbaren Ballon, in den man Dung und biologische Abfälle füllt, die in einem Druckverfahren in Gas umgewandelt werden. Das Supergas kann man zum Kochen, Heizen oder Beleuchten verwenden. Sie haben die Ballons in Kambodscha, Thailand und Tansania ausprobiert. Wie hat den Menschen dort Ihre Idee gefallen? 
 Sie interessieren sich sehr für die Technologie. In den Gegenden gibt es viele organische Stoffe, zugleich herrscht ein Mangel an Energie, weil Brennstoffe fehlen. Die Menschen müssen entweder fossile Brennstoffe kaufen oder den Wald roden. Es gibt keine finanzielle Unterstützung, um gute Energiesysteme weiterzuentwickeln. In der Biogastechnologie ist in den letzten vierzig Jahren wenig passiert. Wenn man aber nach einer langen Zeit mit einem neuen Konzept ankommt, interessieren sich die Leute dafür.
 
Für wie viele Menschen ist ein Ballonsystem gedacht? 
 In Tansania haben wir mit einer Organisation zusammengearbeitet, die sagte: Vergesst kollektive Verantwortung. Wenn eine Familie Eigentum hat, wird sie darauf aufpassen. Organisiert man die Dinge zu kollektiv, geht der persönliche Bezug verloren. Es muss also mit dem Gasballon wie mit dem Auto sein, das einer Familie gehört, oder dem Fahrrad: Man muss stolz darauf sein. Ich kann natürlich nur für die Gegend in Tansania sprechen, wo wir den Ballon aufgebaut haben. Woanders mag es anders sein. Wir haben auch festgestellt, dass es technisch kompliziert wird, wenn man die Systeme zu weit entfernt von den Familien aufbaut. Man braucht dann aufwendigere Rohrsysteme und mehr Druck. 
 
Welche Rolle spielt das Design der Ballons für Sie?
 Das war uns sehr wichtig. Nur, weil es für die Dritte Welt und für den landwirtschaftlichen Bereich ist, muss es ja nicht wie der letzte Dreck aussehen. Wenn das Design gut ist, sozusagen der iPod der Biogassysteme, dann wird es auch gut ankommen. Ästhetische Biogasanlagen zu entwerfen war an sich schon eine neue Art, darüber nachzudenken. Bei anderen Produkten finden wir das normal. Wenn Mercedes einen neuen Wagen auf den Markt bringt, muss er ästhetische Qualitäten haben. Das wollten wir auch. Unser System sieht man schon von Weitem. Wir fanden das auffällige Orange gut.Bisher haben Sie keinen Investor gefunden, der bereit ist, die Herstellung des Ballons zu finanzieren. Viele denken, dass die Menschen in der Dritten Welt kein Geld haben oder zumindest nicht genug und sich deshalb ein Geschäft nicht lohnt. Unsere diesbezüglichen Versuche fanden auch vor der Klimadebatte statt – Prä-Al Gore sozusagen. Vielleicht gibt es jetzt andere Möglichkeiten. Aber: Wir sind auch nur drei Künstler, die eine Idee hatten. Es braucht mehr, wenn man richtig was organisieren will. In Organisationsfragen oder bei der Zusammenarbeit mit Universitäten haben wir nicht viel Routine. Unsere Vorgehensweise ist nicht akademisch. Wir graben eher ein Loch und probieren die Sachen aus. Wir schreiben keine Forschungsberichte. Doch gerade die Entwicklungshilfe hat eine sehr eigene Sprache.
 
Haben Sie Ihre Idee dem dänischen Entwicklungshilfeministerium vorgestellt?
 Wir haben Verschiedenes versucht. Ich denke, wir sind zu unorthodox, um in die Welt der Entwicklungshilfe zu passen. Am meisten Unterstützung, auch finanzielle, haben wir von der Technischen Universität bekommen. Da sagte man uns, das sei eine gute Erfindung. Wir haben sie sogar patentiert, das war bereits in den 1990er-Jahren. Wir haben das nicht gemacht, weil wir das Patentsystem so toll finden, sondern weil es hilft, wenn man Investoren überzeugen will. Mit einem Patent werden Ideen nicht so einfach als Spinnerei abgetan. Wir haben jetzt also Patente in Südafrika, Indien und China. Aber wir würden keinen Bauern, der die Anlage bauen will, verklagen. 
 

Was würde es kosten, den Ballon serienmäßig herzustellen? 
 Man braucht verschiedene Teile. Für das Ventil zwischen den Behältern müsste man einen Prototyp für etwa 15.000 Euro anfertigen. Danach würde jedes Ventil ungfähr 1,50 Euro kosten. Die Ballons kann man oft vor Ort bekommen, andere Teile auch. Es ist schwierig, einen genauen Preis zu nennen, denn man kann die Anlage aufwendig oder in viel einfacheren Versionen bauen.
 
