„Wir fangen an, Fragen zu stellen“

Weiwei Ai, Ausgabe III/2010, e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert



Zwischen Zensur und neuer Freiheit: Demokratisiert sich China im Internet? Ein Gespräch mit dem Künstler Ai Weiwei

Sie sind einer der bekanntesten chinesischen Künstler weltweit. Wie kommt es, dass Sie in Ihrer Heimat als Künstler kaum wahrgenommen werden – dafür als Blogger aber sehr prominent sind?
Ich konnte in China bisher nie in einem größeren Rahmen ausstellen und an einem Ort, der vertrauenswürdig ist. Nur einen Teil meiner Arbeit zu zeigen, käme mir sehr begrenzt vor, denn dann kann sie ihre Bedeutung nicht entfalten. Ich habe zwar einen Kurator in China und auch einen Ort, an dem ich manchmal etwas zeige. Doch wir leben hier in einer sehr anderen Welt. Der Blick, mit dem entweder Chinesen oder eben Leute aus dem Westen auf mich und meine Arbeit schauen, ist oft sehr eindimensional. Aber alles verändert sich. Wenn ich hier morgen eine Ausstellung zeigen würde, könnte es sein, dass die Chinesen ein ganz anderes Bild von mir bekämen. Doch im Augenblick ist die Gesellschaft hier nicht wirklich offen für moralische oder philosophische Fragen. 


Wie verändert sich China derzeit durch digitale Medien und das Internet?
Veränderungen kann man oft nicht besonders klar beschreiben. Leute von außen nehmen sie aus anderen Perspektiven und mit ihren persönlichen Einschätzungen wahr. Natürlich denken wir, dass die digitale Technik die stärkste Technik ist, die je von Menschen erfunden wurde.Sie beeinflusst die Art und Weise, wie wir uns selbst als menschliche Wesen wahrnehmen. Das ist das, was die größte Veränderung ausmacht. 


Inwiefern – was macht uns heute als Menschen aus? 
Ich denke, wir waren andere Menschen, bevor es die Internet-Technologie gab. Wir Menschen können jetzt auf sehr unterschiedliche Weise geformt werden. Wir können auch unsere Rechte auf sehr unterschiedlichen Kanälen wahrnehmen oder Macht auf viele Arten ausüben. Diese Vielseitigkeit bedeutet eine Neudefinition sowohl der Individuen als auch der Gesellschaft.
 
Was sind für Sie die interessantesten Entwicklungen in den Blogs und sozialen Netzwerken?
Für mich ist Twitter die interessanteste Entwicklung. Das Besondere an der chinesischen Sprache ist, dass sie auf dem gleichen Platz zehnmal mehr Informationen unterbringen kann als etwa das Englische. Die Begrenzung von Botschaften auf 140 Zeichen, wie Twitter sie vorgibt, ist sehr effizient. Man kann hier durchaus Meinungen austauschen und politische Themen diskutieren. Die meisten Seiten sozialer Netzwerke sind in China gesperrt, aber Twitter funktioniert. Man kann es zwar nicht direkt benutzen, sondern nur, indem man Umwege über andere Webeiten nimmt, aber es geht. In China ist es nicht sehr üblich, frei heraus zu sprechen oder Fragen zu stellen, aber auf Twitter tun die Menschen das: Sie reden über ganz unterschiedliche Themen, sie fragen und antworten. Das Internet bietet die Möglichkeit, das eigene Wissen auszubauen. Zwar sind viele Seiten zensiert oder Informationen werden unvollständig dargestellt – dennoch ist es fantastisch für China, das Internet zu haben.
 
Ohne die technische Entwicklung fänden die Veränderungen in der Diskussionskultur also nicht statt?
Wenn Transformation bedeutet, dass alte Strukturen sich verändern und sich Neues auftut, dann hängt Chinas Situation stark von diesen neuen Möglichkeiten ab. Wir haben hier eine sehr spezielle Situation, was Meinungs-und Pressefreiheit angeht. Ich denke, die Veränderungen geschehen derzeit in allen Aspekten des täglichen Lebens der Menschen: wie sie ihre Informationen bekommen, wie sie mit ihrem Wissen umgehen, wie sie sich selbst darstellen – oder wie sie lernen, sich mit anderen Menschen zu vernetzen und Meinungen auszutauschen. Diese Meinungen bilden eine politische Bewegung, die es ohne die Internet-Technologie nie geben würde. 
 
Ist das eine reale politische Bewegung, die da entsteht, oder eher eine virtuelle?
Es gibt viele politische Bewegungen, die aus dem Internet kommen. Der Kampf um Meinungsfreiheit ist doch bereits eine politische Bewegung. 
 