Sind Sie enttäuscht, dass Ihre Erfindung bisher nicht bei den Leuten ankommt, für die sie gedacht ist?
 Ich glaube, alle Erfinder gehen durch die Phase, in der sie etwas schaffen und sehen: es funktioniert. Von dort bis zum fertigen Produkt im Laden ist es noch einmal ein ganz anderer Weg. In den Bereichen Geld und Logistik sind andere Fähigkeiten gefragt. Ich nehme an, dass viele Erfinder diese Situation kennen. Zuerst denkt man, man könne alles machen, dann merkt man, dass das nicht stimmt. Wir bräuchten jetzt zehn Ingenieure, die Pläne zeichnen und unsere Idee weiterentwickeln. Wenn jemand käme, um uns zu unterstützen, würde uns das sehr freuen. Momentan hängt alles davon ab, dass wir hier eine kleine Unterstützung bekommen und da ein paar Kunstwerke verkaufen, um das Geld zur Finanzierung unserer Forschung zusammenzubekommen. Was wir brauchen, ist eine Organisation, die das Projekt weitertreibt. Ich denke aber auch nicht, dass es automatisch voranginge, wenn Sie mir jetzt auf der Stelle eine Million geben würden. Das wäre ohnehin schwierig ...Und darum geht es auch gar nicht. Wir brauchen etwas anderes, eine ...
 
... Struktur? 
 Ja. Mercedes, BMW, Siemens, ein Unternehmen, das industriell fertigt und sagt: Es gibt weltweit Millionen Familien, die Schwierigkeiten mit der Energieversorgung haben, aber auf organische Stoffe zugreifen können. Sie produzieren eine Menge CO2, wenn sie Wälder roden oder Benzin zum Kochen benutzen. Da wäre eine Technologie gut, mit der sie ihre eigene Energie erzeugen können. Das wäre ein Riesengeschäft, zugleich hätte es auf einer übergeordneten Ebene immense Vorteile. In Tansania, wo wir mit dem Projekt anfingen, werden achtzig Prozent des Bruttonationaleinkommens für den Import von Brennstoffen ausgegeben. Eine unabhängige Energieversorgung wäre ein enormer ökonomischer Vorteil. Dafür brauchen die Menschen technische Unterstützung. Niemand will so etwas für die Bauern in der Dritten Welt machen. Wir brauchen einen, der sagt: Wir haben gesehen, dass das Konzept trägt und das Modell funktioniert. Wir würden gerne ein Produkt daraus machen.
 
Funktionieren die ersten Versuchsballons heute noch?
 Der erste funktioniert nicht mehr. Zuerst bekam er Löcher, welche die Leute noch flicken konnten, aber irgendwann war er kaputt. Der andere Ballon, den wir aus stabilerem Material gebaut hatten, ist intakt. Wasserkanister anstelle der Ballons halten auch sehr gut, sind aber viel teurer. Der Supergas-Ballon wird als Kunstobjekt auch in renommierten Museen gezeigt, etwa in Japan, Amerika oder Australien.
 Die Idee wurde im Kunstbereich öffentlich. In Spanien wirkten die Ballons wie eine Skulptur aus der Kunstsammlung des Museums. Man kann sie in sehr unterschiedlichen Kontexten präsentieren. Dem spanischen Kunstpublikum geht es natürlich nicht so sehr um die Unterschiede zwischen den Fäkalien von Kühen oder Schweinen und wie man sie nutzen kann. Hier geht es um eine Denkweise: darum, wie man Produkte für Menschen in der Dritten Welt herstellen kann, die nachhaltig nützen. Wir benutzen das Projekt, um Fragen zur Ersten und Dritten Welt zu diskutieren, grundsätzliche Themen. In der Kunst kann man Dinge vorschlagen, die später im größeren gesellschaftlichen Rahmen bedeutsam sind. Unsere Arbeit fällt in diesen Bereich: Wir wollen armen Familien eine bessere Energieversorgung ermöglichen und dabei mit einfachen Mitteln einen praktischen Nutzen erzielen. Und wir haben uns gesagt: „Wow, das ist ja irre, dass so viel Energie in Scheiße steckt.“ Warum sie also nicht nutzen?
 
Ist das die Zukunft des Designs – etwas zu entwerfen und damit weiterführende Fragen zu stellen? 
 Ich glaube, es gibt einen großen Bedarf an intelligenten Produkten. Solche, die nicht nur von Werbe- oder Marketingfirmen erfunden werden. Wenn wir im Kapitalismus leben, was bis auf Weiteres der Fall ist, muss man auch mit den Mitteln des Kapitalismus kommunizieren. Und diese Mittel sind Produkte beziehungsweise die Produktion. Deshalb sollten wir Dinge herstellen, zu denen wir eine Beziehung haben und die dazu beitragen, dass wir uns selbst besser verstehen. Ich denke, wir brauchen wirklich intelligente Produkte. 
 

Das Interview führte Jenny Friedrich-Freksa

 

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