Findet diese Bewegung nur im Internet statt?
Nein, die Leute protestieren auch im realen Leben, sie treffen sich, sie haben alle möglichen Verbindungen. Sie sammeln Informationen. Sie kämpfen, um ihre Rechte zu schützen. Und man kann jeden Tag, jede Minute die Ergebnisse sehen. Es passiert sogar, dass die Regierung ihre Politik ändert, dass sie sich anpasst, obwohl sie es eigentlich nicht möchte.
 
Wie reagiert die chinesische Regierung auf die Entwicklungen im Internet?
Sie versucht alles zu tun, was möglich ist, um die Freiheit junger Menschen im Internet einzuschränken. Die Behörden sind technisch auf dem gleichen Stand und geben unglaublich viel Geld für Zensur aus. Dennoch gibt es nach wie vor sehr viele Wege für Menschen, Informationen zu erhalten und ihre Meinung untereinander auszutauschen.
 
Eine Möglichkeit, Botschaften zu verpacken, sind Spoof-Videos, mit deren Hilfe man Zensurfilter, die für Textseiten im Internet angewendet werden, umgehen kann? Was halten Sie davon?
Ich erinnere mich an acht neue Filme in diesem Jahr, die heruntergeladen werden konnten. Etwa 100.000 Menschen bekommen dann Informationen aus diesen Filmen. Ich denke, das ist eine sehr gute Idee, um die Zensur zu umgehen, denn wir haben nicht viele Möglichkeiten dafür. 
 
Glauben Sie, das Internet mit seinen Kontaktmöglichkeiten spielt derzeit in China eine größere Rolle als in anderen Ländern?
Natürlich haben wir in China völlig andere Diskussionen als anderswo. Wir haben kein YouTube, kein Facebook oder Google. Wir haben nur eine Art internen Internet-Server, einen „Partei-Anschluss“ mit viel Propaganda, manipulierten Bildern und Informationen und ohne echte Diskussion. Wenn man allerdings diese „Great Firewall“ überwindet, kann man sehr interessante Diskussionen führen.
 
Macht es für Sie einen Unterschied, ob Sie als Künstler mit dem Publikum einer Ausstellung kommunizieren oder als Blogger mit Lesern im Internet?
Ich verbringe fast meine gesamte Zeit im Netz, denn es gibt dort so viel zu lernen. Ich will all diese neuen Möglichleiten kennenlernen und sehen, was aus diesem Internet herauskommt. Es gibt ein Leben dort, es ist nicht nur ein Angebot oder eine Maßnahme: Es gibt ein wirkliches Leben dort. 
 
Sehen Sie nur Vorteile in den neuen Techniken oder auch Gefahren?
Natürlich sehe ich auch Gefahren, denn nicht nur wir nutzen die Technik, sondern auch Regierungen oder die Wirtschaft. Diese Kräfte können viel beschädigen und zerstören. Wir wissen ja gar nicht wirklich, was diese Technik alles kann. Anhand der derzeitigen Wirtschaftskrise sehen wir aber, wie schnell es gefährlich werden kann. 
 
Große Konzerne wie Google oder Apple entscheiden mit darüber, welche Inhalte wir im Netz finden oder zu sehen bekommen. Beunruhigt Sie das?
Ja, das ist wirklich verrückt, weil wir ja nicht wissen, was die Konzerne mit dem Internet vorhaben. Technik wird ja immer von Interessengruppen weiterentwickelt. Wer weiß schon, gegen wen die sich verschwören. 
 
Was glauben Sie, wie sich die digitale Technik in den nächsten Jahren entwickeln wird?
Ich denke, immer mehr Menschen werden abhängig von der digitalen Technik und werden sich auf sie verlassen. Einige werden sehr davon profitieren, andere nicht. Man kann das jetzt noch nicht sagen. 
 
Begrenzt das Internet unsere kreativen Fähigkeiten oder fördert es sie?
Nichts begrenzt unsere Kreativität – nur wir selbst. 
 
Das Internet ist das größte Archiv der Welt. Wie gehen wir hier mit dem Bewahren unseres Wissens, unserer kulturellen Vergangenheit um?
Ich denke, die neue Technik befreit die Menschen von dem Diktat des „Du musst dies wissen oder jenes“ und von der Erziehung des „Hieran musst du dich erinnern“. Heute brauchst du nur den Zugang zu der Information, die du selbst finden möchtest. Unsere Vorstellung, was Wissen ist, verändert sich stark.
 
Was bedeutet für Sie Wissen?
Wissen ist der Weg, den du kennst, um Wissen zu finden.
 
Was war das Interessanteste, was Sie in der vergangenen Woche im Internet gefunden haben?
Das war viel zuviel, das kann ich Ihnen wirklich nicht mehr sagen.

Das Interview führte Jenny Friedrich-Freksa
 
 Siehe auch Henry Li Siling: 
 Schwer zu zensieren, Seite 56

 

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